22. Juli 2008 Manchmal entflieht Wolfgang Engelhardt der Erde. An Abenden nach einem anstrengenden Arbeitstag zum Beispiel. Sechzehn Stufen über dem Boden hält er dann inne. In einem hölzernen Raum geht er auf Abstand. Das Gebilde gleicht einer Nuss auf Stahlstelzen und ragt bis hinauf ins Geäst des Walnussbaums.
Von hier oben sehen die Dinge anders aus. Nicht, dass quälende Fragen des Alltags hier für Engelhardt an Bedeutung verlören - etwa, ob die Chinesen seinem Unternehmen die notwendige Passage bieten werden, um eine technische Anlage in Thailand termingerecht aufzubauen? Oder ob er weiterhin im Wettbewerb bestehen wird? Fragen, die man sich als selbständiger Geschäftsmann eben stellt. Doch im Baumhaus fallen sie nicht mehr so stark ins Gewicht. Für den Moment jedenfalls. Von Termindruck, Verhandlungen, dem ganzen lauten Alltagsleben kann ich mich hier erholen, sagt der Düsseldorfer und lässt sich in den grauen Filzbezug des Baumhausbetts sinken.
Ein Platz, an dem die Dinge wieder im Lot sind
Es ist ein Himmelbett - durch das Fenster in der gewölbten Decke sieht Engelhardt hinauf ins grüne Laub des Baums, ins Blau des Himmels und atmet den Duft des hellen Holzes ein. Laudate Dominum - Lobet den Herren von Mozart erfüllt den neun Quadratmeter großen Raum Herrlich, seufzt Engelhardt. Nach allen Seiten kann man von hier aus hinaus ins Grüne blicken: Richtung Haus, in die umliegenden Gärten. Und wären die Wohnhäuser an der Rückseite nicht, vermutlich bis hinunter zum Rhein. Eine Stunde hier drin, und das Leben sieht wieder anders aus, sagt der 58-Jährige. Das Baumhaus ist für ihn der Platz, an dem er mit sich ins Reine kommt, die Dinge wieder im Lot sind.
Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt, behaart und mit böser Visage. Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt und die Welt asphaltiert und aufgestockt, bis zur dreißigsten Etage. Als Erich Kästner diese Zeilen 1932 dichtete, um die Entwicklung der Menschheit zu beschreiben, waren Wortungetüme wie Flächenfraß und Landschaftszersiedelung noch nicht geboren, Trabantenstädte wie Köln-Chorweiler oder Berlin-Gropiusstadt noch nicht aus dem Boden gewachsen. Bessergestellte Familienväter pflegten in jenen Tagen hinter einem großen Schreibtisch in ihrem finsteren Herrenzimmer, umgeben von Holztäfelung und Geweihen, zu sich zu kommen. Im 21. Jahrhundert passt das nicht mehr. Und so zieht es einen wie Engelhardt wieder zurück in den Schutz der Bäume. Zumindest zeitweise und mit Komfort.
Fortsetzung des eigentlichen Lebensraums
Der Unternehmer sitzt, übrigens keinesfalls monströs behaart, mit einem Glas Rotwein in der Hand und einem ausgesprochen freundlichen Lächeln im Gesicht auf seiner Baumhausterrasse. Hier oben beschränkt der Ingenieur sich aufs Wesentliche: Der Freisitz ist gerade groß genug für zwei, vielleicht drei. Drinnen gibt es nur das Einbaubett, unter dem Schubladen Stauraum bilden, ein paar Regale, die Stereoanlage, eine kleine Elektroheizung und jede Menge Licht, um ausgiebig zu schmökern. Das war's. Keine Möbel, kein Nippes, keine Bilder, die ablenken.
Ein bisschen erinnert der Raum an eine Bootskabine. Fühlen Sie das? Wie sich das Haus bewegt, fragt der Besitzer. Wenn der Wind an den Ästen rüttelt, dann wankt die Terrasse, die um den Baumstamm gebaut ist und über Stahlseile an den Ästen hängt. Und auch die Stelzen haben Spiel.
In Amerika zum Beispiel gibt es ja komplette Häuser in den Bäumen, erzählt Engelhardt. Seine Wohn-Nuss ist für ihn dagegen die Fortsetzung seines eigentlichen Lebensraums. Der liegt etwa 30 Meter entfernt im vorderen Teil des Gartens. Dort wohnt der Unternehmer mit seiner Frau und den drei Kindern in einem schönen, großzügigen Reihenhaus aus den dreißiger Jahren. Es liegt in einem der feinen Stadtteile Düsseldorfs.
Die alteingesessene Gemeinschaft im Viertel dachte, wir leisten uns einen Aprilscherz, erinnert sich Engelhardt an die Reaktion einiger Nachbarn, als er am 1. April 2007 mit dem Bau seines Baumraums begann. Doch dem Unternehmer war es ernst, schließlich hat er nicht nur einige Wochen Zeit, sondern auch eine nicht ganz kleine Summe in den Bau investiert.
Eine 2,4 Tonnen schwere Walnuss
Ein eigenes Baumhaus zu besitzen - Engelhardt hat diesen Traum in seiner Kindheit nie geträumt, wie er erzählt. Viele erfüllen sich den Wunsch später als Erwachsene, indem sie den eigenen Kindern ein Versteck im Geäst zimmern. Anders Engelhardt. Erst vor wenigen Jahren war in ihm der Wunsch nach einem solchen Refugium gereift. Und das eigentlich auch nur durch Zufall, wie er erzählt.
Eines Tages hatte er im Radio einen Beitrag über den Baumhausarchitekten Andreas Wenning gehört. Der Bremer hat sich auf den Bau dieser besonderen Immobilienart spezialisiert und erzählte in der Radiosendung über seine Häuser, die Menschen, die sie bestellen, und das ungewöhnliche Erlebnis, sich hoch im Baum aufzuhalten.
Engelhardt war begeistert. Er nahm Kontakt zu dem Planer auf und ließ sich von ihm einen Entwurf anfertigen. Als Bauplatz kam im Gartengrundstück nur ein Flecken in Frage: der Walnussbaum, genauer gesagt, dessen rechte Seite. Weil der Baum das 2,4 Tonnen schwere Gehäuse nicht tragen kann, steht es auf Stelzen. Die Terrasse ist direkt um den Baumstamm herum gebaut.
Das schlimmste war die Anlieferung
Die wichtigste Frage für die Baumhausbauer lautete: Kann man das dem Baum eigentlich antun? Engelhardt und sein Architekt klärten sie, indem sie einen Gutachter beauftragten. Dieser prüfte, ob der Baum der Belastung überhaupt gewachsen war. Man muss da gefühlvoll drangehen, berichtet der Besitzer. Die Gurte etwa, mit denen die Terrasse an den Ästen fixiert ist, sind Spezialanfertigungen, damit der Baum nicht verletzt wird.
Die örtliche Baubehörde habe dem Bau sofort zugestimmt. Auch die Nachbarn zur Linken und Rechten des Grundstücks gaben ihr Einverständnis, denn das Baumhaus hält sowohl die übliche Abstands- als auch Höhenbegrenzung ein. Wirklicher Aufwand war die Anlieferung, erinnert sich Engelhardt. Da das Objekt in Fertigteilen auf das Grundstück geschafft wurde, musste der Bauherr eine Straßensperrung beantragen, zudem war es nötig, die Haltestelle des örtlichen Linienbusses für ein paar Stunden zu verlegen. Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich es mir vielleicht noch mal überlegt, stöhnt der Besitzer. Es klingt jedoch nicht so, als würde er es ernst meinen.
Kein Spielplatz, sondern Rückzugsort
Nach drei Wochen Bauzeit war Engelhardts Baumraum fertig. Seither genießt er die freien Stunden hoch im Walnuss-Raum, allein oder gemeinsam mit seiner Frau. Natürlich lieben auch die Kinder diesen Ort, sagt der Besitzer. Hier oben, fern des elterlichen Blicks und doch geborgen, lässt es sich herrlich spielen und träumen. Und Geschichten erzählen. Das ist ein schöner Platz für die Familie - zum Erzählen und Vorlesen, schwärmt Engelhardt. Manchmal darf der Nachwuchs hier mit Freunden übernachten, allerdings legt der Vater Wert darauf, dass im Baumhaus Ordnung herrscht.
Denn in erster Linie ist es kein Spielplatz, sondern sein Rückzugsort, an dem er zu sich kommt. Wenn ich an einem schlechten Tag eine Stunde hier drin verbringe, dann sieht die Welt einfach schon wieder anders aus.
Text: F.A.S.
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21:52 21:50 21:44Hoeneß sollte sich zurückhalten!!!
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