Anders Wohnen (6)

Ein Leben mit Ponys, Schafen und Bibern

Von Jörg Niendorf

Die Havel bei Kilometer 32,65: Hier lebt das Ehepaar Wuttich in einem Schleusenwärterhaus

Die Havel bei Kilometer 32,65: Hier lebt das Ehepaar Wuttich in einem Schleusenwärterhaus

28. Juli 2008 Die Havel bei Kilometer 32, es naht die Schleuse Schorfheide. Gleich nach einer scharfen Linkskurve kommen rote Lichter in Sicht. Das Kanu gleitet übers Wasser auf die Schleuse zu. Halb versteckt steht an der Waldkante das Schleusenwärterhaus.

Im Schleusenbecken dann, bei „km 32,65“, wirkt dieses Wärterhaus hinter seinen Hecken und Rosengärten erhaben. Hier, mitten in einem Naturschutzgebiet, liegt eine ehemalige „Strommeisterei“, früher war sie die Inspektion für einen großen Flussabschnitt und mehrere Schleusen. Heute wachen ihre privaten Besitzer nicht mehr über den Schiffsverkehr, sondern über Biber und Otter oder seltene Fischarten wie Bitterlinge und Rapfen. Ehrenamtlich, versteht sich.

Das Haus stand lange leer

Sie fürchten die Einsamkeit in der Schorfheide nicht: Helga und Siegfried Wuttich

Sie fürchten die Einsamkeit in der Schorfheide nicht: Helga und Siegfried Wuttich

Schon 1995 sind Helga und Siegfried Wuttich in das stolze Haus an der oberen Havel gezogen, zunächst zur Miete. Seit Ende der achtziger Jahre war es unbewohnt. Die Schleusenwärter kamen seither lieber mit dem Moped durch den Wald zum Dienst gefahren. In so tiefer Abgeschiedenheit wollte niemand leben. Mittlerweile arbeitet die Schleuse automatisch, sie braucht keine Angestellten mehr.

So sind die Wuttichs ganz allein auf weiter Flur. „Das nächste Haus ist fünf Kilometer entfernt“, sagt Siegfried Wuttich. Dort, im Dorf Hohenfelde, steht auch ihr Briefkasten. An die Toreinfahrt dieses Nachbarn haben sie ihn montiert, denn der Postbote fährt nicht für sie allein zehn Kilometer weit über holprige Waldwege.

Markiert haben sie ihr Anwesen im Wald trotzdem. „Schleuse Schorfheide“ steht auf einem Blechschild an der alten Scheune neben ihrem Wohnhaus, und daneben ist sogar eine Hausnummer 1 ans Eingangsgatter genagelt. Von Amts wegen waren die Schilder nötig, erzählt Helga Wuttich.

Besucher finden nicht alleine hin

Das Haus ist nicht leicht zu erreichen. Besucher verabreden sich mit den Eigentümern an einer Schranke am Eingang des Waldes, lassen sich von ihnen mit dem Auto abholen, oder man wählt den Wasserweg.

Gern präsentieren die Eheleute, die beide um die 70 sind, was sie selbst geschaffen haben. Containerweise hatten sie alten Hausrat abtransportieren müssen, erzählen sie. Einen großen Geländewagen schafften sie sich dazu als Erstes an. Außerdem kauften sie drei Schafe, die der Wiese vor dem Haus Herr werden mussten. „Erst danach konnten wir einen Garten anlegen“, sagt Helga Wuttich.

Ein Leben mitten in der Natur: Das nächste Haus ist fünf Kilometer entfernt

Ein Leben mitten in der Natur: Das nächste Haus ist fünf Kilometer entfernt

In den Jahren der DDR war das aus dem Jahr 1922 stammende Ensemble stark heruntergekommen. Darauf hatte die Tochter sie aufmerksam gemacht, die kannte es von sommerlichen Passagen auf dem Wasser. Genau solch einen ruhigen Flecken hatten die Wuttichs gesucht. Aus der unmittelbaren Nähe von Berlin zogen sie her. Speckgürtel gegen romantische Einsiedelei hieß ihr Tausch.

Viele Jahre lebte das Ehepaar dann mit einem der Söhne hier, zeitweilig auch mit dem betagten Vater von Siegfried Wuttich. 1999 konnten sie das Haus nebst Viehstall und Scheune, das bis dahin der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes gehörte, endlich kaufen, so wie sie es von Anfang an vorgehabt hatten.

Zwei Wohnzimmer im Erdgeschoss

Im Erdgeschoss, wo früher eine ganze Schleusenwärterfamilie lebte, gibt es nun zwei Wohnzimmer. Davor, im Windfang, stehen noch schwere Stiefel, hängen grobe Klamotten und Hüte, wie man es von einem Leben im Wald erwartet. Hinter der Schwelle denkt jedoch niemand mehr an eine Jagdhütte. Dort ist alles proper. Auch der Gast zieht sich die Schuhe aus.

Das unbestrittene Zentrum ist der Erker zur Flussseite hin. Dieser einstige Wintergarten ist wie eine Aussichtskanzel, eine nahezu vollverglaste, beheizte Ecke, in die es jeden sofort zieht. Man setzt sich in einen Korbsessel und wartet darauf, dass sich unten am Fluss etwas regt. Oder dass am Himmel Raubvögel wie Milan und Seeadler über der Schleuse kreisen. Das Frühstück der Eheleute dauert an diesem Platz immer mindestens eine Stunde, das Fernglas liegt stets parat.

Im Dienstzimmer wird heute geschlafen

Von hier aus können sie die Havel hoch und runter blicken. Schließlich musste der Schleusenmeister einst doch im Blick haben, wann seine Kunden mit ihren Kähnen angefahren kamen. Nebenan, im Dienstzimmer des Hauses, fertigte er dann die Schiffspapiere ab. Heute liegt dort ein großes Schlafzimmer - ohne die alte Kontoreinrichtung und Paneele. Kein Baudetail hat überlebt, weil im Haus bis unters Dach alles morsch war. Das ehemalige Besprechungszimmer für die Schleusenwärter der Umgebung war, als Wuttichs das Haus bezogen, nur noch eine traurige Rumpelkammer. Nun haben sie zwei moderne Gästezimmer daraus gemacht.

Die Besonderheit des Hauses rührt aus der Umgebung. „Seit wir hier sind, liegt uns die Natur besonders am Herzen“, sagen die Eheleute. Der ganze Wald um ihr Anwesen herum war bis in die frühen neunziger Jahre ein Truppenübungsplatz der russischen Armee. Geschundene Erde. Mittlerweile haben Naturschutzverbände weite Teile der Flächen gekauft, die Schleusenbesitzer unterstützen deren Anliegen. Sie passen mit darauf auf, dass Tiere und Pflanzen in Ruhe gelassen werden. Außerdem gelten viele Waldflächen noch als munitionsverseucht und dürfen nicht betreten werden. Darauf machen die Wuttichs die Sportschiffer aufmerksam. Gerade wenn es voll wird auf der Oberen Havel-Wasserstraße, wie in diesen Wochen.

An der Schleuse herrscht Hochbetreib

Oft herrscht Hochbetrieb im Schleusenbecken, am Wochenende stehen die Sportboote oberhalb und unterhalb der Einfahrtstore sogar im Stau. Neugierig lugen die Freizeitkapitäne dann hinauf zum Haus und zu dem Paar, das davor am Gartentisch sitzt. Ein freundliches Winken gibt es immer. Und wenn jemand gar nicht klarkommt mit dem automatischen Schleusenbetrieb, helfen Wuttichs auch schon einmal aus.

Zwei Ponys und die Ziege schauen dann vom Weidezaun aus zu. Sie zählen zur festen Einwohnerschaft der Lichtung, zudem gibt es einen Schäferhund und zwei Katzen. Bis zum Abend erlebt diese kleine Gemeinschaft die vorbeiziehenden Zaungäste in ihren Motor- und Segelbooten und Kanus. Danach herrscht Ruhe, denn um 20 Uhr schaltet die Schleuse ab. Bootsführer wissen das. Später kommen nur noch die Biber.

Hier fühlen sich auch Biber wohl

„21 Biberburgen kenne ich“, erzählt der Hausherr. Spricht er vom Biber, glänzen die Augen des ehemaligen Mathematiklehrers. Er beobachtet die Tiere, führt Buch über sie und hat den Nager zum Patron des Anwesens auf der Flusslichtung gewählt. Ein Biber-Bildnis hat Wuttich aus Sperrholz gesägt und an den Giebel der Strommeisterei gehängt.

„Natürlich ist das auch einsam“, sagt die Hausherrin. Aber in jeder Ecke ihres Grundstücks steckt viel Arbeit. Sie haben fast jeden Stein zumindest einmal angerührt. So etwas verbindet, das gibt man nicht auf, auch wenn das Leben manchmal noch so beschwerlich ist. Selbst den Müll müssen sie in Plastiksäcken nach Hohenfelde schaffen, weil kein Laster zu ihnen kommt. Das machen sie, wenn sie in die Stadt fahren zum Einkaufen und zu allen anderen Erledigungen. Immer dienstags und freitags.

Sogar im Urlaub kommen sie mittlerweile vom Leben am Fluss nicht mehr los. Jedes Jahr gehen sie an Bord des Kabinenschiffs „MS Johanna“, das ist ein umgebauter holländischer Lastkahn von 1918, der Flusskreuzfahrten anbietet. Kennengelernt haben sie das Schiff und seine Besatzung - wen wundert's - vor ihrer Haustür.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z./Christian Thiel

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche