01. Dezember 2008 Scheunen sind als Notunterkünfte bekannt. Ein Stall ist Schauplatz für eine der berühmtesten Geschichten der Welt. Alle Jahre wieder wird erzählt, wie ein Zimmermann aus Nazareth mit seiner jungen Frau dort Unterschlupf fand und Gottes Sohn zur Welt kam.
So dramatisch wie bei der Heiligen Familie waren die Umstände freilich nicht, unter denen sich Ingrid und Georgios Chryssoulas vor vierzehn Jahren entschlossen, in eine alte Scheune zu ziehen. In einer gewissen Zwangslage befand sich das Ehepaar aber durchaus.
Nach mehreren Umzügen innerhalb der kleinen Taunusortschaft Langenseifen lebte die deutsch-griechische Familie mit ihren beiden Kindern in einer Zweizimmerwohnung. Das war Mitte der neunziger Jahre. Die Eltern schliefen im Wohnzimmer auf dem Klappsofa, die Jungs, damals im Grundschulalter, bewohnten den anderen Raum.
Die Familie brauchte mehr Platz
Es war schon sehr eng, erinnert sich Ingrid Chryssoulas. Sie ist im Dorf aufgewachsen und dort fest verwurzelt. Ein Umzug nach Bad Schwalbach oder Wiesbaden sei eigentlich nicht in Frage gekommen, sagt sie. Doch Wohnraum war in dem 500-Seelen-Ort knapp, und der finanzielle Spielraum des Ehepaars begrenzt. Sie ist Arzthelferin, er Arbeiter bei einem Automobilzulieferer. Gut betucht sind wir nicht, sagt Ingrid Chryssoulas. So fiel die Wahl auf eine Scheune, die zum Elternhaus der Ehefrau gehörte.
Mitten im Ortskern, direkt an der Hauptstraße steht das schmucke Fachwerkanwesen. Von außen wirkt es klein, ein wenig windschief und wie viele der alten Häuser im Ort so, als würde es sich wegducken. Doch im Innern erweist es sich als wahres Raumwunder, das den vier Bewohnern und Hundedame Rocky auf etwa 180 Quadratmetern Platz bietet.
Eine Schwäche für Keramiktiere
Die Familie hat sich in den zurückliegenden Jahren ihr neues Zuhause erobert. An den Wänden hängen Bilder und Fotografien aus Georgios Heimat Griechenland, wo das Ehepaar sich vor 28 Jahren kennengelernt hatte. Ingrid Chryssoulas' Schwäche für Keramiktiere ist nicht zu übersehen, und auch der Begeisterung, die beide Söhne für die Fußballclubs Eintracht Frankfurt und Panathinaikos Athen hegen, kommt der Besucher schnell auf die Spur.
Der Großvater der heutigen Hausherrin hatte die Scheune einst dem Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite abgekauft. Ein Glück für die junge Familie. Ein Grundstück plus Neubau hätten wir uns gar nicht leisten können, erzählt Ingrid Chryssoulas. Doch vor dem Einzug stand der Ausbau, der sich von Anfang an als ein hartes Stück Arbeit erwies. Im November vor vierzehn Jahren war Baubeginn. Schnee fiel, und für die Chryssoulas begann ein Wettlauf mit der Zeit. Ja, das war was, sagt Familienvater Georgios und beschreibt, wie er alte Holzteile in einem Fass entzündete. Das habe ich dann gedreht, um die Bruchsteine aufzutauen und sie dann in den Container werfen zu können.
Schwierigkeiten mit dem Denkmalschutz
Womit das Ehepaar zunächst übrigens nicht gerechnet hatte: Die Scheune ist ein Baudenkmal. Bereits 1780 errichtet, gilt sie dem Landesdenkmalamt als Besonderheit. Der ursprüngliche Entwurf eines Architekten, der nur die äußere Hülle erhalten hätte, ließ sich nicht umsetzen. Das Landesamt übernahm die Beratung. Man habe sich insgesamt gut über alle Fragen verständigt, berichten die Eheleute. Die Auflagen hätten sich in Grenzen gehalten. Die Behörde erlaubte einerseits den Bau einer Gaube zur Straßenseite hin. Andererseits bestand sie darauf, dass das Scheunentor durch ein großes Fenster ersetzt wurde.
Mit dem Ergebnis hadert die Familie nach wie vor ein bisschen. Das hätte man schöner machen können, das ging damals alles ein wenig schnell, sagt der Hausherr kritisch. Seine Frau findet das Riesenfenster unpraktisch. Ohne Sichtschutz würde die Familie wie auf einem Präsentierteller sitzen. Wir sind hier auf dem Dorf, gibt Ingrid Chryssoulas zu bedenken. Aber finden Sie mal eine gute Lösung für diese Höhe. Mehr als drei Meter misst die Fensterfront. Am Ende hat sich die Hausherrin für Gardinen entschieden, um sich den Blicken der Nachbarn zu entziehen.
Ein Haus auf sieben Etagen
Der Innenausbau war eine Herausforderung für sich: die Räume verteilen sich auf sieben Ebenen, die durch Schwellen, Stufen und Treppen miteinander verbunden sind. Das macht den besonderen Charakter aus, sagen die Chryssoulas, die das Treppauf-treppab-Laufen sportlich nehmen. Tatsächlich entfaltet das Haus von Raum zu Raum einen anderen Charme. Unterm Dach, wo der 23 Jahre alte Dimitri sein Zimmer hat, ist es verwinkelt, gemütlich. Sein jüngerer Bruder Christian wohnt eine Treppe weiter unten in der lichtdurchfluteten Gaube. Das Esszimmer hingegen hat eine Deckenhöhe von etwa 5 Metern. Hier wurde das Heu gelagert berichtet Georgios Chryssoulas.
Das benachbarte Wohnzimmer hingegen hat eine wesentlich niedrigere Raumhöhe. Die Decke gleicht einem Gewölbe. Das wollten wir unbedingt erhalten, das war auch früher so, sagt der Hausherr und berichtet, wie schwierig es teilweise war, die Vorstellungen umzusetzen, weil ihm und seinen Helfern die Fachkenntnisse fehlten. Da braucht man Herz, Liebe und viel Geduld.
Der Sportverein musste mithelfen
Vier Jahre lang haben die Arbeiten an der Scheune gedauert. Am Wochenende und nach Feierabend haben die Chryssoulas auf der Baustelle gestanden. Geld für Fachkräfte hatten sie kaum. Umgerechnet hätten sie an die 250.000 Euro in den Umbau gesteckt, erzählen sie. Miete zahlen und gleichzeitig den Kredit bedienen - ich habe viele schlaflose Nächte gehabt, gesteht der Hausherr.
Zum Glück hatten wir Freunde und die Familie, sonst wäre das nicht zu schaffen gewesen, ergänzt seine Frau. Einmal zum Beispiel, Vater Georgios war mit den beiden Jungs über Weihnachten nach Griechenland gefahren, wurde es richtig kalt, und Ingrid Chryssoulas bangte um die gerade erst verlegten Wasserleitungen. Gemeinsam mit einem Verwandten fuhr sie zum Bauern, um Heu und Stroh zu holen, um die Leitungen abzudecken.
Ein anderes Mal half der ganze Sportverein des Orts, als es daran ging, einen gewaltigen Querbalken zu versetzen. Da sind alle gekommen und haben mit angefasst, erzählt Sohn Christian. Das ist unvergessen. Damals hätte ich ein neues Haus mit Garten schöner gefunden, sagt sein Bruder Dimitri. Heute weiß ich, dass unsere Scheune etwas Besonderes ist.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: Marcus Kaufhold, Repro: Marcus Kaufhold