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07. Dezember 2009

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Der Blick des Champions: Vitali Klitschko

Vitali Klitschko

Blutige Nase im Parlament

Von Sven Astheimer



02. November 2009 Auch Weltmeister fallen nicht vom Himmel. Als Kind habe er schon die eine oder andere Tracht Prügel auf dem Schulhof einstecken müssen, erinnert sich Vitali Klitschko und faltet die gigantisch wirkenden Hände auf seinem Schoß. Sein Vater war damals Luftwaffengeneral in der ehemaligen Sowjetunion und die Familie dadurch gut ein Dutzend Mal zum Umzug gezwungen. „Er flog vornweg, wir fuhren hinterher“, erzählt Klitschko. Jedes Mal eine neue Schule, neue Mitschüler – „da musste man sich Anerkennung unter den Jungs verschaffen“. Er sei immer sehr gutmütig gewesen, aber manchmal sei es eben nicht ohne Raufereien abgegangen. Und deshalb hat Vitali, heute Boxweltmeister des Verbandes WBC, sich seinen Platz erstritten und den für seinen fünf Jahre jüngeren Bruder Wladimir, heute Weltmeister des Verbandes WBO, gleich mit dazu.

Die Sowjetunion ist mittlerweile längst Geschichte, und die Klitschko-Brüder haben ihre eigene geschrieben: die Geschichte zweier Athleten, die es mit einem hohen Maß an Zielstrebigkeit und Professionalität in den Sportolymp geschafft haben, die viele Millionen mit ihren Kämpfen und Werbeverträgen verdient haben und die als promovierte Akademiker der feineren Gesellschaft die Faszination an dem Spektakel vermittelt haben, sich nach allen Regeln der Kunst mal ordentlich den Frack zu verhauen. Und die nebenbei ihr eigenes kleines Firmenimperium geschaffen haben und sich mit Bravour selbst vermarkten. Die Klitschko-Maschinerie, sie funktioniert perfekt. Meistens.

Zweimal bei Bürgermeisterwahl gescheitert

Vor kurzem tauchten da ein paar spektakuläre Bilder einer wüsten Rauferei aus dem Kiewer Stadtparlament auf, auf denen der Abgeordnete und Fraktionsführer des „Block Klitschko“ seine zwei Meter Körpergröße und 110 Kilo Lebendgewicht als Schlichter in einer Rangelei einsetzen musste. Er sammle derzeit viele Erfahrungen in der Politik, sagt Klitschko, dabei fühle er sich an seine Anfangstage als Boxer erinnert. „Die erste Zeit war die schwierigste, da konnte ich mich nicht verteidigen und kam oft mit blutiger Nase und blauen Augen heim.“ Heute kämpfe er mit viel stärkeren Gegnern, aber blutige Nasen hole er sich so gut wie nie mehr. „In der Politik ist es ähnlich, aber ich lerne, damit umzugehen.“

Zweimal hat Klitschko, der in seinem Heimatland wie ein Held verehrt wird, schon versucht, Bürgermeister von Kiew zu werden. Er trat an mit dem Versprechen, die alte und in seinen Augen korrupte Regierung abzulösen. Beide Mal musste er einsehen, dass selbst sein Ruhm an Grenzen stoßen kann und dass auf dem politischen Parkett anders gekämpft wird als im Ring. „Beim Boxen schauen Millionen Menschen zu, und wenn einer die Regeln bricht, wird er bestraft. Wenn die Leute in der Politik die Regeln brechen, sieht man das oft nicht.“ Im Osten sei das noch ein bisschen schlimmer. „Wenn man das Gesicht unseres Präsidenten sieht, weiß man, was ich meine“, sagt Klitschko und spielt auf die Narben von Viktor Juschtschenko an, die ein Giftanschlag verursacht haben soll.

Dr. Eisenfaust am Boden

Doch aufgeben kommt für einen Klitschko nicht in Frage, weder im Parlament noch im Ring. Zweimal war er auch als Sportler schon am Boden – im übertragenen Sinn. Denn seine beeindruckende Bilanz von 38 Siegen, davon 37 durch vorzeitigen K.o., trüben auch zwei Niederlagen. Beide Male waren zwar Verletzungen der Grund für den vorzeitigen Abbruch, doch vor allem nach der Pleite gegen Chris Byrd im Jahr 2000 fiel die Kritik verheerend aus. Eigentlich hatte ein Sieg den Durchbruch für „Dr. Eisenfaust“ in den Vereinigten Staaten, dem Mekka des Boxens, bringen sollen. Doch stattdessen war er seinen WM-Titel los, und in Übersee verspottete man den vermeintlichen „weißen Hoffnungsträger“ nun als „Weichei“. Für die meisten Faustkämpfer hätte ein solches Urteil das vorzeitige Karriereende bedeutet. Schließlich besagt die alte Boxer-Weisheit: „They never come back.“ Doch Klitschko kehrte immer wieder zurück.

„Diese Momente im Sport haben mir die Möglichkeit gegeben, viele Fähigkeiten zu entwickeln: Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, nie aufzugeben, sich selbst zu entwickeln. Nur so wird man erfolgreich“, sagt Klitschko heute im Rückblick und schiebt dann, etwas klischeehaft, hinterher, dass wer am Boden liegt, auch wieder aufstehen müsse. Viel besser scheint zu diesem sachlichen Typ die Aussage zu passen, dass er jeden Rückschlag genau analysiert, um Fehler zu entdecken und künftig zu vermeiden. Dann nimmt die Unterhaltung sogar leicht philosophische Züge an, wenn dieser hünenhafte Athlet sinniert: „Im Leben gibt es nur Erfolge. Auf dem Weg stehen ein paar Hindernisse, damit man mehr Erfahrung bekommt. Daraus muss man lernen.“

Die Bürde des Champions wiegt schwer

Keine Momente des Zweifelns im Leben von Vitali Klitschko? Ein entschiedenes Nein. Selbstzweifel habe es nie gegeben. „Wenn man nicht selbst an sich glaubt, wie sollen dann andere an einen glauben? An sich selbst zu glauben ist wichtig, egal, was man macht.“ Wieder so ein Satz, der nach tausendfacher Wiederholung klingt, bevor der wahre Klitschko durchzudringen scheint: „Ich bin aber sehr selbstkritisch. Mit Lob kann man zufrieden sein, aber man muss anderen zuhören und sich selbst kritisieren, das ist das Schwierigste, was es im Leben gibt. Aber es ist auch eine besondere Gabe.“ Ja, er möge sogar Kritik, weil er damit seine Schwächen erkennen könne. Die Schwächen des Champions? Nein, sagt Klitschko mit breitem Grinsen, die werde er nicht nennen, sonst könne noch jemand Nutzen daraus ziehen.

Kevin Johnson wäre so einer, der mit Sicherheit ein großes Interesse an Klitschkos Schwächen zeigen würde. Der Amerikaner wird am 12. Dezember in Bern versuchen, den 38 Jahre alten Titelträger in die Knie und damit wohl in den Ruhestand zu zwingen. Für Klitschko ist es die dritte Titelverteidigung, und von Aufhören kann zumindest offiziell keine Rede sein. „Wir sind jetzt als erstes Brüderpaar der Geschichte gleichzeitig Weltmeister, und das soll noch eine Zeitlang so bleiben.“ Vitali Klitschko sucht diese Herausforderung als besondere Form der Bestätigung. „Als Herausforderer hast du nichts zu verlieren, das ist einfach. Aber wenn du Titelverteidiger bist, musst du viele Erwartungen befriedigen. Das ist viel schwerer.“ Um den Erwartungen nicht zuletzt an sich selbst gerecht zu werden, wird Klitschko sich von Anfang November an im Trainingslager wieder voll aufs Boxen konzentrieren.

„Korruption in der Ukraine ist mir peinlich“

Als aktuelle Berufsbezeichnung würde er für sich aber eher Manager wählen, denn er versuche ständig, Politik, Unternehmen und Sport unter einen Hut zu bringen. In allen Bereichen könne man es als Einzelkämpfer nicht weit bringen. Und alles im Reich der Klitschkos scheint irgendwie auch ineinander verwoben. So werden in den Büros der Klitschko Management Group (KMG) zwischen allerlei geschichtsträchtigen Box-Utensilien auch Geschäftskontakte von westlichen Unternehmen nach Osteuropa geknüpft. Und wenn Vitali mal nicht an einer Sitzung des Organisationskomitees der Fußballeuropameisterschaft 2012 teilnehmen kann, dann springt eben kurzerhand Bruder Wladimir ein. Hauptsache, ein Klitschko ist als charmanter Türöffner mit dabei.

Bis jetzt verspüre er trotz der hohen Belastung und der ständigen Pendelei zwischen seinen Wohnorten Los Angeles, Hamburg und Kiew noch sehr viel Energie, findet Vitali Klitschko und sagt mit festem Blick: „Bislang habe ich fast alle Träume wahr gemacht. Und ich will die anderen auch noch realisieren.“ Widerspruch scheint zwecklos. Er träume vor allem davon, die Ukraine als vollständiges Mitglied Europas zu sehen. Doch bislang bleibe das Land mit seinen 45 Millionen Einwohnern weit hinter seinem Potential zurück. „Für mich ist es peinlich, zu lesen, dass die Ukraine eines der korruptesten Länder in Europa ist. Wir sind ein fröhliches Volk, aber wir schaffen es nicht, politische und gesellschaftliche Systeme zu bauen. Deshalb mache ich Politik, und wir haben viele junge Leute, die da mitmachen.“

Auch für die Familie bleibt bei so vielen Zielen oft wenig Zeit. Ob sich einer der beiden Söhne schon als möglicher Nachfolger abzeichne? Nein, seine Kinder trieben zwar allesamt Sport, aber den „richten Biss“ für ganz nach oben sehe er nicht. Wenn aber einer Profisportler werden wolle, werde er ihn nach Kräften unterstützen. Nur Boxer, das müsse nicht unbedingt sein! Warum? Vitali Klitschko: „Es ist ein hartes Stück Brot.“

Lesen Sie auch: Ich über mich: vitali Klitschko

Zur Person:

- Vitali Klitschko wird am 19. Juli 1971 im ukrainischen Belowodsk als Sohn eines Luftwaffenoberst und einer Lehrerin geboren.

- Zunächst Kickboxer, fängt er im Alter von 14 Jahren mit dem Boxen an. 1995 gewinnt er mit der Militär-WM seinen ersten großen Titel. Für die Olympischen Spiele von Atlanta 1996 wird er wegen Dopings gesperrt, wofür sein Arzt später die Verantwortung auf sich nimmt.

- Seine Bilanz als Profi: von 40 Kämpfen 38 gewonnen. Derzeit ist er amtierender WBC-Weltmeister; im Dezember verteidigt er den Titel zum dritten Mal.

- Im Mai 2008 landet er bei der Bürgermeisterwahl in Kiew mit 18 Prozent der Stimmen auf Platz drei. Seitdem sitzt er im Stadtparlament

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Anna Mutter, AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
 
 
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