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Berufe in der Umwelttechnik

Grün werden Ingenieure erst im Alltag

Von Rüdiger Köhn



In grüner Mission: Dieser Vattenfall-Ingenieur beschäftigt sich mit der Abscheidung und Einlagerung von CO2
19. Juni 2009 
Seefest muss er sein. Einhundert Meter über dem Meeresspiegel in der Gondel eines Windrades brauchen Ingenieure Standvermögen. Das muss man haben, erwartet Siemens von Mitarbeitern in luftiger Position. Umwelt ist eben auch Wetter, Wind und Regen. „Natürlich haben sich die Profile geändert“, sagt Walter Huber, Siemens-Personalchef in Deutschland. „So wie wir schon seit langem versuchen, mehr Technikbegeisterung schon bei jungen Menschen und Schülern zu wecken, so müssen wir nun auch die Begeisterung für die Umwelt erzeugen.“ Umwelt- und Klimaschutz werde in der Ausbildung immer wichtiger. „Grüne Jobs sind wesentlicher Bestandteil unseres Geschäftes“, fügt Huber hinzu.

Die Sparte Erneuerbare Energien des Münchener Elektro- und Industriekonzerns heimst derzeit einen Auftrag nach dem anderen zum Bau von Windkraftanlagen auf dem Meer ein. Auch wenn die Auslastung hoch ist, hält sich das Unternehmen derzeit mit Einstellungen eher zurück. Das gilt auch für andere Unternehmen, die öffentlichkeitswirksam den grünen Pfad beschreiten. Der niederländische Konzern Philips mit einer starken Präsenz in Deutschland in der Medizintechnik und im Lichtgeschäft handelt ähnlich zurückhaltend wie der amerikanische Mischkonzern General Electric (GE), der unter anderem in Salzbergen eine große Fertigung von Windkraftanlagen sowie das Forschungszentrum in Garching betreibt.

Es wird selektiver vorgegangen

Von Einstellungsstopp indes reden alle nicht. Nur wird eben selektiver vorgegangen. Jede zusätzliche Anheuerung bedarf meist einer gesonderten Entscheidung. Ohne sich abzusprechen, wird sogar das gleiche Vokabular benutzt. „Einstellungen werden mit Augenmaß gemacht“, sagt René Umlauft, Chef von Siemens Renewable Energy. „Einstellungen erfolgen bei uns mit Augenmaß“, sagt Philips-Manager Otto Schuster, am Medizintechnik-Standort Böblingen verantwortlich für die Produktion. Vor einem Jahr noch wurde händeringend gesucht, bei Siemens wie bei Philips. Bei Siemens sind nach eigenen Angaben etwa 100 000 Menschen auf der Welt im Ökothema involviert – ein Viertel der gesamten Konzernbelegschaft. Unter den in Deutschland tätigen 130 000 Siemensianern, schätzt Huber, ist das Verhältnis ähnlich, also mehr als 30 000 Mitarbeiter. Gebraucht werden in erster Linie Ingenieure. 1500 will der Konzern einstellen; vor einem Jahr waren es noch 3000. Etwa 80 Prozent davon sollen „grün“ sein; was nicht heißt, dass sie ein grünes Studium haben müssen.

Auch Otto Schuster von Philips Böblingen sucht nicht den fertigen „grünen Ingenieur“ von der Uni. „Es ist einfacher, Ingenieure einzustellen und ihnen die eigene Philosophie beizubringen“, sagt er. Diese ist vereinheitlicht im Programm „Ecovision“: geringer Energieverbrauch der Produkte, sparsame Verpackungen und leichte Materialien, keine gefährlichen Inhaltsstoffe, Recyclingfähigkeit, lange Lebensdauer. Am Standort Böblingen, der die globale Verantwortung für die Entwicklung und Fertigung von Patientenüberwachungssystemen hat, beschäftigt das Unternehmen rund 600 Mitarbeiter. Schuster schätzt, dass jeweils 150 Mitarbeiter in der Entwicklung und in der Produktion und 60 Marketingmitarbeiter mit Ökothemen beschäftigt sind.

Schwerpunkte bei General Electric in Garching sind unter anderem bildgebende Systeme für die Medizintechnik, Komponenten für Flugzeugtriebwerke oder – neuerdings für Rest- und Abwärmesysteme. Georg Knoth, Chef von GE Zentraleuropa erwartet nicht, dass „grüne Experten“ im Unternehmen anfangen. „Wer eine solide Ausbildung hat, kommt da schnell rein“, sagt er. Es gebe ja schließlich keine Öko-Industrie per se. Aber: „Wir müssen grün machen und nicht nur darüber reden.“

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa