21. Juni 2008 Das Möbelhaus Segmüller ist von weitem zu erkennen. Doch gegenüber der Autobahn A 5 deutet eine Großbaustelle an, was demnächst hier im Weiterstädter Stadtteil Riedbahn noch zu erwarten ist: ein riesiges Einkaufszentrum mit 180 unterschiedlich großen Geschäften auf vier Etagen.
18 sogenannte Großmieter – die Namen sind noch nicht bekanntgegeben worden –, 20 Restaurants auf vier Etagen, ein Parkhaus mit 3000 Stellplätzen sehen die Pläne vor. Im nächsten Frühjahr soll Loop 5“ eröffnet werden und noch deutlich größer ausfallen als das RheinNeckar-Zentrum in Viernheim. Die Lage im finanzkräftigen Rhein-Main-Gebiet, zehn Autominuten vom Frankfurter Kreuz, ist zu verlockend für die großen Unternehmen.
Flanieren möchte hier niemand
In dem Gebiet, wo die Bundesstraße 42 (Darmstadt–Groß-Gerau) und die A 5 sich kreuzen, ist aber in den vergangenen Jahrzehnten weit mehr an großflächigem Einzelhandel entstanden, als sich von der Autobahn einsehen lässt. An der Stadtgrenze zu Darmstadt entwickelte sich auf Weiterstädter Gebiet ein Konglomerat von Geschäften und Fachmärkten.
Wer hier einkauft, legt keinen Wert auf Flair, flanieren möchte niemand. An Geschäften herrscht kein Mangel, an Straßen auch nicht, doch Einkaufsstraßen sucht man hier vergebens. Die Käufer kommen mit dem Auto, steuern den Markt an, vielleicht einen weiteren, aber immer mit dem Fahrzeug. Parkplätze sind gebührenfrei. Viele Geschäfte bieten auf großen Flächen ihre Waren an: Elektrogeräte, Fahrräder, Küchen, Drogerieartikel, Kleidung, Lebensmittel, Tierfutter, Schuhe, Lampen. Ein gewisser Wandel über die Jahre ist unverkennbar. Pro Markt gab den Kampf gegen Media-Markt auf und zog kürzlich weg, der Toom-Supermarkt existiert nicht mehr, dafür zog ein großes Bekleidungsgeschäft ein.
Einen Bebauungsplan gab es hier in dem Gebiet nicht. Neubauten mussten sich nur in die Umgebung einpassen. Die Wucherungen werden allenfalls durch fehlenden Platz eingedämmt. Auf der westlichen Seite der Autobahn hinter Segmüller und Metro will die Kommune Weiterstadt allerdings außer den schon vorhandenen Lebensmittelmärkten keinen Einzelhandel mehr zulassen, die Fläche ist für Gewerbe reserviert. Doch Bürgermeister Peter Rohrbach (ALW) weiß, dass er das Gelände sofort an weitere Einzelhändler veräußern könnte. Doch die Stadt will hier ein ungeordnetes Wachstum verhindern und hat deshalb einen Bebauungsplan erstellt.
8000 Menschen arbeiten heute in dem Gebiet
Einst war der Stadtteil Riedbahn ein Wohngebiet mit großen Grundstücken. Viele Flüchtlinge zogen nach dem Krieg hierher, große Firmen folgten mit ihren Produktionsstätten wie Procter und Gamble oder Röhm, aber auch Speditionen, Lager, Handwerksbetriebe, Autohändler. Dann kamen Dienstleister, zweitweise hatte die Deutschlandzentrale von T-Online hier ihren Sitz, Wella richtete ein Großlager ein. Heute findet man neben Geschäften Fahrzeugbau-Firmen, eine Textildruck-Fabrik, ein Gerüstbauunternehmen, Fitness-Studios, die Ausbildungszentrale der Handwerkskammer. 8000 Menschen arbeiten heute in dem Gebiet, und mit dem neuen Einkaufszentrum Loop 5“ wird sich die Zahl noch deutlich erhöhen.
Zwar verbindet alle halbe Stunde ein Bus den Stadtteil mit Weiterstadt und Darmstadt, doch das Auto wird das Hauptverkehrsmittel bleiben. Schon allein deshalb, weil die Kunden zum Teil auch weite Wege zurücklegen. Eine Straßenbahnverbindung vom Darmstädter Hauptbahnhof durch das Einkaufs- und Industriegebiet in das Zentrum von Weiterstadt wurde jetzt erst einmal auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Strecke käme die beiden Kommunen zu teuer. Sie sicherten allerdings die Trasse.
Für Darmstadt ist das Einkaufsgebiet vor den Stadttoren eine Gefahr, denn viel Kaufkraft fließt deshalb ab, und viele Kunden finden schon gar nicht mehr den Weg in das Oberzentrum. Doch allmählich sehen auch die Darmstädter Einzelhändler die Bedrohung und wollen gegenhalten. Sie versuchen, urbanes Leben und den Flair der Stadt herauszustellen, um so Kunden zu locken. Fehlgeschlagen sind in der Vergangenheit die Darmstädter Bemühungen, auf gerichtlichem Weg den Bau des neuen Einkaufszentrums zu verhindern.
Folgen für Städte in der Nähe
Nach alter Gesetzeslage war die Genehmigung zu erteilen, auch wenn die Nachbarstadt dadurch direkte Nachteile für ihre Innenstadtentwicklung sah. So unterlag die größere Stadt. Doch nach neuer Gesetzeslage wäre die Genehmigung nicht mehr ohne weiteres möglich, denn nun müssen auch die Nachbarkommunen gehört werden. Interkommunal müssen sie zu einem Einverständnis kommen. Dass ein riesiges Einkaufszentrum negative Folgen für mittelgroße Städte in der Nähe hat, ob Langen, Groß-Gerau, Griesheim, Pfungstadt, Gernsheim und Darmstadt ohnehin, wird keinen Stadtplaner überraschen.
Vor wenigen Jahren hat die Kommune Weiterstadt zugegriffen, als sich ihr ein Bürohochhaus bot. Denn sie suchte ein neues Rathaus, überlegte, ob ein Neubau sinnvoll sei. Nun zog die Verwaltung aus der Kernstadt weg und residiert jetzt inmitten schmuckloser Einkaufs- und Industriebauten, fernab der Stadtmitte.
Davor war die Stadtverwaltung in heruntergekommenen alten Gebäuden im Zentrum untergebracht, verteilt auf viele Außenstellen. Ein Bürgerbüro für den Publikumsverkehr an der Darmstädter Straße bleibt in der Kernstadt zurück. Lebensmittelgeschäfte haben dort aufgegeben, sind in größere Filialen gezogen. Doch Rohrbach verweist darauf, dass die Stadt nicht schlecht versorgt sei. Die Discounter seien zwar an den Rand gerückt, doch kaum ein Einwohner müsse mehr als 500 Meter zu einem Geschäft zurücklegen. Die Innenstadt hingegen behielt ihre Arzt- und Optikergeschäfte, ihre Büros und Kanzleien, die Schulen und die Kindergärten.
Hohe Verkehrsbelastung
Ohnehin kann sich Weiterstadt, wo für dieses Jahr 14 Millionen Euro Gewerbesteuer erwartet werden, mehr leisten als vergleichbare Kommunen. Rohrbach verweist auf ideale Betreuungsmöglichkeiten vom Kleinkind bis zum Schulkind, auf 20 neue Erzieherinnen, auf Schulsozialarbeit, auf weitere freiwillige Leistungen. Erkaufen müssten sich dies die Einwohner mit einer hohen Verkehrsbelastung. Doch innerhalb von fünf Minuten erreichten die 25.000 Einwohner zu Fuß die offene Landschaft, die Stadt habe in Braunshardt sich das Schloss als Kulturtreff hergerichtet, der Steinrodsee sei ein beliebtes Ausflugsziel.
Im Frühjahr 2009 will Loop 5“ eröffnen. Bis dahin muss die Kommune auch den Verkehr in Bahnen lenken. Das Konzept sieht einen großen Einbahnstraßen-Ring vor sowie eine zweite Anbindung an die B 42. Dass das auf Dauer nicht reichen wird, ist dem Bürgermeister klar. Er hofft langfristig auf einen kreuzungsfreien Anschluss. Wer die heutigen Staus kennt, wer sich über die Wartezeiten vor den Ampeln ärgert, darf sich auf noch größeres Ungemach einstellen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer