Psychologische Hilfe im Unternehmen

Stress macht immer mehr Menschen seelisch krank

Von Caren Langer

13. Juli 2008 Im tiefen Loch der Depression, nach einem Streit mit dem Partner oder einem Alkoholabsturz lassen viele Arbeitgeber im Rhein-Main-Gebiet ihre Beschäftigten nicht mehr allein. Procter & Gamble-Mitarbeiter des Standortes Schwalbach zum Beispiel können rund um die Uhr eine für sie kostenfreie Servicenummer anrufen und direkt mit einem Psychologen sprechen. Mitarbeitern der Fraport AG und der Stadt Frankfurt stehen schon seit Jahren hauseigene psychologische Beratungsstellen zur Verfügung, ebenso wie Angestellten von Merck in Darmstadt.

Dass psychologische Hilfen für Arbeitnehmer immer wichtiger werden, zeigen die aktuellen Gesundheitsberichte der Krankenkassen: „Jede dritte Frau in Hessen ist im Jahr 2006 aufgrund einer psychischen Störung ambulant behandelt worden“, vermeldete jüngst die Techniker-Krankenkasse. Die Zahl der Fehltage in Hessen aufgrund psychischer Erkrankungen sei überdurchschnittlich gestiegen, gegenüber dem Jahr 2000 bei Männern um gut 18, bei Frauen um fast 27 Prozent, so die Auswertung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse.

Vier Monate warten auf Erstgespräch

Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen hat festgestellt, dass psychische Störungen inzwischen 9,3 Prozent der Krankentage verursachen. 1976 seien es nur zwei Prozent gewesen. Die Barmer Krankenkasse hat aufgrund der Entwicklung eine Aufklärungskampagne begonnen und eine Broschüre zu Depressionen herausgegeben, die ihr laut einem Sprecher der Kasse „von Arbeitgebern förmlich aus den Händen gerissen“ wird. Auch die Allgemeine Ortskrankenkasse lässt wissen, psychische Erkrankungen seien mittlerweile die dritthäufigste Ursache von Fehlzeiten bei Frauen.

Jürgen Hardt, Präsident der Landespsychotherapeutenkammer Hessen, macht zwei Ursachen für den deutlichen Anstieg der Zahl an Betroffenen, Diagnosen und Fehlzeiten verantwortlich. Einerseits seien Ärzte zunehmend sensibilisiert für psychische Erkrankungen, so dass diese häufiger als solche erkannt würden. Andererseits aber hätten sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse gewandelt: „Stressfaktoren wie Unsicherheit am Arbeitsplatz und im sozialen Umfeld haben enorm zugenommen“, sagt Hardt. „Während die Anforderungen an die Menschen gestiegen sind, haben sie gleichzeitig an Halt und Orientierung verloren.“ Dass diese Konstellation zu psychischen Störungen führe, sei nicht verwunderlich, meint der Therapeut. Elisabeth Schneider-Reinsch, Psychotherapeutin in Wiesbaden und Mitglied im Hauptausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, erlebt die steigende Nachfrage ebenfalls in ihrer Praxis. „Viele meiner Patienten stehen am Arbeitsplatz unter massivem Druck“, berichtet sie. „Psychische Erkrankungen wie Arbeitsüberlastung und Depressionen gehören inzwischen zu den großen Volkskrankheiten.“ Wer sich in Hessen in psychotherapeutische Behandlung begeben will, braucht Geduld. In den Ballungsräumen Frankfurt oder Wiesbaden warten Patienten allein auf ein Erstgespräch mindestens drei bis vier Monate, in ländlichen Gebieten oft ein halbes Jahr.

Scherer: „Belastungen im Betrieb nehmen zu“

Dabei verursachen psychische Störungen nicht nur Leid für die Betroffenen und ihre Familien, sondern auch finanzielle Verluste in den Unternehmen. Jeder Fehltag eines Mitarbeiters koste einen Betrieb bis zu 400 Euro, schätzt Werner Scherer von der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Auch wenn Firmen bei der Krankmeldung eines Mitarbeiters den Grund nicht erfahren dürften, sei die Zunahme an psychisch bedingten Ausfällen zu spüren, sagt Scherer. Insbesondere falle dabei auf, dass psychische Erkrankungen länger dauerten als somatische und auch dadurch die Betriebe deutlich mehr belasteten. Dies stimmt mit dem Ergebnis einer repräsentativen Analyse der Betriebskrankenkassen überein, nach der eine durchschnittliche körperliche Erkrankung zwölf Kalendertage dauert, ein Fall mit psychischem Hintergrund aber 31 Tage.

Dass die Gründe von psychischen Problemen überwiegend in der steigenden Belastung am Arbeitsplatz lägen, weisen die Unternehmer zurück. Jedoch bestätigt Werner Scherer: „Die Belastungen im Betrieb nehmen tendenziell zu. Umgebungen, Aufgaben und Arbeitsabläufe waren früher konstanter.“ Arbeitnehmer müssten bereit sein, diese Entwicklung anzunehmen. „Wir können das Rad eben nicht zurückdrehen.“

Depressionen 2020 häufigste Krankheitsursache

Unternehmen seien aber offenbar deutlich eher als noch vor wenigen Jahren bereit, in die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu investieren, meint Hansjörg Becker, Geschäftsführer von Insite-Interventions, dessen psychologischer Dienst nicht nur die 1.600 Schwalbacher Angestellten von Procter & Gamble betreut. Auch andere namhafte Unternehmen im Rhein-Main-Gebiet wie Accenture, Sanofi Aventis und Infraserv seien Kunden, so Becker. „Dass die Unternehmen uns engagieren, zeigt, dass sie das Problem erkannt haben und ernst nehmen.“

Auch für die Zukunft muss Becker sich wohl keine Sorgen über sinkenden Bedarf an seinem Angebot machen. Vorsorge sei bei psychischen Erkrankungen sehr viel schwieriger als bei körperlichen, sagen Ärzte und Krankenkassen. Die Weltgesundheitsorganisation nimmt an, dass Depressionen bis zum Jahr 2020 in den industrialisierten Ländern neben Herz-Gefäß-Erkrankungen die häufigste Krankheitsursache sein werden.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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