Von Inka Wichmann
21. Januar 2007 Anne Sophie Mutter und André Previn ist es passiert, Birgit Schrowange und Markus Lanz auch, Iris Berben und Gabriel Lewy ebenso. Sie alle haben sich im vergangenen Jahr getrennt. Jede dritte Ehe wird geschieden, in den Großstädten sogar jede zweite. Das ist bekannt, und dieses Wissen bleibt nicht folgenlos: Wer über Nachwuchs nachdenkt, ist sich bewusst, dass der Partner mit den Kindern eines Tages womöglich bloß noch die Wochenenden verbringt. Angesichts dessen schrumpft der Kinderwunsch.
Die Angst und die Unsicherheit sind groß“, sagte Felicitas von Lovenberg, Feuilleton-Redakteurin der F.A.Z., im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt. Dorthin war sie zusammen mit dem Berliner Mikrosoziologen Hans Bertram, dem Kommunikationsforscher Norbert Bolz und der früheren Tagesschau-Sprecherin Eva Herman gekommen, um an den Neuen Darmstädter Gesprächen“ teilzunehmen. Zusammen mit Moderator Alexander Martens diskutierten sie über das Thema Die Zerstörung der Familie“ – und setzten bei der niedrigen Geburtenrate in Deutschland an.
Nachahmung von männlichen Instrumenten
Frauen dürften nicht die männlichen InstrumenteOb wir die Reproduktionsquote von 1,3 auf 1,5 anheben – das ändert doch nichts am Sachverhalt“, sagte Bolz, der in seiner jüngsten Veröffentlichung die Auflösung der bürgerlichen Familie festgestellt hat. Es handle sich vielmehr um ein strukturelles Problem, um einen tragischen Konflikt geradezu. Der lasse sich nicht lösen, schon gar nicht mit den Mitteln der Politik: Jeder, der einen Ausweg anbietet, ist ein Scharlatan.“ Niemand darf sich seiner Ansicht nach von den verschiedenen Parteiprogrammen Antworten erhoffen, schon gar nicht wir Intellektuellen“. Einen Appell wollte Bolz deshalb nicht formulieren.
Das tat dafür Eva Herman, die mit ihrem umstrittenen Buch Das Eva-Prinzip“ für eine neue Weiblichkeit“ eingetreten war. Frauen sollten wieder femininer werden, forderte sie. Frauen dürften nicht die männlichen Instrumente“ nachahmen, sondern müssten sich darauf besinnen, dass sie auch zuhören, mitfühlen und trösten könnten. Diese Eigenschaften brauche ein Kind besonders in den ersten drei Lebensjahren. In diesem Zeitraum bekomme es eine Herzensbildung“, lerne zum Beispiel, was Bindung und Verantwortung seien. Politische Programme hingegen entrissen die Kinder den Müttern, äußerte Eva Herman und sprach von entrechteten Eltern“.
Kindeswohl sollte im Mittelpunkt stehen
Das sah Hans Bertram anders: Ob Kinderbetreuung zu Hause oder im Hort, ob späte oder frühe Rückkehr in den Beruf – das sei die Entscheidung eines jeden Einzelnen. Wir müssen dafür kämpfen, dass jedes Individuum seinen Lebensentwurf umsetzen kann.“
Allerdings bewältigten Eltern die Kindererziehung am besten mit Hilfe der Gemeinschaft, fügte Bertram an, der am siebten Familienbericht der Bundesregierung mitgearbeitet hat. Hauptsache, das Kindeswohl stehe im Mittelpunkt, sagte er. Dass ein Fremder – womöglich der Staat – wissen könnte, was für Kinder gut sei, bezweifelten Bolz und Herman jedoch. Was für Kinder allerdings bestimmt gut ist: ein Mozartkonzert für Musikhörer ab sechs Jahren. Das gab es zeitgleich im Großen Haus nebenan.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa