18. Juli 2004 Mit der Maus ins Kasino: Das Design des Internetauftritts der Spielbank Wiesbaden ahmt das Ambiente des Kurhauses nach. Blonde Bildschirmschönheiten in langen, rückenfreien Cocktailkleidern lehnen am Roulettetisch, der Herr neben ihnen setzt ziemlich lässig seine Jetons. Das Jackett hat er jedenfalls schon abgelegt - hoffentlich nicht wegen Angstschweißes.
Den brauche bei dem Internetspiel niemand zu haben, ist sich Innenminister Volker Bouffier (CDU) sicher. Denn von einem manipulierten Zufallsgenerator wird beim einzigen staatlich überwachten Computerroulette in Deutschland niemand betrogen. Was auf den ersten Blick virtuell erscheint, ist ein reales Spiel. Rollt die Kugel auf dem Computermonitor, so rollt sie ebenfalls im Saal des Kurhauses. Wer sich vergewissern möchte, kann ein kleines Videofenster aufrufen und sehen, daß der Croupier tatsächlich nach jedem Spielzug live die weiße Kugel in den Kessel wirft. Am Freitag nachmittag übernahm der Innenminister diese Aufgabe und gab damit den Startschuß für eine zweieinhalb Jahre lange Probezeit: "Jetzt geht nichts mehr."
Um den zahlreichen illegalen Online-Glücksspielen im Internet, die größtenteils von der Karibik aus operieren, ein staatlich konzessioniertes Angebot entgegensetzen zu können, hat das Land Hessen vor zwei Jahren extra das Spielbankgesetz geändert. Damit in Hessen den Spielbanken nicht das gleiche Schicksal droht wie in Hamburg: Das dortige Kasino war bereits online und mußte sich wegen eines Urteils des Hamburger Verfassungsgerichts nach kurzer Zeit wieder aus dem Internet zurückziehen. Seit Freitag können nur Hessen oder Personen, die sich für die Dauer des Spiels in Hessen aufhalten, per Mausklick auf Rot oder Schwarz setzen, denn Glücksspiel ist Landessache. Aufgabe des Landes sei es, die Spiellust in geregelten legalen Bahnen zu ermöglichen, meint der Innenminister.
Bouffier, der von sich sagt, daß er den Internetauftritt "ausdrücklich unterstütze", sieht deshalb keinen Grund für die zahlreichen Einwände, die den Startschuß des Projektes begleiten. Suchtexperten meldeten sich in den vergangenen Tagen zu Wort und wiesen auf die Gefahren des Online-Spiels hin, das den Schritt in die Abhängigkeit vereinfache. Ein Mitglied der Wiesbadener Selbsthilfegruppe "Gambler Anonymous" beschrieb auf Anfrage die besonderen Tücken des Internetspiels: Durch die Anonymität des Internetzugangs falle die Hemmschwelle, das Kasino aufzusuchen. Zudem werde der Zugang zum Glücksspiel erleichtert, auch die gesellschaftliche Kontrolle durch Mitspieler gehe verloren. Der jeweilige Einsatz werde außerdem nicht als tatsächlicher Verlust aufgefaßt, da eine virtuelle Summe als Guthaben erscheint und nicht mit Bargeld gespielt wird.
Klaus Gülker, Geschäftsführer der Wiesbadener Spielbank, sieht keinen Anlaß für solche Bedenken. Beim Internetauftritt sei besonders sorgfältig auf die Sicherheit des Zugangs - die Spezialsoftware trägt das Gütesiegel des TÜV Rheinland - und die Kontrolle des Spieldrangs geachtet worden. So beträgt beispielsweise die Höchstsumme, die an einem Tag beim Roulette gesetzt werden kann, 5000 Euro. Ein Spielen auf Kredit ist nicht möglich. Die Einsätze werden in der Regel per Kreditkarte auf ein Guthabenkonto gebucht. Bis ein Spieler tatsächlich die ersten virtuellen Jetons kaufen kann, wird seine Identität in einem langwierigen Verfahren geprüft - bevor dem Kasino nicht ein unterzeichneter Spielvertrag und eine Kopie des Personalausweises zugesandt wurden, kommt niemand in die Online-Spielbank. So kann verhindert werden, daß Spieler mit Sperrvermerken unerkannt Zugang zum Glücksspiel erhalten. Und wenn Ehepartner oder Kinder den ungezügelten Spieldrang des Angehörigen unterbinden wollen, genügt ein Einspruch bei der Spielbank, um den Süchtigen zumindest vorübergehend zu sperren.
Die Spielbank erhofft sich durch die Online-Zocker eine kräftige Aufwertung ihrer Einnahmen. Waren diese in den vergangenen sechs Jahren rückläufig und ging auch 2003 erstmals das "kleine" Automatenspiel zurück, soll mit dem Online-Angebot dieser Trend umgekehrt werden. Zwei Millionen Euro Bruttospielertrag erhofft sich Spielbank-Geschäftsführer Gülker im ersten Jahr, von denen circa 60 Prozent ans Land Hessen und weitere 30 Prozent an die Stadt Wiesbaden abgeführt werden. Auf zehn Prozent schätzt Gülker den erwartbaren Marktanteil des Internetroulettes. Da sich die Wiesbadener Spielbank gegen rund 2000 illegale Online-Angebote durchsetzen muß, wird ein großer Marketingaufwand notwendig sein. Schätzungsweise fünf Milliarden Euro werden jährlich weltweit mit illegalem Internetglücksspiel umgesetzt. Und dessen Verlockungen erliegen nach Gülkers Ansicht die meisten Spieler: "Ein hochgradig gefährdeter Suchtkranker wird wohl weiterhin im Ausland spielen." RAINER SCHULZE
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Michael Kretzer