05. Mai 2008 Also noch mal von vorn. Rafael Kaliciak und Mayumi Domdey schauen sich in die Augen. Mit kurzem Anlauf springt sie auf seine Arme, und wie in einer Spirale hebt er sie drehend nach oben. Nur mit einem Arm stützt er ihre Hüfte, und genauso hält sich die 16 Jahre alte Mayumi mit nur einer Handfläche auf seiner Schulter in der Luft. Doch die Zeit reicht ihr nicht, mit gespreizten Armen und Beinen das Gleichgewicht zu finden, dann fällt sie nach unten. Sie landet jedoch nicht auf dem Boden, sondern in den muskulösen Armen Rafaels, der sie mit einer schnellen Reaktion auffängt und zu Boden lässt. Du hast die Füße einknicken lassen“, analysiert Rafael dann die misslungene Hebefigur. Ein Schmetterling“ sollte es werden.
Die beiden Karlsruher sind in einem Workshop, der beim Frankfurter Akrobatiktreffen“ in der Philip-Fenn-Halle in Dietzenbach stattfindet. Etwa 140 Akrobatikbegeisterte sind angereist, um gemeinsam den Sport auszuüben. Die 17 Mitglieder der Hobbyhübber Bornheim“ organisierten das Treffen zum vierzehnten Mal. Die meisten der Teilnehmer, die ein Wochenende lang Tipps mit anderen Hobbyakrobaten austauschen, trainieren wie Rafael und Mayumi Partnerakrobatik. Manche Gruppen haben sich in der Halle aber auch zusammengefunden, um Jonglieren oder Einradfahren zu üben.
Pyramiden und andere Menschenbilder bauen
So wie der 13 Jahre alte Emanuel, der seine Fähigkeiten im Jonglieren verbessert. Drei Keulen kann er schon werfen und wieder fangen. René Graf, der die Arbeitsgruppe anbietet, erhöht nun den Schwierigkeitsgrad. Während Emanuel sich mit zusammengepressten Lippen auf seine rotierenden Keulen konzentriert, nimmt der Trainer eine Keule weg. Emanuel findet einen neuen Rhythmus mit den nur zwei Keulen und jongliert weiter. Als René Graf die fehlende Keule wieder hinzu wirft, knallen sie allesamt zu Boden.
Graf jongliert seit vier Jahren. In seinem Wohnort in Bayern gibt es keine Akrobatikgruppe, weshalb er auf Jonglieren umstieg. Das könne man auch allein üben. Zur Akrobatik kam er auf einem Geburtstag, bei dem Übungen aufgeführt wurden. Ich habe meine Taschen geleert, den Gürtel ausgezogen und gleich mitgemacht“, erinnert er sich, am nächsten Tag bin ich in Sportklamotten gleich wieder zum Training gegangen.“ Für ihn ist Akrobatik ein Ausgleich zum Bürojob: Die meisten hier sind Berufstätige oder Studenten.“
Wie viele andere kam auch Dieter Becker über den Hochschulsport zur Akrobatik. Er studierte vor fast 20 Jahren Geographie in Frankfurt. Becker ist Mitgründer der Hobbyhübber“, die sich jede Woche treffen und Pyramiden“ und andere Menschenbilder bauen. In der Schule war ich eher unsportlich“, sagt er. Dennoch ist Akrobat heute Dieter Beckers Beruf, da er auf Firmenfeiern und in Varietés auftritt. Für die meisten bleibt der Sport jedoch eine Freizeitbeschäftigung.
Wie im Film Dirty Dancing
Akrobatik sei nicht nur für Fliegengewichte ein geeigneter Sport. Denn der, der andere vom Boden aus stützt und trägt, muss andere Voraussetzungen erfüllen als der, der in die Luft gehoben wird“, erklärt Becker. Auch das Alter spiele keine große Rolle. Zwischen 16 und 55 Jahren sind die Besucher am Wochenende alt. Akrobatik fördere das Körperbewusstsein, weil auf andere Rücksicht genommen wird. Bei einem solchen Treffen mit vielen Fremden braucht es deshalb Zeit, um sich an neue Partner zu gewöhnen“, meint Becker.
Auch Rafael muss mit neuen Turnpartnern zunächst das Timing abstimmen, bevor es mit den Figuren klappt. Der Dreißigjährige schloss sich in Karlsruhe einer Akrobatengruppe an, um eine Wette mit Freunden zu gewinnen: Innerhalb von vier Wochen wollte er lernen, im Handstand zu gehen. Aus der Wette ging er zwar nicht siegreich hervor, dennoch hat er ein Hobby für sich entdeckt. Neue Figuren lernt er bei diesen Treffen kaum noch, dafür aber neue Namen. Was hier ein ,Eiffelturm‘ ist, nennen wir ,Kirchturm‘“, bemerkt Rafael. Ihn interessiert es, neue Übergänge zwischen den Figuren zu lernen.
Wie im Film Dirty Dancing“ trägt er die 23 Jahre alte Aline Taphanel über sich. In dieser horizontalen Position des Hohen Fliegers“ verharrt Aline einige Sekunden. Ihr ganzer Körper ist angespannt und balanciert sich nur von Rafaels Armen getragen aus. Durch die Anspannung zittern Arme und Beine. Flink setzt er Aline dann wieder ab. Es ist wie beim Tanzen: Wenn die Unterperson gut führt, braucht es kaum noch Absprachen“, erklärt die frühere Trampolinspringerin. Von jemandem, den sie unsympathisch findet, lasse sie sich nicht tragen. Mayumi fand so viel Körperkontakt gewöhnungsbedürftig: Und wenn da so ein Hämpfchen steht, hab ich schon Angst, mich tragen zu lassen.“ Schließlich muss man dem vertrauen, von dem man sich durch die Luft wirbeln lässt.
Bis zwei Uhr morgens wird meist noch geturnt, wenn die Letzten müde ins Matratzenlager fallen. Wir basteln so lange einfach rum, wie man wo auf dem anderen draufstehen kann“, sagt ein Teilnehmer und gibt damit eine ganz eigene Definition von Akrobatik.
Text: szeh., F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wonge Bergmann
Erneuerung jenseits disziplinärer ![]()
Deutscher Olympischer Sportkongress: Spiegel und Vorbild der Gesellschaft?
Deutsche Marine soll Piraten vor Afrika jagen dürfen
Die Forderung der Hessen-SPD, Versorger sollten eine gewisse Strommenge verschenken, ist...
