Filmhaus Wiesbaden

Eine Werkstatt für bewegte Bilder

Von Ewald Hetrodt

Von der Rolle: Ein Vorführer an seinem Arbeitsplatz im Filmhaus Wiesbaden. Dort sollen künftig Ausstellungen und Kinofilme zur deutschen Filmgeschichte präsentiert werden.

Von der Rolle: Ein Vorführer an seinem Arbeitsplatz im Filmhaus Wiesbaden. Dort sollen künftig Ausstellungen und Kinofilme zur deutschen Filmgeschichte präsentiert werden.

31. März 2009 Eine „Wohngemeinschaft“ wird sich nun um das nationale Erbe des Films kümmern. So sieht es jedenfalls der Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann (CDU). Am Dinestag hatten die Bewohner ihn eingeladen, gemeinsam mit anderen Gästen schon einmal die Kinosessel auszuprobieren.

Der Wiesbadener Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) gab das Testergebnis bekannt. Die Ergonomie sei so gut, dass er Lust auf viele lange Versionen bekommen habe. Der Saal mit seinen einhundert in blauem Velours gehalten Sitzen gilt als das Herzstück des Deutschen Filmhauses. Er steht all den Einrichtungen der Branche zur Verfügung, die mit ihren Büros und Studios in das für 7,2 Millionen Euro neu erbaute Domizil der Murnau-Stiftung eingezogen sind.

6000 Filme im Archiv

Dazu zählt die Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft (SPIO), die das Projekt maßgeblich unterstützt hat, ebenso wie das hessische Landesstudio des ZDF. Weitere Mieter sind das Digitale Department des Deutschen Filminstituts, die Freiwillige Selbstkontrolle, Medienanwälte und Firmen wie zum Beispiel die Ingelheimer Omnimago GmbH. „Postproduktionsunternehmen“ nennen sich solche Dienstleister.

Sie können Filme nicht nur schneiden und nachträglich bearbeiten, sondern auch restaurieren. So bekommen sie eine technische Schlüsselrolle in der Arbeit der vor 43 Jahren gegründeten und nach dem Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau benannten Stiftung. Diese hält die Hand über einen Großteil der bedeutenden deutschen Filme. Allein in der Zeit von den Anfängen der Laufbilder bis zu den sechziger Jahren hat sie insgesamt 6000 Filme archiviert, darunter Klassiker wie „Dr. Mabuse“ und „Der Blaue Engel“.

Metropolis als Erbe der Welt

Der Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung, Eberhard Junkersdorf, berichtete, dass die gegenwärtige Wiederherstellung des aus den zwanziger Jahren stammenden Originals von „Metropolis“ ungefähr 650 000 Euro koste. Aber der bekannteste deutsche Film sei es wert. Immerhin habe die Unesco ihn als Bestandteil des „Memory of the World“ anerkannt – so wie die Handschriften des Johann Wolfgang von Goethe.

„Den beträchtlichen Aufwand“ der Restauration konstatierte auch der Kulturstaatsminister. Und er rechtfertigte ihn ebenfalls. „Filme sind Zeitzeugen par excellence“, sagte er. „Sie sind Teil des Gedächtnisses einer Generation und der Nation.“ Die Selbstverpflichtung der Produzenten, für jedes Stück, das vom Bund oder Land gefördert werde, ein Exemplar abzugeben, reiche allerdings nicht aus. In der nächsten Wahlperiode müsse es darum gehen, eine solche Hinterlegungspflicht grundsätzlich gesetzlich vorzuschreiben.

Gefahren bewegter Bilder

Neumann warnte auch vor den Gefahren der bewegten Bilder und nannte als Beispiele nationalsozialistische Propagandafilme wie „Jud Süss“ oder „Der Hitlerjunge Quex“. Jugendlichen müsse man den richtigen Umgang mit solchen Machwerken beibringen, forderte er und pries seine Heimat Bremen. Dort würden Filme im Deutschunterricht behandelt und seien fester Bestandteil des regulären Lehrplans.

Die Anregung des Staatsministers, Hessen solle sich daran ein Beispiel nehmen, konnte Eva Kühne-Hörmann (CDU) mit großem Wohlwollen und „gerne aufgreifen“. Denn als Ministerin für Wissenschaft und Kunst ist sie für den Schulunterricht nicht zuständig. Stattdessen erwähnte sie, dass das Land Hessen für das Deutsche Filmhaus 1,7 Millionen Euro aufgebracht habe.

Stadt stellt das Grundstück

Die Landeshauptstadt stellte das Grundstück zur Verfügung. Ihr Oberbürgermeister hat, wie zu hören war, mit Erfolg dafür gekämpft, das Filmhaus offiziell als das „Deutsche“ zu bezeichnen. So sicherte er Wiesbaden auf eine relativ kostengünstige Weise eine weitere nationale Institution.

Gestern konnte er die an die „Filmstadt Wiesbaden“ gerichteten Glückwünsche des Staatsministers entgegennehmen und sich darüber hinaus über das wirtschaftliche Potential der Branche freuen, die sich nun im Südosten des Hauptbahnhofs auf einer Nutzfläche von 3800 Quadratmetern angesiedelt hat. Ihr Domizil steht am Rande einer ehemaligen Brachfläche, die gegenwärtig zu einem Kulturpark umgestaltet wird.

Die CDU und die Tankstelle

Müller stellte eine überraschende Verbindung zwischen der hessischen Zeitgeschichte und dem neuen Deutschen Filmhaus her. Er erinnerte nämlich daran, dass der heutige Ministerpräsident Roland Koch (CDU) sein Bündnis für die Eroberung der Macht im Land zu Beginn der achtziger Jahre als junger Mann bei einem legendären Treffen an der Autobahnraststätte in der Wetterau geschmiedet habe.

Die inzwischen etwas älter gewordenen Beteiligten, so Müllers Vermutung, würden sich sicher für den Klassiker interessieren, der heute zu den Schätzen des Deutschen Filmhauses gehöre: „Die Drei von der Tanksstelle“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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