Ausflugstipp

Der „Urzoo“ im Hunsrück

Von Thomas F. Klein

Die Schiefergrube Herrenberg im Hunsrück ist berühmt für ihre einzigartigen F...

Die Schiefergrube Herrenberg im Hunsrück ist berühmt für ihre einzigartigen Fossilien

04. Oktober 2008 Als hätte eine höhere Instanz es so gewollt: Im Hunsrück, nahe dem Ort Bundenbach, sind bedeutende Zeugnisse der Erdgeschichte, aus keltischer Zeit und dem Mittelalter konzentriert. Nur wenige hundert Meter voneinander entfernt liegen die Nachbildung eines keltischen Dorfes, die „Altburg“, ihr gegenüber die Schmidtburg, eine der größten Burganlagen Westdeutschlands, sowie auf halbem Wege dazwischen die einstige Schiefergrube Herrenberg – berühmt für ihre einzigartigen Fossilien.

Historisch verbindet die drei nichts, desto mehr geologisch. Die „Sägearbeit“ des noch immer weitgehend ungezähmten Hahnenbachs durch das Gestein schuf einst nicht nur die Voraussetzung für den Abbau des Schiefers. Die herausmodellierten Felssporne boten auch ideale Bedingungen, auf der Höhe Festungen anzulegen. Ein strategischer Vorteil, den Kelten seit dem dritten Jahrhundert vor Christus ebenso nutzten wie 1400 Jahre später die Erbauer der Schmidtburg. Im Zuge einer „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ wurde die 200 Meter lange Ruine in den achtziger Jahren restauriert. Es traf sich gut, dass kurz zuvor auf der anderen Hahnenbachseite eine archäologische Sensation freigelegt worden war: 3600 Pfostenlöcher im Felsboden. Sie markierten die Bebauung innerhalb einer Höhenfestung aus der späten La-Tène-Zeit, einer Epoche der vorrömischen Eisenzeit. Kurzerhand rekonstruierte man das Keltendorf gleich mit.

Idyll des Gallierdorfs im „Asterix“-Comic

Am Ende entstanden fünf größere und sechs kleinere Behausungen, das Ensemble wurde mit einer Palisade umzäunt. Vom Plateau der Schmidtburg betrachtet, ähneln die reetgedeckten Hütten dem Idyll des Gallierdorfs im „Asterix“-Comic. Wie die Kelten in der – sehr viel dichter bebauten – Siedlung gelebt hatten, kann der Besucher erahnen, wenn er das Holztor einer Hütte öffnet. Der Blick in die gerade 25 Quadratmeter großen Räume ernüchtert. Um eine offene Herdstelle lebte eine Großfamilie. Die Gebäude aus Lehmgefachen besaßen keine Fenster und keinen Rauchabzug.

Im Übrigen spielte sich das Leben weitgehend im Freien ab. Aber das dürfte sich im rauhen Hunsrückklima in Grenzen gehalten haben. Einige Archäologen jedenfalls, die in diesem Sommer versuchten, wie einst die Kelten zu wohnen, brachen trotz Verpflegung aus dem Supermarkt nach wenigen Wochen ihr Unterfangen ab. Zu kalt war es nachts, zu groß die Sehnsucht nach fließendem Wasser. Das schleppte man einst mühsam aus dem Hahnenbachtal herauf.

Wie stark Regen und Frost den Behausungen zusetzten, weiß man nun auch. Nach kaum zwei Jahrzehnten ihres Bestehens musste die Altburg rundum saniert werden. Derzeit wird auch die Palisade ausgebessert. Ursprünglich war sie mit dem Dorf niedergebrannt worden. Der umgebende, heute überwachsene Wall zeigt Spuren großer Hitze. Da half offenbar auch nicht mehr die zum Feuerschutz angebrachte Schieferverkleidung.

Schiefer prägt das Bild der Hunsrück-Dörfer

Der Schiefer prägt noch heute das Bild der Hunsrück-Dörfer. Wie seit Jahrhunderten werden die Dächer mit den grauen Platten gedeckt, wenn sie mittlerweile auch aus anderen Regionen stammen oder industriell gefertigt werden. Einst waren rund um Bundenbach 21 Gruben in Betrieb. Die Herrenberg wurde 1964 als eine der letzten stillgelegt, vor zwei Jahrzehnten öffnete man sie wieder für alle, die sich für die Geschichte der Bergwerke interessieren.

Die Besucher werden durch hallenartige, in mühsamer Handarbeit seit dem 16. Jahrhundert geschaffene Hohlräume geführt. Unschätzbares Nebenprodukt der Bergbautätigkeit sind die im Schiefer konservierten, rund 400 Millionen Jahren alten Tiere und Pflanzen aus diesem Devon genannten geologischen Zeitalter. Rund 60 floristische und 240 faunistische Arten umfasst mittlerweile der Bundenbacher „Urzoo“. In vielen Naturkundesammlungen wie dem Frankfurter Senckenberg-Museum illustrieren seine Fossilien den Reichtum des sich diversifizierenden Lebens.

Manche Wesen sind so gut erhalten, dass selbst die Weichteile konturiert sind: Der leicht goldglänzende Pyritüberzug des blaugrauen Gesteins lässt die Seelilien, Trilobiten, Krebse, Kopffüßer oder Panzerfische wie von Künstlerhand geformt erscheinen. Einige der beeindruckenden Exemplare werden überirdisch in einem Schauraum der Grube Herrenberg gezeigt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Sollten Lesegeräte für Autokennzeichen wieder eingesetzt werden?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche