Zigarrenmanufaktur

Havannas made in Mittelhessen

Von Wolfram Ahlers

Für die Qualität ausschlaggebend sind die Auswahl und Zusammenstellung der 
Tabake

Für die Qualität ausschlaggebend sind die Auswahl und Zusammenstellung der Tabake

06. Februar 2007 Der Zweckbau am Rande eines Gewerbeparks im mittelhessischen Heuchelheim unterscheidet sich kaum von den umliegenden Fabrikhallen. Wer das Gebäude betritt, den empfängt jedoch ein ungewöhnlich kräftiger, würzig-süßlicher Duft. Und Steffen Rinn, der Chef des Hauses, erwartet seine Besucher in passendem Outfit, er hat seine Kleidung in Brauntönen aufeinander abgestimmt. Darauf legt er Wert, handelt es sich doch um die Farben des Produkts, das im Unternehmen hergestellt und in hölzerne Schachteln oder Aluminiumröhrchen verpackt wird: Zigarren und Zigarillos. Die Firma „Don Stefano“ des 65 Jahre alten Mannes ist die einzige Zigarrenmanufaktur, die es noch in Hessen gibt.

Früher dagegen waren es viele. Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich die Zigarrenherstellung in der Region Gießen, Wetzlar und Marburg zurückverfolgen. Die Manufakturen entstanden in der strukturschwachen Region, weil Land- und Forstwirtschaft oder Handwerk vielen Familien kaum das Auskommen ermöglichten. Zudem bedurfte es keiner großen Investitionen für den Aufbau der Produktionsstätten.

Siegeszug der Zigarette

Mit dem Blick des Kenners: Steffen Rinn prüft die Qualität der Rohware

Mit dem Blick des Kenners: Steffen Rinn prüft die Qualität der Rohware

Manchmal genügte es, nur einen Saal in der Dorfwirtschaft für die Verarbeitung der Tabakblätter anzumieten. Manche Firmen ließen in Heimarbeit produzieren, woraus sich erklärt, dass es zum großen Teil Frauen waren, die das „Genussmittel für die Herrengesellschaften“ herstellten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten mehr als 3000 Menschen in der mittelhessischen Zigarrenindustrie – bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs waren es dann fast doppelt so viele und in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg bis zu 10.000. In den Nachkriegsjahren fasste die Tabakverarbeitung rasch wieder Fuß. Zigarren waren auch als Tauschobjekt begehrt, avancierten zum Statussymbol des beginnenden wirtschaftlichen Aufstiegs. Mehr als ein Dutzend eigenständige Unternehmen mit einem Mehrfachen an Fertigungsstätten produzierten bis in die fünfziger Jahre in Mittelhessen.

Doch dann ging es bergab. Neue moderne Maschinen verdrängten die Handarbeit. Kleinbetriebe vor allem waren nicht in der Lage, in die Technik zu investieren, und mussten schließen. Noch mehr aber setzte der Branche die sinkende Nachfrage zu: Zigarren kamen aus der Mode, die Zigarette trat zum Siegeszug an. Mitte der achtziger Jahre zeigten dann erste Kampagnen gegen das Rauchen Wirkung, mit der Branche ging es schnell bergab. Von Beginn der sechziger bis zum Ende der achtziger Jahre sank der Zigarrenabsatz um rund zwei Drittel.

Einzig die von Steffen Rinns Großvater gegründete Firma Rinn & Cloos konnte sich mit drei Produktionsstätten in der Region noch halten. 1993 musste aber auch dieses renommierte Unternehmen schließen – zwei Jahre vor dem hundertjährigen Firmenjubiläum. Zuvor schon war die Rinn & Cloos AG, die zu ihrer Glanzzeit bis zu 3000 Mitarbeiter beschäftigt hatte – zuletzt waren es nur noch gut 200 –, von einem Schweizer Konzern übernommen worden.

Wieder auf den Geschmack gekommen

Die mittelhessische Region hätte also eine über mehr als ein Jahrhundert bedeutende Industrie verloren, wären die Raucher Mitte der neunziger Jahre nicht wieder auf den Geschmack hochwertiger Zigarren gekommen. Der Absatz stieg auf mehr als eine Milliarde Stück – und hält sich nach Angaben des Bundesverbandes der Zigarrenindustrie seither auf diesem Niveau.

Steffen Rinn machte das Mut zum Neuanfang: Er gründete ein eigenes Unternehmen. Dabei sollte ihm zugute kommen, dass er seit Mitte der sechziger Jahre in der Tabakbranche tätig war und das Geschäft „von der Pike auf“ kannte, wie er sagt. Er leitete bei Rinn & Cloos die Produktion, war zuständig für den Einkauf der Rohtabake. Rinn kam in dieser Zeit viel herum, bereiste bedeutende Anbaugebiete und eignete sich profunde Kenntnisse über die Tabakpflanze und deren Verarbeitung an.

Auch bei der maschinellen Herstellung von Zigarren geht es nicht ohne geschickte Hände

Auch bei der maschinellen Herstellung von Zigarren geht es nicht ohne geschickte Hände

Ausgestattet mit diesem Fachwissen und Geschäftsverbindungen nach Übersee, boten er und seine drei Mitarbeiter unter dem Namen Don Stefano zunächst hochwertige Zigarren und Zigarillos an. Zugleich begann er, sich einen Markt zu erschließen. Heute zählt Rinn mehr als 2000 Kunden in Deutschland und in Österreich, für die er aus erstklassigen Tabaken vor allem Premium-Produkte herstellt. Den Vertrieb führt er gemeinsam mit seinem Sohn weitgehend in eigener Regie, hier und dort kooperiert er auch mit Partnern.

In Handarbeit gefertigt

Rund 30 Mitarbeiter zählt die Belegschaft von Don Stefano heute, sie stellt in der Heuchelheimer Manufaktur rund zwei Dutzend Sorten her. Von der klassischen Brasil und Sumatra im Corona- oder Torpedoformat über Pfeifenzigarren bis zu Zigarillos in unterschiedlichen Größen reicht das Fertigungsspektrum. Im Trend liegen nach Angaben von Rinn derzeit vor allem Zigarillos mit aromatisierten Tabaken. Hinzu kommt noch ein knappes Dutzend Marken, die Rinn aus Honduras, Nicaragua und der Dominikanischen Republik importiert und in Deutschland vertreibt. Abnehmer der Heuchelheimer Manufaktur sind verschiedene Handelshäuser mit eigenen Tabakabteilungen und einige größere Fachgeschäfte.

Die Zigarren der Heuchelheimer Fabrik werden in Handarbeit gefertigt, von der Vorbereitung der Füllung über das Zurechtschneiden des Umblattes bis zum Rollen der besonders edlen Deckblätter. Das ist wie eh und je im Wesentlichen Frauenarbeit, deren Fingerfertigkeit der Chef zu schätzen weiß. Zum Einsatz kommen aber auch Wickelmaschinen, welche einzelne Arbeitsschritte rascher erledigen, allerdings auf ein bestimmtes Format fixiert sind.

Für die Qualität ist es nach Angaben von Steffen Rinn unerheblich, ob es sich um hand- oder maschinengefertigte Zigarren handelt, ob sie aus ganzen Blättern, „Longfillern“, oder Blattstücken, „Shortfillern“, gefertigt sind. Entscheidend seien Auswahl und Zusammenstellung der Tabake. Don Stefano verarbeite vor allem Tabake aus bevorzugten Lagen Brasiliens, Kubas, Sumatras oder Javas. Auch auf die Reifung kommt es an. So besitzt die Firma auf ihrem Grundstück spezielle Lagerräume mit konstant 20 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von etwa 70 Prozent. Zigarren bekommt nämlich ein Klima, das dem unserer Zonen entspricht, mehr als die tropische Witterung.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Nedden

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