Banken

Renaissance der Filiale

Von Christian Siedenbiedel

Neu: Filiale der HVB in Frankfurt-Bockenheim

Neu: Filiale der HVB in Frankfurt-Bockenheim

27. September 2006 Schon melden sich die ersten Mahner. Das ganze sei unter Kostengesichtspunkten „höchst bedenklich“, warnt ein Frankfurter Wirtschaftsprüfer. In den Banken scheint man das anders zu sehen: Immer mehr Institute gehen nach Jahren des Sparens und Streichens dazu über, ihre Filialnetze auszubauen. Selbst im umkämpften Rhein-Main-Gebiet, dem angesichts der mehr als 400 Frankfurter Kreditinstitute der Ruf anhaftet, besonders „overbanked“ zu sein, bekommen nicht nur bestehende Geschäftsstellen neue Software und frische Farbe - es werden auch neue Filialen eröffnet. Zum Teil sogar in Gegenden, in denen klar ist: Hier kann die Neue nur Geschäfte machen, indem sie Mitbewerbern Kunden abwirbt.

Der Kurswechsel wird bei der Deutschen Bank besonders deutlich: In einige Orten, aus denen sie sich in den Spar-Zeiten zurückgezogen hatte, kommt sie jetzt zurück - wenn auch zu niedrigeren Fixkosten. Lange Zeit war es gerade bei den Großbanken gang und gäbe, daß Filialen geschlossen und durch sogenannte SB-Stellen, unbemannte Automatenräume, ersetzt wurden. Inzwischen hat man offenbar auch in den Bankzentralen registriert, daß Automaten keine Bausparverträge und Fondsprodukte an den Kunden bringen. In Heppenheim passiert deshalb jetzt das Umgekehrte wie damals: Aus dem Automatenraum soll wieder eine bemannte Filiale werden, allerdings betrieben von selbständigen Finanzberatern, die für die Deutsche Bank arbeiten. Der Kunde sieht den Unterschied kaum - die Kosten sollen allerdings erheblich geringer sein.

Filiale als belebtes Werbeschild

Deutsche Bank in Neu-Anspach

Deutsche Bank in Neu-Anspach

Der neue Trend zum Filialen-Gründen scheint die meisten Teile des Bankensektors erfaßt zu haben. Die Sparda-Bank Hessen, traditionell eher wie eine Direktbank aufgestellt, eröffnete Anfang des Monats in Alsfeld ihre 36. Geschäftsstelle, im April in Baunatal die 35. Auch für Frankfurt ist Vorstandschef Jürgen Weber auf der Suche nach Standorten, wie er sagt. Die Hypovereinsbank richtet sechs neue Filialen im Rhein-Main-Gebiet an herausragenden Standorten ein. Die erste hat im Juli in Bockenheim an der Leipziger Straße schon den Betrieb aufgenommen. Sogar an die Zeil würden die Münchener gern gehen - wenn sie denn eine entsprechende Immobilie fänden.

Mehr Nähe zum Kunden ist es, was sich die Banken von den neuen Filialgründungen erhoffen - in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs ist für sie alle der Vertrieb besonders wichtig. Die immer stärker fabrikartigen Bankmaschinerien brauchen Masse, damit sie sich lohnen. Die kann man nicht allein im Internet generieren, so scheint sich bei immer mehr Häusern abzuzeichnen. Die Filiale wird, wie bei manchen Einzelhandelsketten an der Goethestraße, zum belebten Werbeschild.

Auch Privatbanken regen sich

Die Filiale der Zukunft unterscheidet sich dabei wesentlich von jener der Vergangenheit: Kassen mit Panzerglas verschwinden, ihre Arbeit übernehmen immer mehr die Geldautomaten. Stattdessen sind pfiffige Ideen und behagliches Ambiente gefragt. In Griesheim scheint die dortige Volksbank mit einem „Seniorenschalter“ recht erfolgreich zu sein. Auch in anderen Genossenschaftbanken und Sparkassen werden „Leuchtturmprojekte“ für spezielle Zielgruppen erprobt.

Selbst die kleinen Privatbanken für die Reichen hat der Filialisierungstrend nicht unberührt gelassen. Während sie früher von einem oft Jahrhunderte alten Bankgebäude am Stammsitz aus ihre Kunden in der näheren und weiteren Umgebung betreuten, hat sich auch bei ihnen die Erkenntnis durchgesetzt, daß sich ein Spezialistenteam besser rechnet, wenn man ein nahezu bundesweites Einzugsgebiet bearbeitet. Das Bankhaus Metzler begann mit der Gründung einer Dependance auf einer Burg in der Nähe von Köln. Hauck und Aufhäuser gingen auf die Düsseldorfer Königsallee und wollen nun nach Hamburg, mitten ins Stammgebiet das hanseatischen Traditionsbankhauses Berenberg - das seinerseits wiederum in der vorigen Woche eine Repräsentanz in Wiesbaden an der vornehmen Wilhemstraße eröffnet hat. Die Nähe zu dem in der Landeshauptstadt vorhandenen „alten Geld“ dürfte die Hanseaten dorthin gelockt haben.

Gutes Personal ist schwierig zu finden

Einer, der besonders viel über die Bedürfnisse der Kunden hinsichtlich neuer Filialen hat erforschen lassen, ist Rainer Neske, Privatkunden-Chef der Deutschen Bank. Sein Ansatz: Der Bankbesuch soll vom Pflichtprogramm zum Erlebnis werden. Um herauszufinden, was dafür nötig ist, betreibt der Branchenprimus in Berlin an der Friedrichstraße eine Versuchsfiliale namens „Q 110“. Was sich dort als erfolreich erweist, könnte beispielsweise in die geplante Frankfurter Vorzeigefiliale übernommen werden, die nach der Modernisierung der Zwillingstürme unten in den Erdgeschoßräumen entstehen soll.

Spezialschalter für Senioren

Spezialschalter für Senioren

Zu den ungewöhnlichsten Ansätzen gehören Bankprodukte in Schachteln: Weil die Konsum-Forscher herausgefunden haben, daß es eine Schwäche der Bankprodukte sei, daß man für sein Geld oft nur Papier mit Zahlen darauf erhalte, hat die Deutsche Bank in der Versuchsfiliale etwa Girokonten in bunten Boxen vorrätig, die man wie im Supermarkt aus dem Regal ziehen und an der Kasse bezahlen kann. Schon jetzt gilt übrigen die Kaffee-Bar der Versuchsfiliale als voller Erfolg.

Die Kunden nehmen den neuen Trend offenbar mit verhaltenem Wohlwollen zur Kenntnis. Während in Stadtteilen wie Frankfurt-Griesheim, aus denen die Postbank sich zurückzieht, noch Unterschriften gegen den „Kahlschlag“ gesammelt werden, können Bürgermeister in Städten wie Neu-Anspach schon wieder Eröffnungsreden halten. Eine Studie der Unternehmensberatung Accenture zeigt allerdings: Die schönste Filiale hilft nichts, wenn die Mitarbeiter nicht besser auf Kundenwünsche eingehen. Gutes Personal für neue Filialen zu finden soll aber trotz 70.000 gestrichener Stellen in der Branche schwierig sein. Vertriebs-Asse, so berichten die Banken, suchten schließlich alle.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z. - Sick, F.A.Z. - Zimmermann, F.A.Z. / Foto Pilar

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