Von Luise Glaser-Lotz

Fünf Plätze liegen an einer Achse durch die Hanauer Innenstadt mit dem Marktplatz (Foto) als Zentrum
09. Mai 2008 Was ist in den vergangenen Jahren nicht alles geplant worden für den Hanauer Freiheitsplatz, das spartanisch gestaltete Herzstück der Hanauer Innenstadt: eine Tiefgarage unter dem Kreisel am DGB-Hochhaus, ein Neubau der Stadtbibliothek oder deren Umzug in das Finanzamtsgebäude, ein Einkaufszentrum und vieles mehr. Zum Architektenwettbewerb gesellte sich die Bürgerbeteiligung, sogar einen historischen Stadtverordnetenbeschluss hat es gegeben. Unter all dies ist ein dicker Schlussstrich gezogen worden.
Nun will die Stadt nach den Worten von Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) Pionierarbeit in Deutschland leisten und die Innenstadt mittels des noch jungen Instruments des wettbewerblichen Dialogs auf Vordermann bringen. Die Gestaltung des Freiheitsplatzes bildet das Kernstück, doch im Blick hat man das ganze Kerngebiet der City: die Achse der fünf Plätze von der niederländisch-wallonischen Kirche über den Marktplatz, den Freiheitsplatz bis hin zum Altstädter Markt und den Schlossplatz. Bei dem wettbewerblichen Dialog handelt es sich um ein neuartiges Vergabeverfahren. Es ermöglicht einem einzelnen Investor oder auch einem Zusammenschluss von Investoren, ein umfassendes Entwicklungsprojekt mit einem öffentlichen Auftraggeber zu planen, um es dann in eigener Regie zu verwirklichen und anschließend auch zu betreiben (siehe Kasten).
Gehen die Vorstellungen von Kaminsky und Martin Bieberle, dem Leiter des städtischen Fachbereichs Stadtentwicklung und Bürgerservice, in Erfüllung, wird die Innenstadt in einem Zeitraum von fünf bis 15 Jahren aus einem Guss umgestaltet sein. Dabei sollen die Investoren, die sich bewerben, tabulos und kreativ eigene Vorstellungen für schwierige Aufgaben entwickeln und mit einem unverstellten Blick von außen auf wirtschaftlich sinnvolle Lösungen kommen, auf die man als Einheimischer nicht gestoßen wäre.
Pflicht: Lösung für Stadtbibliothek
Dazu gibt die Stadt den Wettbewerbsteilnehmern Pflicht- und Küraufgaben vor. Vorrangiges Ziel ist die städtebauliche und wirtschaftliche Aufwertung der Plätze sowie ihrer Verbindungen. Dabei wird besonderer Wert darauf gelegt, dass die Neu- und die Altstadt enger zusammenwachsen und erstmals in ihrer Geschichte eine Einheit bilden. Kultur, Freizeit, Einkaufen, Gastronomie, Führung des Verkehrs einschließlich der Busse, Parken und Wohnen lauten die Schwerpunkte des Kriterienkatalogs, der den Wettbewerbsteilnehmern an die Hand gegeben werden soll.
Zum Pflichtteil gehören Lösungen für den Standort einer neuen Stadtbibliothek und für das geplante Brüder-Grimm-Kulturzentrum, außerdem für neue Wohnhäuser an der niederländisch-wallonischen Kirche. Dort bestehen nach Einschätzung Kaminskys beste Voraussetzungen für ein höherwertiges Wohnangebot. Gewünscht, aber nicht zwingend vorgegeben ist ein Hotel, möglichst in der Nähe des Congress Parks (CPH) am Schlossplatz. Auch Überlegungen für ein Großkino wären der Stadt willkommen.
Knifflig wird es mit dem geplanten Einkaufszentrum am Freiheitsplatz, Standort des heutigen Karstadt und des ehemaligen Sporthauses Barthel. 20 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche sind dort von der Stadt vorgesehen. Bis zum Juni läuft die Frist, die sich die Stadtverordnetenversammlung für eine Entscheidung gesetzt hat. Wenn bis dahin nicht feststeht, ob die Grundstücke für die Einbindung in den wettbewerblichen Dialog zur Verfügung stehen, soll nach anderen Standorten für das Einkaufszentrum in der Innenstadt gesucht werden.
Fortschritte zum Postcarré
Der Hamburger ECE Projektentwickler, die das Barthel-Gelände erworben hat, könnte laut Kaminsky theoretisch im Rahmen des bestehenden Baurechts eigene Pläne verwirklichen. Ginge sie aber nur einen Quadratmeter über die eigene Grundstücksgrenze hinaus, berührte sie das Wettbewerbsgebiet und müsste sich ohnehin an dem Auswahlverfahren beteiligen. Ein Alleingang erscheine schon aus diesem Grund, aber auch aus wirtschaftlichen Interessen unwahrscheinlich.
Der Sieger im wettbewerblichen Dialog wird sich mit der Frage des Einkaufszentrums vornehmlich auseinandersetzen müssen, denn der schon so lange vernachlässigte Freiheitsplatz soll den Anfang des Entwicklungsprozesses bilden, wobei es auch um die Frage der Zukunft des Busbahnhofes gehen soll. Dass der Platz weiterhin von Bussen angesteuert wird, steht dabei aber außer Frage.
Über mangelndes Interesse potentieller Wettbewerbsteilnehmer machen sich die städtischen Planer keine Sorgen. Es zeichne sich ein hohes Interesse ab, sagt Kaminsky. Optimistisch ist er auch über den politischen Rückhalt. Sicher sei die Zustimmung des Rathausbündnisses von SPD, FDP, Grünen und den Bürgern für Hanau. Die oppositionelle CDU habe ebenfalls ihre Zustimmung signalisiert. Ein breiter Konsens werde die Chancen des Vorhabens noch verbessern, glaubt der Oberbürgermeister. Am 16. Juni soll die Stadtverordnetenversammlung den Beschluss für das europaweite Vergabeverfahren treffen. Mit dem ersten Spatenstich für das Leitprojekt Freiheitsplatz rechnet Bieberle für Ende des Jahres 2010.
Beim Projekt Postcarré am westlichen Rand der City ist man schon weiter. Einstimmig beschlossen die Stadtverordneten im April die Einleitung des Bebauungsplanverfahrens für das etwa drei Hektar große Entwicklungsareal rund um die Hauptpost und die maroden Gebäude des ehemaligen Schlachthofs. Diese bilden nach einhelliger Meinung der Hanauer einen städtebaulichen Schandfleck und sollen im Sommer abgerissen werden. Die Stadtplaner versprechen sich von dem Vorhaben der Hanseatischen Betreuungs- und Beteiligungsgesellschaft (HBB) eine deutliche Aufwertung des Viertels als westliches Eingangstor in die City. Nach einer Überarbeitung der Investorenpläne fand das Vorhaben politischen Konsens. Neben Wohnungen sowie Flächen für Dienstleister und Gastronomie sieht es vor allem Lebensmitteleinzelhandel vor mit einem Vollversorger und einem Discounter.
70 Wohnhäuser vorgesehen
Das künftige Sortiment des Postcarrés wird nach den Beobachtungen des Oberbürgermeisters von den Interessenten am wettbewerblichen Dialog mit weitaus größerer Aufmerksamkeit verfolgt als das des künftigen Kinzigbogens. Dieses weitaus umfangreichere Vorhaben der Aurelis Real Estate GmbH im nördlichen Teil der Hanauer Kernstadt lehnt die CDU vehement ab, der innerstädtische Einzelhandel begegnet ihm ebenfalls mit großer Skepsis. Im Hanauer Norden, wo in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten ein aufstrebendes Gewerbegebiet entstanden ist und wo sich der Möbelriese Ikea angesiedelt hat, wird auf dem Gelände des ehemaligen Gleisbauhofs ein rund 100 Millionen Euro schweres Investitionsprojekt verwirklicht.
Nach einer langen und politisch turbulenten Planungsgeschichte befürworteten die Stadtverordneten im Dezember mit den Stimmen des Viererbündnisses die Aufstellung des Bebauungsplans. Vorgesehen sind 70 Wohnhäuser, Freizeitnutzungen und Gastronomie auf 10.000 Quadratmetern, ein Baumarkt mit einer Verkaufsfläche von gut 10.000 Quadratmetern sowie der Verkauf von Möbeln, Heimtextilien, Büroartikeln und Sportartikeln in jeweils eigenen Geschäften.
Die nach Verhandlungen mehrfach reduzierte Gesamtverkaufsfläche darf 27.000 Quadratmeter nicht überschreiten. Eine gewerbliche Nutzung ist auf 5000 Quadratmetern vorgesehen. Was für die einen ein gefährliches Nebenzentrum darstellt, bietet für Kaminsky und das Rathausbündnis eine große Chance, Kaufkraft aus dem Umland nach Hanau zurückzubringen und der Funktion als Oberzentrum gerecht zu werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cornelia Sick, F.A.Z.
