17. Mai 2006 Der heiße Stuhl - so hieß einst der Platz für den Angeklagten im Fernseh-Strafgericht von RTL. In der Aula der Frankfurter Universität gibt es siebzehn heiße Stühle. Einen für jedes Mitglied des Senats, des zentralen Gremiums der Hochschule. Es tagt sonst im Sitzungssaal des Juridicums, aber der hätte nur einen Bruchteil der Studenten gefaßt, die an diesem Nachmittag zum Zuhören gekommen sind. Wobei das Zuhören vielen schwerfällt.
Der Senat soll über eine von Studenten eingebrachte Resolution abstimmen, der zufolge die Goethe-Universität die vom Land geplanten Studiengebühren ablehnt - und 99 Prozent des Publikums haben zum Thema Gebühren eine sehr klare Meinung. Die haben sie schon vor Beginn der Sitzung lautstark bei einer Kundgebung artikuliert. Ebenso lautstark ist der Empfang für die Senatoren - Professoren, Uni-Mitarbeiter und Studenten, die sich nach und nach den Weg zu dem Stuhl-Oval in der Mitte der Aula bahnen.
Es hagelt Papierknäuel
Mögen auch AStA-Vertreter dazu mahnen, alle, die sich zu Wort melden, ausreden zu lassen, mag Universitätspräsident Rudolf Steinberg daran erinnern, daß es akademische Sitte sei, auch die Argumente der anderen Seite zu hören: Wer von den Senatoren es wagt, auch nur anzudeuten, daß er sich Studiengebühren unter gewissen Umständen vorstellen könnte, wird günstigenfalls ausgepfiffen, ungünstigenfalls mit Schimpftiraden belegt. Steinberg erkühnt sich zu sagen, daß von sozialverträglichen Gebühren letztlich auch die Studenten profitierten, da sich dann die Studienbedingungen verbesserten.
Forder' das Geld doch vom Land ein, schallt es ihm entgegen. Da wird Steinberg wütend: Was denken Sie, was der Präsident der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in den letzten Jahren getan hat? Ein Pfeiforkan bricht los, die Senatoren sitzen steif auf ihren Stühlen, die von Minute zu Minute heißer werden.
Schließlich glauben einige Professoren einen Ausweg gefunden zu haben: Sie fordern, die Abstimmung über den Antrag zu vertagen und eine Kommission einzusetzen, die die Haltung der Universität zur Gebührenfrage formulieren soll. Beide Vorschläge werden angenommen - im Senat haben die Professoren die Mehrheit. Das Publikumsecho läßt um den Stuck an der Auladecke fürchten. Steinberg steht auf und verläßt zügigen Schritts den Saal, dabei geht ein Hagel von Papierknäueln auf ihn nieder.
Wut über Nichtentscheidung
Die Wut der Studenten über die Nichtentscheidung ist groß. Auf die Straße! lautet die eine Parole, Ins Juridicum! die andere. Das Gros marschiert los, um sich dem Protestzug anzuschließen, der über die Miquelallee zur Fachhochschule strebt. Dort hat der Senat Studiengebühren abgelehnt. 6000 Studenten sind laut AStA an diesem Mittag in Frankfurt auf der Straße, die Polizei spricht von 2500. Hunderte blockieren für etwa eine Stunde die A66 in Richtung Wiesbaden. Später werden vor dem Hauptbahnhof Straßenbahngleise mit Baumaterial belegt. Größere Ausschreitungen gibt es laut Polizei aber nicht.
Unterdessen belagert ein Häuflein Aufgebrachter die Präsidialabteilung im zehnten Stock des Juridicums. Sie haben eine Türscheibe eingeschlagen, um sich Zugang zu verschaffen. Auf dem Flur werden hitzige Diskussionen geführt. Irgendwann sagt Präsident Steinberg zu, die Senatoren würden sich am nächsten Mittwoch noch einmal mit dem Thema Studiengebühren befassen. Unwahrscheinlich, daß sie dies dann auf kühleren Stühlen tun.
Text: F.A.Z., 18.05.2006
Bildmaterial: dpa/dpaweb, Wolfgang Eilmes