Landwirtschaft

Sorge um die Ernte

18. August 2006 Dem Spargel und dem zum Teil schon frisch ausgesäten Raps gefällt die feuchte Witterung. Sie stärkt die Pflanzen für das Wachstum in der nächsten Saison. Dennoch sehnen die meisten Landwirte Hessens zur Zeit nichts so sehr herbei wie ein paar Tage Trockenheit mit reichlich Sonne.

Die Ernte dieses Sommers muß eingefahren werden, sonst drohen kräftige Ertragseinbußen, für manche Bauern sogar zusätzliche nach den erheblichen Qualitätsverlusten wegen der Trockenheit im Juni und im Juli. „Es gibt Regionen, wo die Felder schon geräumt sind, aber auf 40 Prozent der Flächen steht die Frucht noch“, erläuterte gestern der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Heinz-Christian Bär, in einer Pressekonferenz auf dem Elisabethenhof in Steinau-Ulmbach. Fast überall im Lande sei das Getreide gereift und müsse schnellstens in die Scheuer, sonst verliere es an Qualität, keime auf dem Halm aus, tauge bestenfalls noch als Viehfutter und verschlinge hohe Trocknungskosten.

„Die Ernte war eine Heimstehlaktion“

Der Bauernverbandspräsident hat in den vergangenen Tagen das Land bereist und sich einen Überblick über die Situation verschafft, der für ihn zu dem Schluß führt: „Die Ernte 2006 ist zu einer Heimstehlaktion geworden.“ Statt in einem Rutsch vollziehe sie sich in Etappen mit oft tagelangen Unterbrechungen. Überall habe er Kollegen angetroffen, sagte Bär, die bei Wetterbesserung hinausgefahren seien, um Weizen, Gerste, Raps oder Kartoffeln einzuholen, aber mehrfach abbrechen und auf die nächsten Tage ihre Hoffnung hätten setzen müssen, um wieder etwas vom Feld „heimstehlen“ zu können, weil der Himmel seine Schleusen geöffnet habe. Am besten dran waren Bär zufolge jene Gegenden, die klimatisch begünstigt sind wie zum Beispiel die Wetterau, das Ried der westliche Main-Kinzig-Kreis.

Dort sei die Ernte größtenteils gelaufen mit relativ guten Erträgen - allerdings nicht für jeden Bauern selbst in den fruchtbareren Regionen. Wer das Pech gehabt hat, in der langen Hitzeperiode von Regengüssen verschont zu bleiben, der hat nach den Schilderungen Bärs und des Vizepräsidenten Friedhelm Schneider nur kleine Körner in den Ähren oder kleine Kartoffeln in der Erde vorgefunden, die Ertragsminderungen bis zu 40 Prozent bedeuteten. „Hitze über 30 Grad ohne Wasser erdulden zu müssen stresst die Pflanzen genauso wie uns Menschen“, äußerte Schneider. Die Folge sei eine schlechte Kornfülle.

Neu für den Bauernverbandspräsidenten und seinen Stellvertreter war, wie unterschiedlich stark die Niederschläge oft von Ort zu Ort, ja sogar innerhalb der Gemarkungen in diesem Sommer fielen. Er kenne Orte, da seien 40 bis 50 Liter auf einmal heruntergekommen, und das Getreidewachstum sei in Menge und Qualität normal verlaufen, während der Bauer nebenan vergeblich den Regen auf seinen Feldern erhofft habe und Mindererträge von 30 oder 40 Prozent habe in Kauf nehmen müssen.

Mähdrescher fahren bis nach Mitternacht

Gebirgige Regionen wie der Vogelsberg, der Spessart, der Taunus und der Odenwald, aber auch Nordhessen sind in diesen Tagen die Sorgenkinder des Bauernverbandspräsidenten. Hier sei die Gefahr, daß das Getreide nur noch Futterwert habe, besonders groß. Zumindest die Getreideernte sollte eigentlich spätestens am Sonntag eingefahren sein, nicht allein wegen der drohenden Verluste, sondern auch, weil es höchste Zeit sei, den Winterraps auszusäen, sonst würden die Wurzeln nicht stark genug, um die kalte Jahreszeit gut zu überstehen. Bär bat die Bevölkerung um Verständnis für Landwirte, die in den nächsten Tagen bis in die tiefe Nacht hinein mit Mähdreschern oder Trocknungsanlagen die Nachtruhe des ein oder anderen störten. Leider komme es immer wieder vor, daß sogar die Polizei gerufen werde, um die Ernte zu stoppen.

Ein Trost bleibt für die Bauern, die in diesem Jahr mit Mindererträgen leben müssen: Bär und Schneider erwarten bessere Preise. Die würden allerdings ganz oder zum Teil von höheren Energiekosten wieder aufgefressen.



Text: dll., F.A.Z., 19.08.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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