Gesundheit

Hessische Kliniken befürchten Medizinermangel

28. September 2004 Für ungefähr 1.350 Jungmediziner in Hessen endet ihre Tätigkeit als Arzt im Praktikum (AiP) am 1. Oktober ziemlich abrupt. Dabei spielt keine Rolle, ob die Medizinstudenten bis dahin das 18 Monate dauernde Praktikum vollständig abgeleistet haben oder nicht. Denn an diesem Stichtag wird die AiP-Phase abgeschafft. Mit dieser Änderung der Bundesärzteverordnung soll künftig ein Nebeneinander von erfahrenen Ärzten im Praktikum und besser bezahlten Assistenzärzten vermieden werden.

Katja Möhrle, Pressesprecherin der Landesärztekammer Hessen, sieht in der Abschaffung der AiP-Phase einen notwendigen Schritt zur Aufwertung des Arztberufes. "In den letzten Jahren wurden qualifizierte junge Ärzte als Praktikanten häufig als billige Arbeitskräfte ausgenutzt." Doch das Honorar für Assistenzärzte sei deutlich höher. Wie hoch der Lohn in Zukunft sei, könne sie allerdings nicht pauschal sagen, sagt Möhrle. Denn der Verdienst ergebe sich aus der Zuordnung zu einer von zehn verschiedenen Verdienststufen und dem Alter des Assistenzarztes. "Das Gehalt ist aber in etwa dem eines jungen Lehrers gleichzusetzen", ergänzt sie.

Assistenzarzt ohne AiP-Phase

1986 war die AiP-Phase von der Bundesregierung eingeführt worden, um die Medizinerflut an den Universitäten einzudämmen und eine Überschwemmung des Arbeitsmarktes zu vermeiden. Gleichzeitig erhöhte sich damit aber auch die Regelstudienzeit der Medizinstudenten auf 15 Semester: Zehn Semester theoretische Ausbildung plus zwei Semester im praktischen Jahr plus 18 Monate - also drei Semester - AiP-Phase. Erst dann konnten die Mediziner die Approbation, also die Erlaubnis zur Ausübung des Arztberufes, beantragen und sich anschließend mindestens weitere fünf Jahre lang zum Facharzt qualifizieren.

Durch die neue Regelung könnten Absolventen des Medizinstudiums vom Stichtag an sofort als Assistenzärzte arbeiten. Die Regelung gilt auch für die Mediziner, bei denen der Stichtag in die laufende AiP-Zeit fällt. Sie haben damit vom 1. Oktober an Anspruch auf die Approbation.

Auch Mi-Hwa Oha, Ärztin im Praktikum an den Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) in Wiesbaden, steigt am 1. Oktober zur Assistenzärztin auf. Die 29 Jahre alte Frau findet es schade, daß die Regelung erst so spät kommt. Mittlerweile hat sie schon ein Jahr als Ärztin im Praktikum gearbeitet und fühlte sich in dieser Zeit nach eigenen Worten finanziell ausgebeutet. 1200 Euro brutto verdiente sie als Ärztin im Praktikum im ersten Jahr. "Von Oktober an verdiene ich das Doppelte" berichtet Mi-Hwa Oha. Dann wird ihr AiP-Vertrag in eine Assistentenstelle umgewandelt. Ob sie dann von der Wiesbadener Klinik übernommen wird, weiß sie nicht. Damit gleicht Mi-Hwa Ohas Situation der ihrer meisten jungen Kollegen und Kolleginnen.

Rund 70 Prozent mit Angebot zur Übernahme

Nach einer Umfrage der Landesärztekammer Hessen hatten Anfang August rund 70 Prozent der insgesamt 214 befragten Ärzte und Ärztinnen im Praktikum ein - meist mündliches - Angebot ihres Arbeitgebers zur Weiterbeschäftigung als Assistenzarzt erhalten. Allerdings waren, wie bei Mi-Hwa Oha, die meisten Angebote befristet.

Ursula Stüwe, Präsidentin der Landesärztekammer Hessen, sieht durch die Abschaffung der AiP-Plätze erhebliche Probleme auf die Mediziner zukommen. "Ich begrüße ein höheres Gehalt für die jungen Mediziner, aber ich fürchte die Konsequenzen der finanziellen Mehrbelastung der Krankenhäuser." Denn aufgrund der Änderung kämen auf die Kliniken pro neu entstehender Assistenzarztstelle zusätzliche Kosten in Höhe von 26 000 Euro im Jahr zu. "Das können sich nicht viele Krankenhäuser in Hessen leisten" sagt sie. Schließlich hätten 70 Prozent der Krankenhäuser schon jetzt finanzielle Schwierigkeiten. Und bedenke man, daß eine Assistenzarztstelle bisher mit zweieinhalb Ärzten im Praktikum besetzt gewesen sei, "ist der Ärztemangel vorprogrammiert".

Text: kkoe.

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