Burg Rheinfels

Machtvolle Festung über dem Strom

Von Nicolas Wolz

Die Burg Rheinfels liegt nicht nur an einer strategisch wichtigen Stelle, sie...

Die Burg Rheinfels liegt nicht nur an einer strategisch wichtigen Stelle, sie verfügte auch über gewaltige Verteidigungsanlagen und unterirdische Minengänge

12. Oktober 2008 Heinrich von Kleist kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: „Das ist eine Gegend wie ein Dichtertraum“, schrieb er 1801, nachdem er mit dem Schiff von Mainz nach Koblenz gefahren war, „und die üppigste Phantasie kann nichts Schöneres erdenken als dieses Tal, das sich bald öffnet, bald schließt, bald blüht, bald öde ist, bald lacht, bald schreckt.“

Dabei dürfte den Romantiker Kleist die wilde Schönheit des mittleren Rheintals mit seinen steilen Felshängen, engen Schluchten und üppigen Weinbergen ebenso in ihren Bann gezogen haben wie die mächtigen mittelalterlichen Festungen.

Die größte und mächtigste der Rheinfestungen war Burg Rheinfels, die Graf Diether V. von Katzenelnbogen 1245 auf einem Felssporn oberhalb des Städtchens St. Goar auf dem linken Rheinufer errichten ließ. Mit ihrer Hilfe war es ihm möglich, Zoll von den rheinaufwärts fahrenden Schiffern zu kassieren. Die Schiffe wurden mit Seilen oder Ketten angehalten, die Waren kontrolliert, erfasst und tarifiert, dann waren die entsprechenden Abgaben zu zahlen. Ein äußerst einträgliches Geschäft, das den Katzenelnbogenern viele tausend Goldgulden im Jahr einbrachte und sie bis zum Aussterben 1479 zu einem der reichsten Adelshäuser in Deutschland werden ließ.

Eine Festung mit dem Ruf, uneinnehmbar zu sein

Nur zehn Jahre nach der Errichtung von Burg Rheinfels erhöhte Graf Diether den Zoll, obwohl er erst kurz zuvor dem Rheinischen Städtebund beigetreten war. Diesem Bündnis, das nur drei Jahre, von 1254 bis 1257, existierte, gehörten 59 Städte an, unter anderem Mainz, Worms, Oppenheim, Bingen, Frankfurt und Köln, aber auch Zürich, Aachen, Bremen, Lübeck und Nürnberg. Ziel ihres Zusammenschlusses war es zum einen, Konflikte zu vermeiden und durch eine eigene Kriegsflotte den Handelsverkehr auf dem Rhein zu schützen. Daneben wollten die Mitglieder des Bundes aber auch die etwa 30 verschiedenen Rheinzölle abschaffen, über die sich die Händler allenthalben bitter beklagten.

Diese Forderung passte allerdings gar nicht zu den Plänen des Grafen Diether, der die Baukosten für seine Burg wieder hereinholen wollte. So kam es zum Bruch mit dem Rheinischen Städtebund, der Truppen nach St. Goar schickte, um den widerborstigen Grafen in seine Schranken zu weisen und Burg Rheinfels zu besetzen. Doch die hielt stand. Angeblich belagerten 8000 Fußknechte, 1000 Reiter und 50 Schiffe fast 16 Monate lang die Burg, ehe sie sich geschlagen geben mussten und unverrichteter Dinge wieder abzogen. Auch wenn diese Zahlen wahrscheinlich stark übertrieben sind, erwarb Burg Rheinfels sich durch diese Episode schon früh den Ruf, uneinnehmbar zu sein.

In der Tat: Wenn man inmitten der mächtigen Mauern steht oder von den meterdicken Wällen der Wehrgänge in die Tiefe blickt, ist es noch heute schwer vorstellbar, wie diese Festung mit den damaligen Mitteln der Kriegführung hätte erobert werden sollen. Zumal die Nachkommen des geschäftstüchtigen Grafen Diether erst recht über das Geld verfügten, um die Burg weiter auszubauen und noch sicherer zu machen. So entstand im 14. Jahrhundert beispielsweise ein mehr als 50 Meter hoher Bergfried, von dem aus man weit in den Taunus und den Hunsrück blicken konnte – das war Rekord in Deutschland.

Von der Spitze des Torturms aus sieht man auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins Burg Katz, die die Grafen von Katzenelnbogen um 1370 errichten ließen. Dadurch wurde es möglich, auch von den rheinabwärts fahrenden Schiffen Zoll zu verlangen – den St. Goarer Doppelzoll nannten das die wenig erfreuten Zeitgenossen. Etwas weiter flussabwärts erkennt man außerdem Burg Maus, eine Gründung des Erzbischofs von Trier, eines Rivalen der Katzenelnbogener. Burg Katz gehört heute einem japanischen Millionär, auf Burg Maus ist ein Adler- und Falkenhof untergebracht.

Größter freitragender Gewölbekeller in Europa

Die umfangreichsten Neu- und Umbauten auf Burg Rheinfels ließen die hessischen Landgrafen vornehmen, die 1479 die Besitztümer der Grafen von Katzenelnbogen geerbt hatten. Unter ihnen wurde die Burg zu einem repräsentativen Residenzschloss umgestaltet. Im Zuge dessen entstand gegen Ende des 16. Jahrhunderts auch der große Weinkeller, der mit einer Länge von 24, einer Spannweite und Höhe von je 16 Metern als der größte freitragende Gewölbekeller in Europa gilt. Die Mauern sind an einigen Stellen knapp vier Meter dick. In dem Keller befand sich früher ein gemauertes Weinfass mit einem Fassungsvermögen von etwa 200.000 Litern. Vor zehn Jahren wurde der Keller umfassend renoviert und in seinen ursprünglichen Zustand versetzt. Seither dient er als Veranstaltungsort für Konzerte, Theateraufführungen und Feste.

Die hessischen Grafen waren es aber auch, die seit der Wende zum 16. Jahrhundert die starken vorgelagerten Festungswerke rund um die Burg Rheinfels errichteten. Damit zeigten sie zunächst, dass sie die Zeichen der Zeit erkannt hatten: Die Erfindung des Schießpulvers und der Einsatz von Kanonen machten die mittelalterlichen Burgen verwundbar.Nicht ahnen konnten die Hessen zu jener Zeit freilich, dass sie selbst einmal nicht nur Angegriffene, sondern auch Angreifer sein würden. Denn nach dem Tod des berühmten Landgrafen Philipp des Großmütigen 1567 und der Teilung der Grafschaft Hessen entbrannte zwischen den beiden hessischen Häusern Kassel und Darmstadt ein heftiger Streit um die Burg. Besonders während des Dreißigjährigen Krieges, als die Kasseler auf der Seite der protestantischen Union, die Darmstädter auf der Seite des katholischen Kaisers kämpften, lieferten die beiden Häuser sich blutige Kämpfe um die Rheinfels.

Nach dem Ende des Krieges 1648 schlossen die verfeindeten Verwandten dann einen Vergleich, durch den die Burg Rheinfels und die Stadt St. Goar zwischen ihnen geteilt wurden. Ein Jahr darauf machte Landgraf Ernst von Hessen-Rheinfels-Rotenburg, Sohn des Landgrafen Moritz von Hessen-Kassel, Rheinfels zu seiner Residenz und ließ die Festungsanlagen noch einmal verstärken. Die erhaltenen Wehrgänge sind heute noch begehbar. Das gilt auch für die unterirdischen Minengänge, die bis weit vor die Burg getrieben worden waren, unter anderem um Sprengladungen unter den Truppen der Angreifer zünden zu können.

4000 Verteidiger gegen 28.000 Franzosen

Die Verstärkung der Bollwerke auf der Bergseite der Burg unter Landgraf Ernst verhinderte 1692, dass die Franzosen, die unter dem Sonnenkönig Ludwig XIV. versuchten, die westlichen Teile des deutschen Reiches zu erobern, Rheinfels einnehmen und das Mittelrheintal besetzen konnten. Mit nur 4000 Mann verteidigte Graf Görtz, General des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel, die Burg als letzten deutschen Stützpunkt gegen ein Heer von 28.000 französischen Soldaten. Obwohl Ludwigs Truppen mit sechzig Kanonen tagelang in die Burg hineinfeuerten, mussten sie schließlich ohne Erfolg abziehen. Hundert Jahre später jedoch nahten die Franzosen abermals, diesmal im Namen der Revolution und so zahlreich, dass sie die Festung kampflos eroberten.

Wie fast alle Burgen am Rhein zerstörten sie auch die Rheinfels: 1796 wurden die vorgelagerten Festungswerke gesprengt, 1797 das Schloss und der Bergfried. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts standen am Rhein fast nur noch Ruinen. Viele wurden dann aber im Zuge der in dieser Zeit einsetzenden „Rheinromantik“ ganz oder teilweise wiederaufgebaut. Die Reste der Rheinfels wurden 1812 von den Franzosen an einen St. Goarer Händler verkauft. Nachdem die Ruine eine Zeitlang Steinbruch zum Bau der Festung Ehrenbreitstein bei Koblenz war, kaufte sie 1843 Prinz Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm I., und bewahrte sie vor weiteren Zerstörungen. Seit 1925 ist sie im Besitz der Stadt St. Goar. Zoll muss dort heute nur noch bezahlen, wer eine Nacht im exquisiten Schlosshotel verbringen will.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Claus Setzer

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