11. April 2008 Sogar die Vitrinen bringen traditionelle Vorstellungen ins Wanken. Auf langen, dünnen Eisenstäben thronen gläserne Kästen mit ungewöhnlichen Inhalten. Wer kostbare Edelsteine in Gold gefasst mag, wird enttäuscht oder sogar entrüstet sein. Die Studierenden der Hochschule Idar-Oberstein beschreiten mit ihren Werken neue Wege in der Schmuckgestaltung.
Dabei provozieren sie mit Fassungen ohne Steine, einem Ring aus Zement und Zirkonia oder Halsschmuck aus Quiltgarn und Gras. Die Ausstellung mit dem Titel Nsaio 3 – neuer Schmuck aus Idar-Oberstein“ präsentiert 100 Arbeiten aus den vergangenen beiden Jahren. 30 Künstlerinnen vom Erstsemester bis zur Diplomandin des Studiengangs Edelstein- und Schmuckdesign“ stellen im Goldschmiedehaus ihre Arbeiten vor.
Neue Visionen
Diese Ausstellung zeigt Werke von Studierenden und somit – dem Wort studieren nach – von ,Suchenden‘“, erklärt Theo Smeets, Leiter der Fachrichtung. Diese studentische Suche werde bewusst in Vitrinen präsentiert, die wie eine Herde junger Fohlen noch nicht hundertprozentig sicher auf ihren Beinen stehen. Die Künstlerinnen wollen das Bestehende nicht reproduzieren, sondern neue Visionen und Ideen entwickeln. Broschen, Ketten, Armreifen und Ringe bestechen durch gewagte Materialkombinationen.
Sun-Kyoung Kim hat als Diplomarbeit eine Kette aus Latex gefertigt, in das Edelsteine eingebunden sind. Indem sie Dinge verbindet, die normalerweise nicht verknüpft werden, erteilt sie der herkömmlichen Edelsteinverarbeitung, bei der es darum geht, Edelsteine wertvoll zu machen, eine Absage. Auch Deborah Rudolph verzichtet auf edle Metalle und benutzt anstelle von Edelsteinen einfache Flusssteine, Backsteine oder Stahl, die sie mit Seide oder Baumwolle zu einem Halsschmuck verbindet. Die Hochschule versteht sich nicht als eine in der handwerklich-akademischen Tradition stehende Schule, sondern als ein auf der Höhe der Zeit operierendes Laboratorium, in dem Studierende und Lehrende gemeinsam forschend und experimentierend am Projekt Schmuck arbeiten.
Die Berliner Künstlerin Svenja John steht nicht mehr auf wackeligen Beinen, sondern ist schon international anerkannt. Die Lust am Experimentieren hat sie in den zwei Jahrzehnten ihres Schaffens nicht verloren. Svenja John-XBones“ nennt sich ihre Ausstellung, die ebenfalls im Goldschmiedehaus zu sehen ist. Die gelernte Goldschmiedin entdeckte während ihrer Ausbildung bei Franz-Joseph Bette an der Staatlichen Zeichenakademie Hanau ihre Vorliebe für Schmuck aus Kunststoff. Sie gestaltet seitdem Schmuck aus dem transparenten Kunststoff Makrolon. Dieser Stoff wird normalerweise für CDs, Autoscheinwerfer, Motorradhelmvisiere oder elektrische Schalter verwendet.
Modische Accessoires
John macht daraus zartgliedrige Kunstwerke, die in kein Schmuckkästchen passen. Viele Sammler hängen ihren Schmuck an die Wand oder legen die Armreifen ins Regal. Ihre Handtaschen aus miteinander verschachtelten Elementen sind modische Accessoires für Frauen, die es genießen, Aufsehen zu erregen. Aus bis zu 300 Steckelementen entstehen Schmuckstücke, die an Schneekristalle oder Blütendolden erinnern.
Die hauchdünnen Kunststofffolien werden geschliffen und von Hand bemalt. Broschen, Arm- und Halsschmuck glitzern in zarten Pastelltönen, tiefem Blau und leuchtendem Rot. John hat mehrere Wettbewerbe und Auszeichnungen gewonnen, darunter den Bayerischen Staatspreis und den Landespreis Berlin. Ihre Werke finden sich in Sammlungen in Berlin, New York, Washington und Tokio. Darüberhinaus hat sie die Haute-Couture-Kollektionen des Modedesigners Christian Lacroix in Paris bestückt.
Die Ausstellung ist bis zum 4. Juni täglich, außer montags, von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der neue Schmuck aus Idar-Oberstein wird bis zum 15. Juni im Goldschmiedehaus gezeigt.
Text: hob., F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt
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