12. März 2008 LEIPZIG, 12. März
Den Knabe Verlag in Weimar kannte in der DDR jedes Kind. In Knabes Jugendbücherei erschienen die bekanntesten Kinderbücher Ostdeutschlands, darunter "Knurks hat doch ein Herz", die wunderbare Geschichte eines Nussknackers, der seinen Zahn verloren hat. Um diese Berufskrankheit zu heilen, reisen zwei Kinder durch den Thüringer Wald auf der Suche nach einem Handwerksbetrieb, der sich auf derlei bissfeste Arbeitsgeräte versteht. 270 Bände erschienen in der Reihe, bis der Verlag Mitte der achtziger Jahre schließen musste. Steffen Knabe, einem Urenkel des einstigen Gründers, fehlen nur vier oder fünf Ausgaben. Der Rest prunkt in einem alten Regal in seinem Arbeitszimmer, das Knabe im ehemaligen Haus seiner Familie eingerichtet hat. "Die Tradition steht sozusagen hinter mir, das inspiriert enorm", sagt der 30 Jahre alte Jungunternehmer, der den Familienverlag nach 20 Jahren wiedergegründet hat.
Nach einem Jahr im Geschäft nimmt Knabe erstmals an der Leipziger Buchmesse teil. Von Donnerstag bis Sonntag präsentieren sich auf der selbsternannten "wichtigsten Autorenmesse im deutschsprachigen Raum" rund 2300 Aussteller aus 36 Ländern. Begleitet wird die Leistungsschau wie immer von dem Literaturfestival "Leipzig liest", der größten Reihe öffentlicher Lesungen in Europa. In den unterschiedlichsten Orten der Stadt, vom Dominikanerkloster bis zu Jacques Weindepot, treten 1500 Autoren in 1900 Veranstaltungen auf. "Leipzig hört", die jüngere Hörbuchvariante, bringt es auf immerhin 100 Präsentationen.
Wie das Haus Knabe tummeln sich auf der Messe immer mehr Verlage aus Ostdeutschland, weil sie Ortskenntnis und die Nähe zur heimischen Leserschaft zu schätzen wissen. "Gerade für kleinere Verlage mit regionalem Programm ist die Messe mit ihrem großen Publikumsverkehr unverzichtbar", sagt Regine Lemke, die Geschäftsführerin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. "Für die ist die Frankfurter Buchmesse oft zu groß, zu fremd und zu teuer." Den Daten des Börsenvereins zufolge hat sich die Zahl der Verlage in den genannten Ländern in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, von 161 Häusern 1997 auf derzeit 316. Allein im vergangenen Jahr kamen 16 Unternehmen hinzu. Darunter sind viele Selbst- oder Hobbyverlage, aber Lemke schätzt, dass rund zwei Drittel das Geschäft professionell betreiben. "Immer mehr finden ihre Nische und können davon mehr schlecht als recht leben."
Knabes Nische ist die Tradition. Steffen Knabes Urgroßvater Karl-Friedrich gründete 1932 die Weimarer Druck- und Verlagsgesellschaft Gebrüder Knabe. Seine Söhne Wolfgang und Gerhard - Steffens Großvater - führten den Verlag nach dem Krieg weiter, erhielten 1953 aber die Auflage, nur Kinder- und Jugendbücher herzustellen. Das ging bis 1984 gut, als der Betrieb verstaatlicht und in ein anderes Haus integriert wurde. Damit verschwand der Knabe Verlag und mit ihm die schönen Kinderreihe. Bis jetzt. Denn Knabe will die Erfolgsserie "Knabes Jugendbücherei" wiederbeleben. Um die Werke nachzudrucken, bemüht er sich um die alten Rechte, hat gleichzeitig aber auch neue Autoren im Blick. Als erster Band erscheint die 1982 erschienene Geschichte "Aras und die Kaktusbande" des Weimarer Autors Wolfgang Held in Neuauflage.
Als Käufer setzt Knabe auf Eltern, die die Reihe aus ihrer eigenen Kindheit kennen - übrigens auch in den alten Bundesländern. "Es sind besonders viele junge Frauen in den Westen gegangen", weiß er, "die könnten unsere Bücher ihren Kindern zeigen." Zunächst aber beackert der gelernte Medientechniker das heimische Feld. Mit dem kleinstmöglichen, zwei mal zwei Meter großen Messestand in Leipzig, der ihn mit allen Gebühren immerhin 1000 Euro kostet. "Das ist für uns kleine Verleger viel Geld", rechnet er, "es entspricht etwa den Druckkosten für eine Fünfhunderterauflage". Bisher sei der Verlag ein reines Zuschussgeschäft, sagt Knabe, alle seine sieben Mitarbeiter und er selbst seien "sozusagen ehrenamtlich tätig". Auf die Frankfurter Buchmesse zieht es ihn frühestens im nächsten Jahr. "Da fühle ich mich jetzt noch verloren."
Das sieht auch Peter Gerlach so, der Chef des vor zwei Jahren gegründeten Hasenverlags in Halle an der Saale. Der Diplomkaufmann kommt zwar aus der Mainstadt, hält die Frankfurter Buchmesse aber für "zu eng und zu voll von schlechter Luft". Auch Gerlach braucht die Nähe zum Publikum in seiner neuen Heimat, denn er hat sich auf kulturhistorische Themen aus Mitteldeutschland spezialisiert. Darunter finden sich eine Geschichte des Zuckers in der Salzstadt Halle ebenso wie die Lebensbeschreibung des Weltraumphantasten Karl Hans Janke, eines Kollegen Wernher von Brauns, der in der Psychiatrie endete. Das vermutlich originellste Werk des Hasenverlags ist eine Schilderung der Punk-Bewegung in der DDR, die 1983 in der Christuskirche in Halle ihr erstes Festival feierte. Mit dabei war Gerlachs heutiger Geschäftspartner, der Künstler und ehemalige Punkmusiker Moritz Götze. Der 46 Jahre alte Gerlach hat seine Buchleidenschaft zum Beruf gemacht, konnte das aber nur, weil er in der Wirtschaft gut verdiente. "Ohne ausreichend Kapital geht einem schnell die Luft aus", hat er erfahren. "Deshalb verschwinden so viele Verlage." Einen Großteil seiner Ersparnisse aus 20 Jahren in der Druckmaschinenindustrie und der Biotechnik hat Gerlach in den Verlag gesteckt - und bisher keinen Cent bereut, wie er sagt.
Wenig Kapital, aber viel Erfahrung und einige Fortune brachte Petra Kahl mit, als sie vor zwei Jahren den Kahl Verlag in Dresden gründete. Die heute 31 Jahre alte Verlagskauffrau und Germanistin hatte lange in der Verlagsgruppe Dornier gearbeitet, bis sie ihrem Mann nach Sachsen folgte. Weil sie mit ihm privat und dienstlich viel in Asien unterwegs war, spezialisierte sie sich auf diese Region. Gleich ihr erster Bildband zur Mongolei war ein großer Erfolg, weil er zufällig parallel zu einigen Kinofilmen über das Land erschien - "ein Riesenglück, von dem wir heute noch zehren", wie sie sagt.
Das zweite Standbein des Kahl Verlags bilden Kriminalromane aus Dresden, die sich in der ganzen Region gut verkaufen - sogar in der Konkurrenzstadt Leipzig. "Als sächsischer Verlag haben wir auf der Leipziger Messe einen klaren Heimvorteil", sagt Kahl. "Da sind die Chancen zu punkten einfach viel höher."
Siehe Feuilleton, Seite 33
Text: F.A.Z., 13.03.2008, Nr. 62 / Seite 20