Fastnacht

De Zuch kimmt

Von Marcus Schug

Eine aufs Haupt bekommt der deutsche Michel von der Kanzlerin

Eine aufs Haupt bekommt der deutsche Michel von der Kanzlerin

27. Februar 2006 7.11 Uhr: In der Neustadt gehen die Lichter an. „Steht auf, wenn ihr Mainzer seid“, fordert Elke Schmitt, Leiterin des Verkehrsüberwachungsamts, von den Anwohnern jener Straßen, die als Aufstellungsraum für den 105. Rosenmontagszug gebraucht werden. Ihre Mitarbeiter sind seit 6.30 Uhr mit dem Lautsprecherwagen unterwegs. Es ist die letzte Chance, noch am Zugweg stehende Autos vor dem Abschlepphaken zu retten. Doch 57 Langschläfer überhören auch diesen gutgemeinten Weckruf.

8.11 Uhr: Im Cafe „Nolda“ rollt die „Kreppelwelle“. Am Fastnachtssonntag hat die kleine Stadtteil-Konditorei etwa 2250 Exemplare des närrischen Grundnahrungsmittels unters Volk gebracht: ungefüllt oder mit Marmelade, wahlweise verfeinert mit Schokoladencreme oder einem Schuß Eierlikör. Und heute werden noch einmal gut 750 Stück über die Verkaufstheke gehen, schätzt die Chefin. Wegen des „Feiertags“ will sie ihr Cafe dann aber um die Mittagszeit schließen.

Reformpolitik im Bund als Kartenhaus

Reformpolitik im Bund als Kartenhaus

9.11 Uhr: Marie geht als Marienkäfer, Hannah hat sich für eine Mischung aus Clown und Schlumpf entschieden, und Leon will sich als Cowboy auf den Weg machen. Bei den Sauerweins ist die Verkleidung in vollem Gange. Nach einer Fastnachtsfete am Samstag und dem Bretzenheimer Umzug vom Sonntag rüstet sich die Familie nun für ihren dritten großen Kostümauftritt. Und kaum ist die Schminke getrocknet, eilen Gudrun, Andy und die drei Kinder auch schon zur Straßenbahn.

Fahnenschwenker

10.11 Uhr: Die Stadt ist dicht. Von der Holzhofstraße bis zum Kaiser-Karl-Ring gibt es für Autofahrer kein Durchkommen mehr. Selbst für Busse und Bahnen ist am Hauptbahnhof Schluß. Von dort aus strömen die Menschen in die Innenstadt. Das Stammpublikum steuert - mit Klappstuhl unterm Arm oder Stehleiter über der Schulter - zielstrebig den über die Jahre erkämpften Lieblingsschauplatz an, andere Besucher lassen sich eher treiben.

11.11 Uhr: „De Zuch kimmt.“ Mit den Fahnenschwenkern des Mainzer Carneval-Vereins (MCV) setzen sich auf der Boppstraße die ersten der fast 9500 Mitmarschierer in Bewegung. 7,2 Kilometer lang ist die Strecke. Auf die stattliche Länge von sieben Kilometern kommt auch der Narrenzug selbst, an dem sich 28 Garden, mehr als 100 Musikformationen, Reiter, Schwellkopp-Träger und freie Gruppen beteiligen. Rund 300.000 Euro lassen sich die Straßenfastnachter den Spaß kosten.

12.11 Uhr: Nur die „Nullfünfer“ sind diesmal nicht dabei. Nach der Heimspielpleite vom Wochenende hat Trainer Jürgen Klopp seine Fußballer zu „Besinnungstagen“ ins nahe gelegene Nierstein beordert. Genügend Gesprächsstoff bietet den laut Polizei bis zu 500.000 Rosenmontagszugbesuchern dafür der mitgeführte 05-Motivwagen: Bei der „professionellen Suche“ nach dem optimalen Standort für ein neues Stadion könnte dem Karnevalsverein womöglich ja ein Glücksrad helfen.

Schunkeln

13.11 Uhr: Aus Sicht der Rettungskräfte ist das trocken-kalte Winterwetter nicht ungefährlich. Wer sich lange genug mit Glühwein und Schnäpsen „von innen“ aufgewärmt hat, kommt beim Schunkeln leicht aus dem Takt. Als „auffällig“ bezeichnet die Polizei den hohen Alkoholkonsum bei Jugendlichen, die sich am Rande des Zuges „an den neuralgischen Punkten in der Altstadt“ denn auch „die ein oder andere Schlägerei“ liefern.

Klassiker des Mainzer Karnevals: ein Schwellkopp

Klassiker des Mainzer Karnevals: ein Schwellkopp

14.11 Uhr: Auf der Ehrentribüne vor dem Staatstheater geht es da vergleichsweise gesittet zu: Ministerpräsident Kurt Beck und Oberbürgermeister Jens Beutel stehen in Schunkelreichweite. Und Bundesverteidigungsminister Franz-Josef Jung hat sich ebenfalls kurzentschlossen zu den Mainzer Narren gesellt, um sich ein Bild von deren „gebauten Karikaturen“ zu machen. Jung muß den Spott der Fastnachter nicht fürchten: „seine“ Bundeswehr ist auf keinem der 15 MCV-Motivwagen Thema.

Guggemusiker

15.11 Uhr: Billige Bonbons bleiben am Straßenrand liegen. Das verwöhnte Rosenmontagszugpublikum läßt sich nicht so leicht abspeisen: Brezel dagegen gehen gut, auch Popcorn- und Gummibärchen-Tütchen werden dankbar ergriffen. Und wer einen Handkäs' fängt, hat wirklich Glück gehabt. Taschentücher, Tütensuppen und stabile Tragetaschen gehören ebenfalls in die Kategorie der von den Spalierstehern gern genommenen Präsente.

Ein Narr vom “Karnevalsverein“

Ein Narr vom "Karnevalsverein"

16.11 Uhr: Die das Zugende anzeigende Zugente hat trotz akuter Vogelgrippegefahr und einem vorsorglich im Schnabel mitgeführten Fieberthermometer nun wohl das Schlimmste überstanden. Von der Rheinstraße aus kann sie den Rückweg - vorbei an Schiller- und Münsterplatz - antreten. Während sich die Garden in ihre warmen Feldlager zurückziehen, lassen sich die von weither angereisten Guggemusiker lieber noch ein wenig im Freien feiern.

Text: F.A.Z., 28.02.2006
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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