Interview

„Ich stehe für ein Hessen der sozialen Versöhnung“

24. August 2006 Andrea Ypsilanti, mögliche Ministerpräsidenten-Kandidatin der SPD, über die schwierige Ausgangslage, ihre Strategie im Wahlkampf gegen Roland Koch, und ihren Parteikollegen Gerhard Grandke.

Sie haben die Entscheidung, daß Sie 2008 gegen Roland Koch antreten wollen, erst verkündet, nachdem Ihnen der frühere Oberbürgermeister Gerhard Grandke abgesagt hatte. Heißt das nicht, Sie sind in der eigenen Partei nur zweite Wahl?

Wir haben in den letzten Wochen parteiintern über die Spitzenkandidatur beraten, und ich habe diese Option für mich nie ausgeschlossen. Herr Grandke war auch eine Option. Am Donnerstag hat er mir gesagt, daß er nicht zur Verfügung steht, und da stellt sich natürlich die Frage an mich als Landesvorsitzende.

Aber Herr Grandke wäre aus Ihrer Sicht der bessere Kandidat gewesen, oder weshalb haben Sie seine Entscheidung abgewartet?

Die Frage stellt sich heute nicht mehr. Herr Grandke macht es nicht.

Ist von der zur SPD-Parteilinken gerechneten Andrea Ypsilanti ein dezidiert linkes Gegenprogramm zu den Vorstellungen von CDU und FDP in Hessen zu erwarten?

Wir werden ein eindeutig sozialdemokratisches, ein wirklich alternatives Programm zur Regierung Koch vorlegen.

Mit welchen Schwerpunkten?

Die Themen liegen auf der Straße. Ich stehe für ein Hessen der sozialen Versöhnung, das wirtschaftlich stark ist, und das allen Menschen gleiche Chancen bietet. Ich will, daß alle Kinder eine Chance auf gute Bildung haben. Das ist jetzt nicht so: Die CDU steht für Auslese. Ich möchte, daß jedes Talent gefördert wird, und dazu gehört frühkindliche Bildung, dazu gehören Ganztagsschulen.

Bildung allein wird aber nicht den Wahlkampf bestimmen?

Natürlich geht es auch um Arbeitsplätze, die Wirtschaftsentwicklung, die Förderung des Mittelstands. Ganz besonders freue ich mich auf die Auseinandersetzung über den Ausstieg aus der Atomenergie. Für seine Pläne zur Laufzeitverlängerung von Biblis A und B hat Herr Koch ganz sicher keine Mehrheit in Hessen. Mit der SPD wird es auch keine Privatisierung von Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge geben: Wasser, Strom, Bildung.

Apropos Arbeitsplätze. Stehen Sie auch für den Ausbau des Frankfurter Flughafens?

Ja, ich stehe dafür, ebenso wie die gesamte SPD. Allerdings haben wir an den Ausbau immer Bedingungen geknüpft, nämlich die, die im Mediationsverfahren festgelegt wurden. Wenn die erfüllt werden, sind wir auch für den Flughafenausbau, da gibt es überhaupt nichts dran zu deuteln.

Auch für die Nordwestbahn?

Falls die Maßgaben des Mediationsverfahrens erfüllt werden, und da muß erst einmal die jetzige Landesregierung in Vorlage gehen.

Bei der Landtagswahl 2003 kam die SPD in Hessen auf nur noch 29,1 Prozent, das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte. Keine besonders gute Ausgangsposition, oder?

Die Ausgangslage ist schwierig, aber wenn man sich aktuelle Umfragen ansieht, dann zeigt sich, daß die CDU-Landesregierung erhebliche Kompetenzverluste erleiden mußte. Ich bin jedenfalls fest davon überzeugt, daß wir gute Chancen haben, diese Regierung abzulösen.

Worauf gründet sich die Zuversicht?

Roland Koch ist nicht der Überflieger, als den ihn manche sehen. Seine Regierung macht viele Fehler, seine Sympathiewerte sind alles andere als überzeugend. Ich traue mir zu, es mit ihm aufzunehmen.

Zur Ministerpräsidentin wird es aber wohl nur in einer Koalition reichen. Mit den Grünen?

Meine vorrangige Aufgabe ist es, die SPD so stark zu machen, daß wir uns einen Koalitionspartner zur Regierungsbildung aussuchen können.

Es wird also keinen Koalitionswahlkampf geben?

Nein, es wird einen Wahlkampf für eine starke Sozialdemokratie in Hessen geben.

Wie hat Ihre Familie auf ihren Entschluß reagiert?

Solidarisch.

Die Fragen stellte Ralf Euler.



Text: F.A.Z., 25.08.2006
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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