Von Inka Wichmann
28. Dezember 2006 Der Tag danach war am besten, berichtet Carolin Flaig. Als sie mit dem Auto zur Heinrich-Emanuel-Merck-Schule fuhr, hörte sie ihre eigene Stimme im Radio. Dann lief sie am Schwarzen Brett vorbei, wo der Direktor gerade ein Foto von ihr aufhängte. Und als sie das Klassenzimmer betrat, nahm der Mathematiklehrer sie gleich in den Arm. Er habe schon immer mal eine Schönheitskönigin drücken wollen, sagte er. Flaig war am Abend zuvor zur Miss Hessen“ gekrönt worden. Einen Monat ist das inzwischen her, und bald muß sie ihr Bundesland zum ersten Mal vertreten: Im Januar reist sie zur Wahl der Miss Deutschland“ nach Ägypten ans Rote Meer.
Schöne Augen, schönes Lächeln, das bekomme ich hin und wieder zu hören“, erzählt Flaig in einem Café am Luisenplatz. Trotzdem hat sie sich nicht selbst um die Bewerbung zum Wettbewerb gekümmert. Weil sie gerade in die Ferien gefahren war, nahm ihre Mutter das in die Hand. Sie weiß, daß ich mich gerne fotografieren lasse, daß ich gerne ein wenig posiere.“ So zum Beispiel: Flaig lächelt ein wenig, stützt das Kinn auf die Hand, drückt den Rücken durch. Die beiden Männer am Nebentisch recken den Daumen in die Höhe, und der Junge an der Balustrade lugt hinter der Speisekarte hervor.
Abitur im Frühsommer
Ein bißchen aufgeregt ist Flaig vor der nächsten Wahl aber doch. Das liegt an dem kleinen Vortrag, den sie halten muß. Mit ihm soll sie beweisen, daß sie nicht bloß einen Bikini und eine Abendrobe vorführen kann, sondern sich außerdem nicht leicht einschüchtern läßt und auch vor Publikum frei spricht. Flaig will einfach etwas aus ihrem Leben erzählen: daß sie 18 Jahre alt ist, im Frühsommer Abiturprüfungen schreibt und anschließend einen Englischkursus in Los Angeles belegen will. Vielleicht auch, daß sie später Event management studieren möchte, um große Feste und womöglich Schönheitswettbewerbe zu organisieren. So oder so – ich will versuchen, möglichst lässig zu wirken“, sagt sie.
Letztes Mal fielen ihr auf der Bühne noch unzählige Fragen ein: Wie legt man eigentlich eine Schärpe um? Gibt es einen Unterschied zwischen Miss Deutschland“ und Miss Germany“? Und sind die Perlenohrringe tatsächlich die richtige Wahl? Daß eine Schärpe von der rechten Schulter zur linken Hüfte führen muß, wisperte ihr die Vorjahresgewinnerin zu. Daß zwei konkurrierende Unternehmen Miss Deutschland“ und Miss Germany“ küren, sagten ihr die Organisatoren am Telefon. Und daß die Perlenohrringe zum schwarzen, schmalen Abendkleid paßten, versicherte ihr die Jury: Von der Fernsehmoderatorin, den Eintrachtspielern und dem Kosmetikhersteller bekam Flaig 500 Punkte – und damit 200 mehr als die Zweitplazierte. Flaig schiebt das jedoch auf ihr Glück.
Daß es noch andere Gründe geben könnte, meint zumindest der Junge an der Balustrade. Kurz bevor Flaig sich auf den Weg macht – sie muß noch für Klausuren in Geschichte und Chemie lernen –, steckt er ihr eine Papierserviette zu. Auf die hat er mit Kugelschreiber etwas von natürlicher Schönheit“ und eine Handynummer geschrieben. Und ob Miss Hessen“ nicht vielleicht auf der Suche nach einem Mister Hessen“ sei. Ist sie nicht. Schon seit einem Jahr und zwei Wochen nicht mehr.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Christian Burkert, picture-alliance/ dpa
Doping-Fall Schumacher: Bach droht dem Radsport mit olympischer Denkpause
Die Weltwirtschaftskrise als Chance: Blick in amerikanische Zeitschriften:
Nicht nur im Vorgarten der Geschichte: der deutsche Historikertag in Dresden
Wie ist die harsche Fan-Kritik an Eintracht Trainer Funkel zu werten?