Schule

Empörung über Wolffs Thesen zur Schöpfungslehre hält an

03. Juli 2007 Die Empörung über die Thesen der hessischen Kultusministerin Karin Wolff (CDU) zum Verhältnis von Religion und naturwissenschaftlichen Fächern reißt nicht ab. Der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera kritisierte sie am Dienstag als „Nichtwürdigung“ der harten Arbeit moderner Naturwissenschaft: „Biblische Dogmen und Mythen sollten im naturwissenschaftlichen Unterricht keinen Raum haben.“ Selbst Parteifreunde gehen auf Distanz: Wissenschaft und Glaube dürften nicht vermischt werden, sagte Wolffs saarländischer Kollege Jürgen Schreier (CDU); sonst gerate man gegenüber fundamentalistischen Muslimen in Argumentationsnot.

In der CDU-Landtagsfraktion ist man nicht glücklich, dass die Ministerin am Freitag eine schon fast abgeebbte Diskussion wieder entfacht hatte. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sprach sie von „erstaunlichen Übereinstimmungen“ zwischen den Fakten der Evolutionslehre und der symbolischen Darstellung der biblischen Schöpfungsgeschichte. Die frühere Religionslehrerin plädierte für einen Biologie-Unterricht, der auch die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis behandeln und philosophisch- theologische Fragen aufwerfen solle (Wolff will Schöpfungslehre im Biologieunterricht).

„Schöpfungslehre sei keine Wissenschaft“

Die Ministerin wiederholte damit zwar nur frühere Aussagen, doch das Echo war beträchtlich. Die im Ministerium eingegangenen Zuschriften deckten die ganze Bandbreite von Zustimmung bis Ablehnung ab, heißt es dort. Schelte kam nicht nur von der Opposition im Landtag: Christliche Schöpfungslehre sei keine Wissenschaft, erklärte der in Frankfurt arbeitende Chemie-Nobelpreisträger Hartmut Michel.

Wolffs Ministerium sah sich darauf hin zu einer Klarstellung veranlasst. Niemand wolle die biblische Schöpfungserzählung zum Inhalt des Faches Biologie machen, erklärte es am Montag. Es gehe darum, die naturwissenschaftliche Diskussion durch die Auseinandersetzung mit philosophischen und religiösen Aussagen zu „ergänzen und zu erweitern“ - wie es der gültige Gymnasial-Lehrplan ohnehin vorsieht.

Für Kutschera ist ein fruchtbarer Dialog zwischen Biologie und Religion in der Schule jedoch eine Illusion: „Um die Grenzen naturwissenschaftlicher Erkenntnis sachkundig erkunden zu können, muss man sich intensiv mit Wissenschaftstheorie befassen“, sagt der Vorsitzende des Arbeitskreises Evolutionsbiologie im Verband deutscher Biologen. Und die komme sogar an vielen Universitäten zu kurz. Nur wenige Lehrer seien dazu in der Lage.

Bistum Limburg: Keine Religion im Bio-Unterricht

Wolff gebe spekulativem Denken den gleichen Rang wie dem geduldigen Anhäufen gesicherten Wissens und der strengen Beschränkung auf reale Dinge und messbare Größen, klagt der Biologe: „Man kann das nicht auf eine Stufe stellen. Ihre Forderung unterwandert die naturwissenschaftliche Denk- und Arbeitsweise.“

Selbst beim Bistum Limburg wünscht man keine Religion im Biologie- Unterricht - man glaubt aber, dass die Ministerin das auch gar nicht gemeint hat. „Ich finde, dass Frau Wolff unglücklich interpretiert worden ist“, sagt Bildungs- und Kulturdezernent Eckhard Nordhofen. „Sie hat auf ein Problem hingewiesen, dass jeder Schüler hat.“ Die unterschiedlichen Weltbilder der Religion und der Naturwissenschaften müsse die Schule fächerübergreifend behandeln. Auch das naturwissenschaftliche Weltbild dürfe nicht verabsolutiert werden.

Steinacker: Schöpfungserzählung überholt

Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat für Freitag ein Gespräch mit Wolff vereinbart. Vorher will Kirchenpräsident Peter Steinacker kein Urteil fällen; auch ihm kommt es vor, als werde die öffentliche Debatte zu Ungunsten Wolffs unscharf und verkürzt geführt. Steinacker zählt die biblische Schöpfungserzählung zu den Weltentstehungslehren, die naturwissenschaftlich überholt sind: „Dennoch bleibt sie in ihrer metaphysischen und philosophischen Aussage durchaus weiter diskussionswürdig.“

In der Landesregierung will man die Diskussion möglichst schnell wieder beenden - auch aus der Einschätzung heraus, dass das Anliegen kaum ohne Missverständnisse zu vermitteln ist. Weder Wolff noch ihr für Wissenschaft zuständiger Kollege Udo Corts (CDU) mochten sich am Dienstag äußern. Doch zumindest einmal wird die Ministerin noch Stellung nehmen müssen: Die Grünen haben das Thema für Donnerstag als Aktuelle Stunde auf die Tagesordnung des Landtags setzen lassen.



Text: FAZ.NET mit dpa/lhe
Bildmaterial: F.A.Z. / Foto Frank Röth

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