09. Juli 2007 Wer seinen Tag mit Joyce Meyer beginnen will, muss ziemlich hartgesotten sein. Es ist erst kurz nach neun, aber die amerikanische Predigerin schimpft aus dem Fernseher heraus, dass man vor Schreck fast ein bisschen Kaffee verschüttet. Meyer – gut sechzig, kurze Haare, baumelnde Ohrhänger – fuchtelt mit den Armen und sticht mit dem Zeigefinger in Richtung Zuschaueroberkörper.
Wenn sie über die Bühne schreitet, ruckelt ihr Kopf vor und zurück wie bei einer Taube. Die Bibelkennerin spricht über stinkendes Denken“, und spätestens, als sie mehrmals in die Knie geht und fight, fight, fight“ ruft, ahnt man, dass der Plan, zwölf Stunden mit dem Programm von Rhein-Main TV zu verbringen, keine einfache Sache werden wird.
Mit den Mädels zum Friseur
Vielleicht hilft ja mehr Kaffee gegen Frau Meyer, die sich um neun und um 15 Uhr (als Wiederholung) eine halbe Stunde lang bei dem hessischen Regionalsender mit Sitz in Bad Homburg austoben darf. Eben behauptet sie, sie sei ihr halbes Leben lang wütend gewesen, da schwenkt die Kamera ins Publikum. Die meisten Zuschauer sind etwas zu dick, viele Frauen tragen Dauerwelle und pastellfarbene Blazer. Meyer sagt dann noch, sie sei das Haupt und nicht der Schwanz“ – aber das liegt vielleicht auch an der Übersetzerin.
Jetzt kommt Roluf Schlüter. Er präsentiert die Sendung Rhein-Main Fashion“ und meldet sich heute aus einer Club-Lounge in Wiesbaden. Dort gibt es eine Modenschau, und da darf ich nicht fehlen“, findet Schlüter, der nun auch gleich den Macher vor der Linse“ hat, einen Mann namens Sahin Akcicek, der seine erste Modenschau organisiert hat. Cool“, sagt Schlüter, die Erste, bist du ein bisschen aufgeregt?“ Akcicek antwortet: Ganz schön viel Action gewesen, sagen wir’s mal so.“
Jetzt wäre eigentlich Zeit für einen neuen Kaffee, aber Schlüter hat noch etwas vor. Es zieht ihn nach Darmstadt, wo er Claudia und Amanda zu einem neuen Aussehen verhelfen möchte. Erst geht er mit den Mädels zum Friseur, wo Amanda dank eines Soja-Farbtons einen monoschönen Glanz“ ins Haar gezaubert bekommt, anschließend geht es zum Damenbekleider. Ob Claudia und Amanda danach besser aussehen, ist Geschmackssache, aber dass Schlüter am Ende sagt: Und denkt dadran: Schöne Dinge sind schön“, kann niemand bestreiten.
Kartenlegen mit einer Schamanin
Erholung bietet Rhein-Main Gesundheit“ um 9.45 Uhr. Moderatorin Katharina Wagner kündigt Beiträge über Sonnenbrillenkauf, Diäten und Krebstherapien an, und die Berichte sind durchaus solide. Zum ersten Mal ist Gucken ganz in Ordnung. Um zehn Uhr wünscht Moderatorin Sybille Schütt einen schönen guten Abend – die Sendung Rhein-Main Aktuell“ ist vom Vortag. Das ist ein bisschen enttäuschend, aber wahrscheinlich können die ungefähr 100 Menschen, die laut Internetseite des Senders jeden Tag ein neues Programm für Sie auf den Bildschirm bringen“, nicht jeden Tag ein ganz neues Programm“ auf den Bildschirm bringen.
Eben entwickelt sich bei der dritten Tasse Kaffee eine zarte Zuneigung zu Frau Schütt, da ist ihre Sendung auch schon vorbei. Was nun beginnt, gehört zu den denkwürdigsten Fernsehminuten seit langer Zeit. Ich bin die Melody“, sagt die Melody, eine vielleicht Fünfundfünfzigjährige im Leopardenoberteilchen. Melody – meine umfangreichen Kenntnisse der magischen Arbeit habe ich mir bei dem Stamm der Navaro-Indianer erworben“ – ist Schamanin und legt Karten bei Spiritfon TV“. Gerade ruft die Monika an. Melody sagt: Monika, mein Engel. Dein Blatt, das ist erste Sahne.“
Monika, der Engel, sehnt sich nach einer neuen Liebe, und genau die sieht die Schamanin nahen. Frieden, Harmonie, Stabilität und ein Herz in Flammen“, verspricht sie Monika. Die sagt: Ich krieg’ Gänsehaut.“ Im Hintergrund perlt ein Klavier-Akkord. Weil es sich bei Spiritfon TV“ um eine kostenlose Fernsehberatung“ handeln soll, ist der Hinweis Ein Euro aus dem deutschen Festnetz“ sicher nicht ganz ernst gemeint. Aber das kann man ja beim nächsten Mal Melodys Kollegen fragen – die Meilin oder die Inspira, die Aladina oder die Morgaine.
Sehr viel zu kaufen
Kurz flimmern ein paar Bilder aus Lorsch durchs Zimmer – Kirchtürme, Kinder, Radfahrer –, dann beginnt das Format Markt“, dessen Titel recht schön verschleiert, dass es sich um eine dreistündige Dauerwerbe-Berieselung handelt. Nun braucht man schon eine ganze Kanne Kaffee, denn von Handyverträgen (12.04 Uhr) über Armaturen (12.18 Uhr) bis zu Classic Love Songs of Rock ’n’ Roll (14.29 Uhr) gibt es hier sehr viel zu kaufen. Besonders interessant ist vielleicht das Fensterputz-Untensil Speedcleaner“ (12.42 Uhr) für 29,95 Euro, das ein beleibter Friese vorführt. Oder die Putzhexe“ für 19,95 Euro, deren Strahlkraft einen Mann namens Frank sagen lässt: Des isch der Wahnsinn, des isch brutal.“
Um 15 Uhr irrlichtert dann wieder Joyce Meyer über den Bildschirm. Was sie schimpft, ist nicht neu. Vollkommen wird das Heilsempfinden von 15.30 Uhr an – eine Stunde Living Gospel Glaubensprogramm“ mit Dr. R. R. Soares“. Der etwas fadenscheinige Missionar wünscht sich gleich zu Beginn für Jesus einen kräftigen Applaus“, als wenn Jesus so etwas nötig hätte. Im Publikum gähnt eine Dame, während der Missionar im taubengrauen Anzug einen Psalm rezitiert und sagt, alle Angst vor Pfeil, Pest und Seuche sei überflüssig, weil Jesus niemanden allein lasse. Es ist Zeit, neues Kaffeepulver zu kaufen.
Gerade rechtzeitig zurück für die Stunde der Wahrheit“. Rhein-Main TV zeigt einen zweigeteilten Schirm. Links oben: Astrozentrale live“ mit einem Dunkelhaarigen, der auf eine Tastatur einhackt; überall sonst: Ursula. Ursula ist eine Art Melody in seriöser Variante. Eine Minute mit ihr kostet 1,99 Euro. Sie sagt ahnungslosen Anruferinnen Sätze wie diese: Die Acht der Luft zeigt einen Adler“ – Er muss mehr bereit sein, in die Leichtigkeit zu gehen“ – Wie ich aussehe? Das ist in der Unendlichkeit sowieso alles Pipifax.“ Wie aus dem Nichts taucht der Wunsch nach einem Bier auf.
Hungener im Babbelbus
Er verschwindet während der Nachrichten wieder, die zwischen 17.30 und 18 Uhr laufen und von Euro News“ kommen. Fast freut man sich auch schon wieder auf Sybille Schütt und ihre Regionalnachrichten. Die sind diesmal vom Tage. Was den Auftaktsatz Dein Tag für Afrika hat stattgefunden“ allerdings zur Topnachricht macht, bleibt etwas rätselhaft. Nach zwei weiteren Meldungen über einen Mordprozess und einen NPD-Aufmarsch, zu dem der Sender Archivbilder zeigt, sie aber nicht als solche kennzeichnet, folgen Börsenwerte eines kommerziellen Anbieters und die Rubrik Job-Offensive“. Andreas G. sucht einen Job. Nun ja.
Ein bisschen Werbung, ein etwas langatmiger Beitrag über die Footballmannschaft Frankfurt Galaxy und deren Media Day“, dann das Wetter. Nach 15 Minuten folgen viertelstündige Sendungen aus verschiedenen Teilen der Rhein-Main-Region. Die Beiträge sind zum Teil recht interessant, zum Teil ziemlich langweilig und zum Teil eben erst gezeigt worden – zum Beispiel der Beitrag über die NPD. Und auch die Sportsendung um 19 Uhr zeigt wieder dieselben Bilder über die Footballer, kommt dann aber auf die unterhaltsame Idee, die Deutsche Paintball-Meisterschaft zum Thema zu machen und ein paar Verrückte zu zeigen, die mit Farbpistolen minutenlang aufeinander ballern.
Wie viele Stunden läuft das Programm jetzt eigentlich schon? Ach, da ist ja wieder Katharina Wagner. Diesmal, es ist 19.16 Uhr, meldet sie sich aus Hungen. Dort steht auch der Babbelbus, in dem Hungener in kurzen Hosen sitzen und etwas erzählen. Rhein-Main Wohnen“ führt die Zuschauer um 19.30 Uhr auf eine Messe. Es geht um Akustikputz, Magnetfarbe und die Lackindustrie – nicht so sehr ums Wohnen. Als um 19.45 Uhr, eine Stunde vor Ende des Zwölf-Stunden-Plans, schon wieder Katharina Wagner mit dem Thema Gesundheit auftaucht und um 20 Uhr abermals Sybille Schütt samt Nachrichten ihren Kopf ins Zimmer steckt, da wächst ganz tief drinnen der Wunsch, zwei alte Bekannte auf ein Bier einzuladen.
Rhein-Main TV ist ein privater Fernsehsender und seit Oktober 2003 auf Sendung. Das Programm besteht zu rund einem Viertel aus eigenen Produktionen, den Rest übernimmt der Sender mit Sitz in Bad Homburg als Fremdproduktionen. Die Weltnachrichten zum Beispiel stammen von Euro News. Der Sender ist als Ballungsraumfernsehen konzipiert: Es geht vornehmlich um die Rhein-Main-Region, die sich nicht auf das Bundesland Hessen beschränkt.
Hier will Rhein-Main TV technisch 1,75 Millionen Haushalte erreichen; im Schnitt schauen nach Angaben des Senders knapp 150.000 Zuschauer das Programm. Zu empfangen ist der Sender über das Kabelnetz im hessischen Teil des Rhein-Main-Gebiets, außerdem über Satellit und digital über Antenne. Informationen finden sich im Internet unter der Adresse www.rheinmaintv.de.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes