Von Sascha Zoske
08. Oktober 2007 Urlaub nehmen von der Uni-Maut - einigen Studenten der Frankfurter Universität erscheint dies offenbar als eine sinnvolle Strategie, der Gebührenpflicht wenigstens für eine Zeitlang zu entgehen. Bisher haben sich rund 2500 Hochschüler für das am nächsten Montag beginnende Wintersemester beurlauben lassen; das sind gut 1000 mehr als im Wintersemester 2006/ 2007. Anja Engelhorn, AStA-Vorsitzende und Mitglied der Juso-Hochschulgruppe, ist überzeugt, dass viele die Auszeit genommen haben, um die 500 Euro nicht zahlen zu müssen: Ich kenne selbst einige.“
Auf eine solche Interpretation will sich Universitätssprecher Olaf Kaltenborn nicht festlegen. Falls sie aber zutreffen sollte, handelt es sich seiner Meinung nach um ein vorübergehendes Phänomen. Denn wer beurlaubt ist, kann keine Prüfungen ablegen. Irgendwann müssen sich die Studenten also entscheiden, ob sie die Gebühr überweisen – oder die Uni verlassen.
Rückmeldeverfahren noch nicht beendet
In Frankfurt haben sich etliche wohl schon für die zweite Variante entschieden. Die im Internet aufrufbare aktuelle Statistik der Universität vermeldete am Montag 32.255 Immatrikulierte. Offizielle Daten will die Hochschule erst nächste Woche bekanntgeben, aber große Veränderungen sind wohl nicht mehr zu erwarten. Bliebe es beim jetzigen Stand, entspräche dies einem Rückgang um rund elf Prozent gegenüber dem Wintersemester 2006/2007, in dem gut 36.000 Studenten an der Goethe-Universität eingeschrieben waren. Engelhorn findet das signifikant“, Kaltenborn meint, es sei noch zu früh zu sagen, ob es sich um mehr als eine statistische Schwankung handele.
Auch die Sprecher anderer hessischer Hochschulen halten sich mit endgültigen Bewertungen zurück, zum Teil ist das Rückmeldeverfahren – wie in Gießen und Marburg – noch nicht beendet. Von einem dramatischen Studentenschwund hat allerdings keiner zu berichten. Viola Düwert von der Universität Marburg sagt, sie habe bisher keine Hinweise auf einen größeren Einbruch“. An der Universität Kassel wird nach Worten von Annette Ulbricht die Marke von 16.000 Studenten diesmal wohl nicht ganz erreicht werden; vor einem Jahr waren 16.400 eingeschrieben.
Froh ist Ulbricht nach eigenem Bekunden darüber, dass die Zahl der Anfänger anscheinend nicht allzu stark gesunken ist. Sie liege mit gut 3000 um etwa 200 niedriger als im Herbst 2006. Die Technische Universität Darmstadt scheint bei den Erstsemestern sogar zuzulegen, von einer möglichen Steigerung um zehn Prozent ist dort die Rede. Um ganze 45 Prozent erhöht haben sich gar die Bewerberzahlen im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Frankfurter Universität – der allerdings in den vergangenen Jahren auch viel dafür getan hat, seine Attraktivität zu steigern.
AStA: Gesetz verstößt gegen Landesverfassung
Keinerlei Indizien gibt es dafür, dass hessische Hochschüler der Gebühren halber massenhaft die Flucht ins benachbarte Rheinland-Pfalz angetreten haben. An der Universität Mainz werden nach Angaben von Bernhard Einig, Leiter der Abteilung Studium und Lehre, in diesem Wintersemester etwa 35.000 Studenten eingeschrieben sein, ungefähr so viele wie vor einem Jahr.
Ob die Studentenzahlen in Hessen nun mehr oder minder stark zurückgehen, ändert für Aktivisten wie Anja Engelhorn nichts an ihrem grundsätzlichen Nein zu den Gebühren. Auch wenn der Staatsgerichtshof sein Urteil noch nicht gefällt hat, für die Frankfurter AStA-Vorsitzende ist klar, dass das Studienbeitragsgesetz gegen die Landesverfassung verstößt und Proteste gegen diesen Rechtsbruch“ nach wie vor geboten sind. Konkrete Pläne für Aktionen gebe es derzeit nicht, aber im AStA sind wir uns einig, dass wir die Studenten noch einmal mobilisieren müssen“.
Aus der vermeintlichen Verfassungswidrigkeit der Gebühren folgt für Engelhorn, dass sich der AStA nicht an den Bemühungen der Universität beteiligen könne, mit den Einnahmen die Lehre zu verbessern. Wie sich die Fachschaften verhalten wollten, sei deren Sache. Tatsächlich scheint an der Basis mehr Pragmatismus zu walten. Vielerorts ist es den Hochschulsprechern zufolge gelungen, die Studenten in die Entscheidungen einzubeziehen, was mit ihrem Geld geschehen solle. An der TU Darmstadt gab es in einigen Fachbereichen Umfragen hierzu.
Mehr wissenschaftliche Mitarbeiter und Tutoren
Längere Öffnungszeiten der Bibliotheken gehören zu den häufigsten Verbesserungen, die mit den Gebühreneinnahmen ermöglicht werden sollen. In Darmstadt kann die Universitäts- und Landesbibliothek nach Angaben von TU-Pressereferent Wolf Hertlein künftig unter der Woche von acht Uhr morgens bis zwei Uhr nachts besucht werden. Auch die Zentralbibliothek der Hochschule Darmstadt wird fortan länger offen bleiben. Auf dem Campus Dieburg der Hochschule wird nach Angaben von Sprecher Martin Wünderlich für eine Million Euro ein Audio-Video-Studio eingerichtet - zum Teil finanziert durch Studiengebühren. Die Frankfurter Universität will unter anderem 66 Veranstaltungsräume renovieren und die Ausstattung mit Medien verbessern; dabei ist die Universität nach eigener Darstellung mit 3,6 Millionen Euro in Vorleistung getreten.
Mehr studentische Tutoren einzusetzen, die ihren Kommilitonen beim Lernen helfen, gehört ebenfalls zu den guten Vorsätzen der Hochschulen. Allerdings werden nicht nur weitere Hilfskräfte eingestellt, sondern auch Vollzeitmitarbeiter. Die Hochschule Darmstadt beschäftigt nach Wünderlichs Angaben eine Bibliothekarin und zwei Medieninformations-Fachangestellte zusätzlich. An der Fachhochschule Wiesbaden wurden 6,5 Stellen in der Verwaltung geschaffen, wie Sprecher Ernst-Michael Stiegler mitteilt.
Die Fachhochschule Frankfurt hat ihrer Sprecherin Gaby von Rauner zufolge sogar neue Professoren berufen - freilich nur befristet. Denn wenn der Staatsgerichtshof das Gebührengesetz kassieren sollte, wäre die Finanzierungsgrundlage formal entfallen. Wissenschaftsminister Udo Corts (CDU) hat jedoch zugesichert, die Hochschulen auch in diesem seiner Meinung nach unwahrscheinlichen Fall nicht im Stich zu lassen: Das Land werde dann für die bis dahin getätigten Investitionen in eine bessere Lehre aufkommen. Was wohl bedeuten würde, dass die neu eingestellten Professoren und Bibliothekare weiter ihren Dienst zum Wohl der Studenten versehen könnten. Bis ihr Vertrag, üblicherweise nach zwei Jahren, ausläuft.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
