Von Peter Badenhop
19. März 2006 So viel Eis und Schnee hat es in Frankfurt schon lange nicht mehr gegeben. Zwar waren die Verhältnisse am Main in den vergangenen Wochen nicht annähernd so prekär wie in vielen Teilen Bayerns, aber das Verkehrschaos, das die heftigen Schneefälle Anfang März angerichtet haben, spricht für sich. Schon im November war der goldene Herbst innerhalb weniger Tage in kaltes Winterwetter umgeschlagen. Inzwischen ist es Mitte März, und die Meteorologen reden immer noch von Minustemperaturen und Eisglätte. Von einem Rekordwinter wollen sie trotzdem nicht sprechen. Es war im Prinzip normal - wir sind es nur nicht mehr gewöhnt, sagt zum Beispiel Reik Schaab vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach.
Der Meteorologe wertet regelmäßig die Meßdaten von der Wetterstation am Frankfurter Palmengarten aus und hat eine Winterdurchschnittstemperatur von 1,6 Grad errechnet. Das sind nur 0,2 Grad weniger als der langjährige Mittelwert von 1,8 Grad - nicht gerade rekordverdächtig. Aber warum haben dann die Frankfurter - und nicht nur die - diesen Winter als besonders hart empfunden? Weil wegen der allmählichen Erwärmung solche Winter in den vergangenen Jahren immer seltener geworden sind, sagt Schaab und meint natürlich den vielbeschworenen Klimawandel.
Winterdurchschnittstemperaturen angestiegen
Wie stark der auch in Frankfurt zu spüren ist, beobachtet Schaab seit Jahren. Die seit 1857 geführten Messungen vom Frankfurter Palmengarten zeigen eindrucksvoll, daß die Winterdurchschnittstemperaturen in den vergangenen 150 Jahren um 1,0 bis 1,5 Grad angestiegen sind. Und die Niederschlagsstatistik deutet in die gleiche Richtung: Die jährlichen Schwankungen sind zwar mitunter erheblich, langfristig ist die Niederschlagsmenge in Frankfurt seit 1857 aber um etwa zehn bis zwölf Prozent gestiegen. Verantwortlich sind sogenannte Westwetterlagen, die warme und feuchte Luft vom Atlantik nach Europa bringen - und unter anderem für milde Winter sorgen.
Noch klarer wird das Klimabild, wenn man sich die Jahresdurchschnittswerte anschaut: Nicht nur wurde am Palmengarten 1994 mit 12,0 Grad das wärmste Jahr seit dem wissenschaftlich auswertbaren Aufzeichnungsbeginn 1857 gemessen (2003 mit seinem Rekordsommer kam nur auf 11,8 Grad), die Reihe der Jahresmittelwerte zeigt vor allem, daß die Durchschnittstemperatur seit etwa 1890 um mehr als zwei Grad angestiegen ist. Bildet man für jedes Jahr eine Zehn-Jahres-Mitteltemperatur - dabei werden jeweils die Durchschnittstemperaturen der vorangegangenen fünf und der folgenden fünf Jahre gemittelt -, ergibt sich eine Kurve, die vor allem den starken Temperaturanstieg seit etwa 1985 in aller Deutlichkeit zeigt.
Zahl der Eistage immer weiter gesunken
Neben dieser Erhöhung der Durchschnittstemperaturen gibt es ein weiteres untrügliches Zeichen für eine allmähliche Klimaverschiebung: die Zahl der sogenannten Heißen Tage und der Eistage seit 1857: Während die Zahl der Tage mit Höchsttemperaturen von mehr als 30 Grad (Heiße Tage) vor allem in den vergangenen 30 Jahren deutlich zugenommen hat, ist die Zahl der Tage, an denen das Quecksilber nicht über den Gefrierpunkt kam (Eistage), immer weiter gesunken.
Angesichts solcher Daten, die im übrigen nicht nur in Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet, sondern in ganz Deutschland registriert werden, herrscht unter den Fachleuten im Prinzip Einigkeit, daß sich das Klima langsam wandelt. Streit gibt es dagegen bei der Beurteilung der Gründe. Während etwa Christian Schönwiese, Klimaforscher an der Frankfurter Goethe-Universität, ebenso wie sein prominenter Kollege Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg vor allem den menschlichen Einfluß auf das Klima als sehr stark einschätzen und die Industrialisierung für einen großen Teil der Temperaturveränderungen verantwortlich machen, sind andere Experten vorsichtiger.
Emissionen sind nicht alles
Gerhard Müller-Westermeier, Klimafachmann beim Deutschen Wetterdienst, verweist zum Beispiel auf Forschungen zu einer vermuteten Wärmeperiode im Mittelalter. Damals habe der Mensch sicher keine Rolle gespielt, und die aktuellen Temperaturerhöhungen lägen nicht wesentlich über der damaligen Erwärmung. Daß die Anzeichen für eine Klimaverschiebung in den vergangenen Jahren immer deutlicher geworden sind, bestreitet aber auch Müller-Westermeier nicht. Er nennt als wahrscheinliche Gründe neben dem sogenannten Treibhauseffekt - also der Erwärmung der Erdatmosphäre durch den verstärkten Ausstoß von Kohlendioxyd - auch den Stadteffekt.
Gerade in Frankfurt habe die enorm gewachsene Bebauung in den vergangenen 150 Jahren sicher Einfluß auf das städtische Klima gehabt und zur Erwärmung beigetragen. Klar sei aber auch, daß dieser Effekt nicht die ganze Erklärung sein könne, schließlich werde die Temperaturerhöhung auch in weniger urbanen Gebieten beobachtet - und das weltweit.
Text: F.A.Z./F.A.S.
Bildmaterial: dpa/dpaweb
Dax bricht erneut ein - Panik in Tokio
Globale Aktien: Sollte man aussteigen?
Finanzkrise in Amerika: Die Bürger kaufen mehr Unterhaltungselektronik
Wie ist die harsche Fan-Kritik an Eintracht Trainer Funkel zu werten?