Von Oliver Bock
13. Juni 2008 Ernst Schmitz hätte nur zu gerne ein florierendes Versandgeschäft und den Ansturm der deutschen Fußballfans auf die Devotionalien ihrer Helden vorgeführt, doch in den Büros der Hermann-Neuberger-Straße 1“ auf dem Betriebsgelände des Idsteiner Logistikexperten herrschte ungewohnte Stille. Viele leere Schreibtische statt betriebsamer Hektik an Telefon und PC.
Schmitz war wie die meisten Fans von einem Erfolg ausgegangen und hatte für Samstag sogar Sonderschichten geplant, weil ein echter Fan spätestens zum nächsten Spiel vollendet ausgestattet sein will. Doch der jähe Absturz der deutschen Fußballelf gegen die kroatischen Kicker brachte den Bestellboom der vergangenen Wochen fast zum Erliegen. Ein enttäuschter Fan bestellt am ersten Tag nach einer Niederlage aber weder Schals noch Wimpel, weder Fahnen noch Schlüsselanhänger und auch nicht die neue, schicke Retro & Lifestyle“-Kollektion samt DFB-Seesack.
Endspiel in der Gruppenphase
Seit 2001 betreut Schmitz im Auftrag des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die DFB-Fan-Corner, und wer im Internet die Fanshopseiten des Fußballbundes aufruft oder die Servicenummer wählt, landet unmerklich nicht in der Frankfurter DFB-Zentrale, sondern bei Schmitz in Idstein. Einige hundert Fanartikel offeriert der 52 Seiten umfassende Katalog zur EM 2008, vom Schlüsselanhänger für fünf Euro über die DFB-Kuscheldecke (reduziert, 22,50 Euro) bis zum Tischkicker für 300 Euro. Die Hitliste bei den Fans führt aber das von Schmitz auf Wunsch mit dem eigenen Namen und der selbstgewählten Rückennummer veredelte“ Originaltrikot an, das sich die Fans rund 90 Euro kosten lassen. Die Namens-Hitliste der Spieler auf dem Trikotrücken führt Podolski vor Ballack und Schweinsteiger an – Piotr Trochowski und Simon Rolfes fällt die Rolle der Ladenhüter zu.
600 bis 800 Päckchen hat Schmitz in den vergangenen drei Wochen für die Fans in ganz Deutschland täglich gepackt und versandt. Das ist mehr als vor der Europameisterschaft 2004 und auch mehr als vor den Weltmeisterschaften 2002 und 2006. Es ist Schmitz zufolge aber eine direkte Folge der Euphorie der WM im eigenen Land, weil sich damals die Basis der eingefleischten Fans verbreitert hat und der DFB-Fanclub auf fast 60.000 eingetragene Mitglieder angeschwollen ist. Der Absatz ist beim DFB und damit bei Schmitz zudem besser, weil 2002 das Geschäft erst im Turnierverlauf Fahrt aufnahm und weil 2006 sehr viele Mitbewerber am Markt für Fanartikel präsent waren.
Anders als bei einem Bundesligisten ist das Geschäft mit der Nationalmannschaft aber ein vom Erfolg sehr stark abhängiges. Am Tag nach dem Auftaktsieg gegen Polen schnellten die Bestellungen um ein Zehnfaches nach oben, nach der Niederlage brachen sie auf ein Zehntel ein. Schmitz, selbst eingefleischter Fußballfan, ist zwar optimistisch, dass die Mannschaft das Endspiel erreicht. Das Endspiel“ in der Gruppenphase am Montag in Wien könnte aber auch schon das Finale für den diesjährigen Fanartikelverkauf sein. Erfolglose Mannschaften haben eben wenig Freunde.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp
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