Brüder-Grimm-Märchenfestspiele

Eine Lektion für die verwöhnte Prinzessin

Von Luise Glaser Lotz

12. Mai 2008 Irgendwie ist die Prinzessin zu verstehen. Der Bart ihres verschmähten Verehrers ist tatsächlich geschmacklos, und die drei anderen königlichen Bewerber um ihr royales Händchen sind eitel, einfältig und eigensüchtig. So hat die schöne Melinda alles Recht der Welt, sich nicht des schnöden Mammons wegen so einfach von ihrem Vater an einen Unbekannten verheiraten zu lassen. Auch wenn es die Adelsdisziplin und die akute Geldnot des Königsreichs von ihr gefordert hätten. Ihre verwöhnte Art allerdings und ihre Respektlosigkeit anderen gegenüber rechtfertigen die harte Lektion, die ihr im Grimmschen Märchen vom König Drosselbart erteilt wird.

Beim Auftakt der vierundzwanzigsten Saison der Brüder-Grimm-Märchenfestspiele am Wochenende hat aber zunächst manch ein Zuschauer etwas gelernt: nämlich, dass der Schein auch im wahren Leben manchmal trügt. Nach dem Ausscheiden des langjährigen Festspielleiters Dieter Stegmann, der die anspruchsvollen Bühnenbilder stets selbst gestaltete, hat erstmals ein neuer Mann gewirkt.

Premiere der Saison mit einem Musical

Für die vier Produktionen des diesjährigen Spielplans entwarf Tobias von Wolffersdorff ein zunächst sehr abstrakt wirkendes Bühnenbild. Eine Treppe am Bühnenrand führt auf eine schmucklos scheinende zweite Ebene, daneben sollen große, mit grünen Farbkleckse übersäte Platten die Natur symbolisieren, was im krassen Gegensatz zu den naturalistischen Kunstbäumen steht, die Stegmann mitunter auf der Bühne emporwachsen ließ.

Das Auge gewöhnt sich sehr schnell an den neuen Stil, dem die allesamt hervorragend agierenden Schauspieler sowie eine geschickte Lichttechnik Leben einhauchen. Außerdem erweist sich die Bühne im Laufe der Vorstellung als äußerst wandelbar und vielseitig: Da tut sich nach einem kurzen Drehen der Treppe der Raum einer armseligen Hütte auf, wie sie aus Stegmanns Entwürfen hätte stammen können, auf der oberen Ebene öffnen sich Türen, oder eine der „Baumkronen“ klappt überraschend nach vorne und gibt eine weitere Treppe zu unbekannten Räumen preis. So kommt die neue Bühnengestaltung dem Anliegen des neuen Festspielleiters Dieter Gring sehr entgegen, mit Traditionen nicht zu brechen, aber auch Neues zu wagen.

Neu ist auch, dass die erste Premiere einer Saison mit einem Musical bestritten wird. Das Genre Musical und deren Macher, Alexander Bermange (Musik) und Marc Urquhart (Regie), sind dem Hanauer Publikum hingegen lange vertraut. Die Buch- und Liedtexte stammen diesmal von dem deutschen Musicalautor Wolfgang Adenberg, außerdem unterstützt mit David Shenton erstmals ein professioneller Arrangeur das Team. Für frischen Wind sorgen zudem etliche Neuzugänge bei den Schauspielern wie Alexandra Seefisch als Prinzessin Melinda oder Ralph Dörr als Prinz Maximo, der verspottete „König Drosselbart“.

Melodien und Choreographie im Mittelpunkt

Auch die Nebenrollen sind durchweg glänzend besetzt. Sämtliche Darsteller haben stimmlich wie schauspielerisch einiges zu bieten: von dem langjährigen Ensemblemitglied Barbara Bach als Schatzkanzlerin über Hartmut Schröder als König Alfons der Gebeugte und Jan Schuba als Prinz Wladimir von Wladiwostok bis hin zu Miriam Wolf und Verena Wüstkamp als Küchenmädchen und Bettlerinnen. Mit kurzen, aber umso anrührenderen Auftritten sorgen zudem die beiden Kinderdarsteller Oskar und Henriette Müller als kleine Melinda und kleiner Maximo für einen besonderen Akzent.

Wie für ein Musical angebracht, stehen die Musik mit eingängigen Melodien und die Choreographie im Mittelpunkt der Inszenierung. Die Handlung ist originell und abwechslungsreich in Szene gesetzt, gleichzeitig bleibt sie nahe am Original. Prinz und Prinzessin versprechen sich als Kinder die Ehe. Doch als Maximo nach 15 Jahren aus einem Krieg wiederkehrt, trifft er auf eine von der Mutter verzogene und verwöhnte Göre. Weil Melinda alle Hochzeitsbewerber verhöhnt, verspricht ihr Vater, sie mit dem erstbesten Spielmann zu verheiraten. Das ist der verkleidete Maximo, mit dem sie in einer ärmlichen Hütte ein karges Leben führen muss. Doch schließlich verliebt sie sich in ihren Gatten und versucht, für ihr gemeinsames Leben Verantwortung zu übernehmen.

Die nächsten Vorstellungen des Musicals „König Drosselbart“ im Amphitheater am Schloß Philippsruhe in Hanau finden am Freitag und Samstag, dem 23. und 24. Mai, jeweils um 16 und um 20.30 Uhr statt. Nächste Premiere ist am Samstag, dem 17. Mai, um 20.30 Uhr mit dem Märchen „Der gestiefelte Kater“ (www.maerchenfestspiele.hanau@t-online.de; Tickethotline 069/1340400).



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Dieter Rüchel

 
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