26. Mai 2004 Noch stehen in der ersten Etage des renovierten Proviantamts fast überall die Umzugskisten. Auf den insgesamt 870 Quadratmetern sollen bis zum Jahresende alle vom alten Domizil an der Rheinstraße mitgebrachten Bilder, Texte und Tonträger des Deutschen Kabarettarchivs einen neuen Platz gefunden haben. Offiziell wurde der Umzug an die Schillerstraße Anfang Mai gefeiert. Seitdem wird eingeräumt: 20.000 Bücher, jahrzehntealte Plakate im Wert von mehreren tausend Euro und 3000 Ordner voll mit Zeitungsausschnitten, Redetexten und handschriftlichen Notizen stehen bereits in den Regalen. Selbstverständlich sind auch diese neu. Seit November ist Holz-Designer Franky Heinz damit beschäftigt, die insgesamt mehr als einen Kilometer langen und mannshohen Stellwände zu zimmern.
In der Eingangshalle, der "Hall of Fame", hängen Fotos von Kurt Tucholsky und seinen Kollegen aus 100 Jahren Kabarettgeschichte. Unter den Bildern sollen schon bald auch Goldene Schallplatten sowie Dossiers mit Angaben zum Leben der Künstler hängen. Wenn alles fertig ist, wird man sich dank Videotechnik dann auch Mitschnitte von den Auftritten verschiedener Kabarettisten ansehen können. Nicht weit davon entfernt ragt ein Bühnennachbau in den Raum. Jürgen Kessler, seit 15 Jahren Leiter des europaweit einzigartigen Archivs, erinnert sich gerne daran, wie Hanns Dieter Hüsch von 1983 bis 1985 auf dem Original den "Fall Hagenbuch" spielte. Schließlich war Kessler, 32 Jahre lang Hüschs Manager, selbst Produzent dieses Theaterstücks.
"Zitate" nennt der Fünfundfünfzigjährige solche Erinnerungsstücke, die wie die Hagenbuch-Bühne oder die frühere Orgel von Hüsch nun die frisch renovierten Räume schmücken. Die bei einer Aufführung in den zwanziger Jahren benötigte Couch soll im neu angelegten Wintergarten aufgestellt werden. Damit sich die Besucher - die während der Aufbauphase nur nach Voranmeldung das Archiv nutzen dürfen - wie im Kabarett fühlen, ist in einem der Gänge eine rotschwarz getünchte Bar im Retro-Stil installiert worden. "So bekommt es musealen Charakter, wird für Besucher attraktiver" sagt Kessler.
Immer noch sind es die Gesamtnachlässe bedeutender Künstler, die der von fünf Mitarbeitern betreuten Sammlung Substanz geben. Was Trude Hesterberg, Jürgen von Manger, Fritz Grasshoff, Werner Finck und viele andere ein Leben lang getextet, aufgenommen und gesammelt haben, vermachten sie dem Kabarettarchiv. Auch Dieter Hildebrandt hat versprochen, eines Tages etwas aus seinem Fundus beizusteuern. Jede Woche vergrößert sich der Bestand um rund 500 Objekte. Wenn ein zeitgenössischer Künstler, zum Beispiel Dieter Nuhr, in Mainz aufgetreten ist, kümmert sich Jürgen Kessler darum, möglichst schnell an dessen aktuelle Texte und Bänder zu kommen. Auf seine neueste Idee ist Kessler ganz besonders stolz. Von den Räumen an der Schillerstraße bis zur gegenüberliegenden Kleinkunstbühne "Unterhaus" führt ein "Walk of Fame". Dort sollen in den nächsten Jahren die Signaturen bedeutender Kabarettisten in unsymmetrisch-zackigen, silber glänzenden Sternen verewigt werden.
Der Ursprung des Deutschen Kabarettarchivs liegt in Ostfriesland. Der Graphik-Designer Reinhard Hippen kam mit seiner Sammlung Anfang der sechziger Jahre nach Mainz. Nachdem das Archiv zunächst fast zwei Jahrzehnte lang in Hippens eigener Wohnung untergebracht war, stellte ihm die Stadt Räume im Rathaus zur Verfügung; 1989 übernahm die Stadt schließlich das Lebenswerk. An der Rheinstraße fand man einen geeigneten Standort und in Kessler denn auch den neuen Leiter. Seit dem vergangenen Jahr gibt es eine Kooperation mit Gleichgesinnten aus Bernburg an der Saale: Dort werden Dokumente aus der Kabarettgeschichte der ehemaligen DDR aufbewahrt. Der Fernseh-Comedy, die seit mehreren Jahren als Sonderform des Kabaretts existiert und gleichfalls in Mainz archiviert wird, steht Kessler eher skeptisch gegenüber: "Der Ingo Appelt, der würde doch seine Oma verkaufen für einen Witz." Die Tiefe und Intelligenz des politisch und gesellschaftskritischen Kabaretts werde aber auch die Marktmaschinerien der Spaßgesellschaft überstehen. HOLGER SCHÄFER