Von Hans Riebsamen
16. Juni 2008 Lübeck, Frankfurt, Rom. Armin Müller-Stahl auf dem Weg zu Dreharbeiten. Ein Bestseller von Dan Brown soll verfilmt werden, Tom Hanks spielt die Hauptrolle. 200 Millionen Produktions-Etat. Der deutsche Schauspieler mit Zweitwohnsitz in Kalifornien wählt allerdings einen Umweg. Seine Route lautet: Lübeck, Kleinsassen, Frankfurt, Rom. Kleinsassen? Vor einigen Monaten hat er noch nichts gewusst von diesem idyllisch gelegenen Ort nahe Fulda. Jetzt gibt Müller-Stahl dort Einblicke in seine Seele – indem er in der Kunststation Kleinsassen Bilder zeigt. Eigene Bilder.
Denn Armin Müller-Stahl ist mehr als nur ein Schauspieler. Er ist auch Maler. Und Schriftsteller. Und Musiker. Und Regisseur. Ein Multitalent. Warum er erst im hohen Alter seine Bilder ausstellt? Die Deutschen sind nicht erpicht auf Leute mit einem zweiten Talent“, lautet seine Antwort an die Zuhörer auf der Kunststation Kleinsassen tief in der Rhön. Der Landrat, der Bürgermeister, die Honoratioren, die Intellektuellen, die Neugierigen, die zur Vernissage gekommen sind, merken wohl, dass er sich mit dieser Feststellung nicht beklagen will, sondern dass er lediglich charmant kokettiert. Natürlich sind die Deutschen erpicht auf die Bilder eines Hollywood-Schauspielers aus deutschen Landen. Wer wüsste das besser als Armin Müller-Stahl.
Zeichnerisches Tagebuch
Später, im Gespräch, erzählt Müller-Stahl, dass es ihn in Wirklichkeit nie innerlich getrieben habe, seine Bilder zu veröffentlichen. Obwohl er sein Leben lang gemalt hat, das Malen ihm oft Glück und Erfüllung verschafft hat. Vor vielen, vielen Jahren, als der DDR-Star den Arbeiter- und Bauernstaat verlassen hatte, drängten Freunde ihn, seine Skizzen und Zeichnungen auszustellen. Erst wenn ich 70 bin“, sagte er damals mit Vierzig. Und als er dann tatsächlich 70 war, wurde er an dieses eigentlich nicht ernst gemeintes Versprechen erinnert. So kam es zur ersten Ausstellung des Malers Armin Müller-Stahl Anfang 2001 im Filmmuseum Potsdam.
Hätte er gewusst, dass seine Bilder geschätzt werden und Anerkennung finden, vielleicht wäre es dann schon vor 30 Jahren zu dieser ersten Ausstellung gekommen. Doch Müller-Stahl war nicht richtig überzeugt von der Qualität seiner Zeichnungen, Acrylgemälde, Lithographien. Komponieren und zeichnen fallen mir leicht – deshalb glaubte ich, die Arbeiten könnten nicht viel wert sein.“ Sie sind aber doch etwas wert, nicht nur künstlerisch, wie die Kritiker ihm nach der ersten Schau bestätigt haben. Auch materiell. Ein Müller-Stahl kostet mittlerweile ein paar Euro. Für Komponistenporträts wie die von Verdi, Reger oder Wagner auf großformatiger Leinwand muss man immerhin 14.000 Euro hinlegen. Kleine Arbeiten auf Papier kann man auch schon für 3000 Euro bekommen. Noch.
Das Skizzieren ist dem Schauspieler zur zweiten Natur geworden. Bei Dreharbeiten am Set greift er zum Zeichenblock und porträtiert seine Kollegen: Steven Spielberg, Billy Wilder, David Bennet. Auf Reisen verarbeitet er mit dem Stift seine Eindrücke in Blättern mit Titeln wie Bush ist verrückt“, World Trade Center“, Terrible Trip“. Musik verwandelt sich dank seiner Zeichnerhand in Porträts großer Komponisten und Instrumentalisten. Armin Müller-Stahl führt sozusagen zeichnerisch Tagebuch, hält seine Erlebnisse und Begegnungen malerisch fest. Auch das Interview an diesem Sonntagmorgen in Kleinsassen. Müller-Stahl antwortet – und skizziert gleichzeitig mit wenigen Strichen den Fragesteller.
Eine Auszeichnung für die Region
Kleinsassen. Das ist auch für den vielgereisten Müller-Stahl eine besondere Erfahrung. Eigentlich kennt er die Rhön, seine Frau stammt aus dieser Region. Doch die Kunststation mitten auf dem Dorf hat ihn doch sehr überrascht. Talente fänden sich oft dort, wo man sie nicht vermute, sagt er in Anspielung auf sein lange verkanntes Maltalent. Hier hat er ein besonderes Talent der Provinz entdeckt, ein Ausstellungshaus mit schönen Räumen und hohen Ansprüchen. Es sei ein Fehler, sagt Müller-Stahl, dass Kunst sich in Großstädten zusammenballe, in dieser fast vergessenen Natur komme sie in bester Weise mit der Landschaft zusammen. Hier könnte sogar eine Kuh für zwei Stunden glücklich sein“, flachst er. Es bleibt offen, ob er mit hier die Ausstellungshalle oder die Rhön meint.
Die Vernissage-Gäste sind jedenfalls glücklich, darüber, dass der berühmte Schauspieler offensichtlich glücklich ist an diesem Sonntagmorgen in ihrer Kunsthalle mit ihnen und seinen Bildern. Dass Müller-Stahl hier ausstelle, sei eine Auszeichnung für die Region, sagt der Landrat. In seiner knappen Rede schwingt auch unverhohlener Stolz auf die Kunststation mit, schließlich hat der Kreis erheblich dazu beigetragen, dass das ehemalige Schulhaus 1979 zu einem Ausstellungsgebäude mit 1100 Quadratmeter Ausstellungsfläche umfunktioniert werden konnte. Ja, es ist ein großer Tag für den Landrat. Und auch für Armin Müller-Stahl: Ich bin von mir selbst beeindruckt“, sagt er voller freundlicher Selbstironie. Der Landrats dagegen verabschiedet sich. Adieu Kunst, die Amtspflicht ruft. Ich muss jetzt zur Kreistierschau.“ Etwas Selbstmitleid schwingt mit in dieser Entschuldigung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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