08. August 2007 Dass Jungen und Mädchen aus Zuwandererfamilien auch der zweiten oder dritten Generation im Vergleich zu deutschen Mitschülern im schulischen Werdegang benachteiligt sind, ist oft beschrieben worden. Das bestätigt auch die erste Studie über Gesundheit und Schultauglichkeit Wiesbadener Kinder, die das städtische Amt für Wahlen, Statistik und Stadtforschung vorlegt. Die Untersuchung zeigt aber auch: Noch entscheidender als der sogenannte Migrationshintergrund für Erfolg oder Misserfolg vor allem beim Start in die Schule ist für ein Kind, ob und wie lange es eine Kindertagesstätte (Kita) besucht hat.
Die Studie basiert auf den Ergebnissen der Schuleingangsuntersuchungen, die für alle Kinder verpflichtend sind und deshalb den wohl zuverlässigsten Überblick über Präventionsstatus und Gesundheitszustand einer ganzen Altersgruppe liefern können. Und weil die städtischen Statistiker erstmals die entsprechenden Daten von etwa sechs Jahrgängen – pro Jahr etwa 2800 Kinder – in den Blick genommen haben, war es ihnen möglich, bestimmte Entwicklungen auch über die Jahre hin nachzuverfolgen.
Besuch von Kindergärten ist entwicklungsfördernd
Ärzte des Gesundheitsamt untersuchen dazu die Kinder und stellen fest, ob sie die nötige Schulreife besitzen. Ihre entsprechenden Empfehlungen sind zwar nicht bindend, werden aber in der Regel sowohl von den Eltern als auch den zuständigen Schulen akzeptiert. Zwischen 85 und 88 Prozent der in den sechs Jahren untersuchten Wiesbadener Kinder konnten die Ärzte – bei stabiler Tendenz – für den Besuch einer Regelschule empfehlen. Für die übrigen wurden Alternativen vorgeschlagen, am häufigsten die Zurückstellung in eine Vorklasse.
Von besonderen“ Schulempfehlungen betroffen sind laut Untersuchung Jungen häufiger als Mädchen und Kinder mit kurzer Kindergartenzeit eher als Kita-Erfahrene“ und überdurchschnittlich oft auch Kinder mit Migrationshintergrund. Benachteiligt scheinen da vor allem türkische Kinder, von denen jedes fünfte nicht normal“ eingeschult werden konnte.
Ein mehrjähriger Besuch eines Kindergartens erleichtert auf jeden Fall den Einstieg in die Grundschule“, haben die Statistiker festgestellt. Das erkennen mittlerweile offenbar auch immer mehr Eltern. Denn immerhin 90 Prozent der Wiesbadener Jungen und Mädchen entsprechenden Alters haben mindestens zwei Jahre lang eine Kita besucht, bevor sie in die Grundschule wechselten, und die Zahl derer, die drei Jahre und länger in einen Kindergarten gegangen sind, ist von 49 Prozent im Jahr 2001 auf 67,2 Prozent 2006 gestiegen. Mangelnde Kita-Erfahrung allerdings wurde immer noch bei jedem zehnten Kind registriert.
Türkische Kinder schneiden bei Prüfungen schlecht ab
Daten zu Körpergröße und Gewicht der Wiesbadener Schulanfänger liegen erst für einen Zeitraum von vier Jahren vor. Übergewichtig waren im Durchschnitt der Jahre 2003 bis 2006 knapp zwölf Prozent aller Wiesbadener Kinder im Vorschulalter, rund fünf Prozent waren sogar fettleibig (adipös). Kinder ausländischer Herkunft sind von beidem besonders häufig betroffen. Bei türkischen und italienischen Jungen und Mädchen wurde jedes fünfte als zu dick diagnostiziert, während ihre Altersgenossen mit osteuropäischen Wurzeln in dieser Hinsicht eher unauffällig waren.
Spezielle Tests, mit deren Hilfe sich Entwicklungsauffälligkeiten in Körperkoordination, Visuomotorik (Übertragungsfähigkeit des Gesehenen auf die Handmotorik) und bei Sprachkenntnissen angeblich objektiv diagnostizieren lassen, haben im vorigen Jahr 39 Prozent aller untersuchten Kinder fehlerlos bestanden. 41 Prozent der Kinder haben bei einer oder zwei der insgesamt sechs Aufgaben Auffälligkeiten gezeigt, und 20 Prozent hatten bei drei oder noch mehr Tests größere Probleme.
Deutliche Unterschiede bei der Bewältigung der Aufgaben zeigten sich zwischen den Geschlechtern: 44 Prozent der Mädchen absolvierten alle sechs Tests anstandslos, bei den Jungen nur 34 Prozent. Noch gravierender aber waren die Unterschiede zwischen den Nationalitäten: Immerhin jedes zehnte Kind türkischer Herkunft schaffte von den sechs Prüfungen“ maximal eine einzige, und nur jedes fünfte türkische Kind hatte keinerlei Probleme mit den gestellten Aufgaben. Kinder mit mehrjähriger Kita-Erfahrung schnitten aber auch dabei insgesamt überdurchschnittlich gut ab.
Die Broschüre Wie gesund sind Wiesbadens Schulanfänger? - Statistischer Bericht 1/2007 kann für 15 Euro zuzüglich Versandkosten beim Amt für Wahlen, Statistik und Stadtforschung bezogen werden; Online-Bestellung unter http://www. wiesbaden.de/statistik.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP