Von Eberhard Schwarz
03. Juli 2008 Alternative Energien waren für die Post schon frühzeitig ein Thema: Seit den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vertraute die Deutsche Reichspost auch auf Elektroautos im typischen Gelb. In den Jahren 1938/39 waren bei ihr etwa 2600 mit Strom betriebene Fahrzeuge im Einsatz. In der Maschinenfabrik Esslingen wurde 1952 das Modell EL 2500 E gefertigt; das Elektrofahrzeug brachte es mit einer Motorleistung von 12,5 Kilowatt auf eine Höchstgeschwindigkeit von immerhin 28 Kilometern pro Stunde. Bis 1975 war es bei der Post in Freiburg im Einsatz.
Der Traditionsfarbe Gelb blieb die Post mit nur einer Unterbrechung treu: In den dreißiger Jahren wechselten Briefkästen, Telefonzellen und Fahrzeuge das Aussehen und präsentierten sich während der Jahre des Nationalsozialismus in einem kräftigen Rot, wie etwa ein Kleinlastwagen der Marke Bergmann belegt, der damals beim Zustellen von Paketen in der Stadt gute Dienste leistete.
Motorisierte Schätze aus vergangenen Jahrzehnten
Eine lange Geschichte hat ein Kastenlieferwagen des Typs 4 RL/K hinter sich, der 1930 von der Phänomen-Werke Gustav Hiller AG, Zittau, hergestellt und an die Reichspostdirektion Dresden ausgeliefert wurde. Fortan war er mit dem früheren amtlichen Kennzeichen RP 11.043 in Postdiensten unterwegs. 1938 wurde das Fahrzeug verkauft und vom neuen Eigentümer bis 1990 genutzt – zuletzt als Traktor im Gartenbau. Dafür war es um etwa einen Meter verkürzt worden und hatte die Hinterachse eines anderen Autos erhalten. Spuren davon sind heute nicht mehr zu erkennen; das Fahrzeug mit seiner makellosen gelben Lackierung wirkt gewissermaßen postfrisch: In einer aufwendigen Restauration gelang es, alle Eingriffe zu beseitigen und den Phänomen“ komplett neu aufzubauen.
Alte Postomnibusse stehen neben einem betagten gelben Volkswagen-Bus mit zwei Antennen auf dem Dach und der Aufschrift DBP Funkmessdienst“. Gelbe VW Käfer haben ihren Platz neben Motorrädern der Deutschen Reichspost oder Mopeds gefunden, wie sie bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts dem Postboten die Zustellung von Briefen erleichterten, wenn die Empfänger an der Peripherie der Städte – etwa auf Aussiedlerhöfen – lebten.
Im Depot des Frankfurter Museums für Kommunikation in Heusenstamm werden motorisierte Schätze aus vergangenen Jahrzehnten aufbewahrt, die geeignet sind, das Herz von Oldtimerfreunden schneller schlagen zu lassen. Rund 15 000 Quadratmeter stehen seit dem Jahr 2000 im Gebäude des ehemaligen Fernmeldezeugamts an der Philipp-Reis-Straße für die Sammlungen zur Verfügung; vorher war das Depot auf verschiedene Standorte in Frankfurt und Heusenstamm verteilt. Aufbewahrt würden typische Fahrzeuge, die das Straßenbild zu ihrer Zeit geprägt haben“, erläuterte Lioba Nägele, die als Referentin Sammlungen seit 2002 in Heusenstamm tätig ist.
Briefkästen nach Berlin
1872 hatte Generalpostmeister Heinrich von Stephan das Reichspostmuseum, das heutige Museum für Kommunikation, in Berlin gegründet, das zunächst in den Räumen der Post zu finden war, ehe ein Neubau entstand. 1898 wurde das Haus eröffnet; es gilt als das älteste Postmuseum der Welt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde der größte Teil der Sammlung ausgelagert und bei Kriegsende von den Amerikanern nach Hessen gebracht. Dies bildete den Grundstock für das 1958 in Frankfurt gegründete Bundespostmuseum, das heutige Museum für Kommunikation, das zunächst in einer Gründerzeitvilla untergebracht war und 1990 um einen Neubau erweitert wurde.
Im Zuge der Postreform wurde 1995 die Museumsstiftung Post und Telekommunikation ins Leben gerufen, die seither von der Deutschen Post und der Deutschen Telekom finanziell getragen wird. In den folgenden Jahren strukturierte die Stiftung die bestehenden Sammlungen um und löste verschiedene kleinere Museen und Schausammlungen der Bundespost auf. Die Bestände wurden in die heutigen, von der Stiftung geführten Museen für Kommunikation in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Nürnberg integriert. Außerdem übernahm die Stiftung das Archiv für Philatelie“ in Bonn.
Vor wenigen Jahren wurden die Schwerpunkte der Sammlungen in Berlin und Frankfurt neu gesetzt: Während in Berlin postgeschichtliche Themen im Vordergrund stehen, richtete sich der Standort Frankfurt auf die Telekommunikationshistorie aus. Die historischen Briefkästen etwa verließen das Heusenstammer Depot in Richtung Berlin; im Gegenzug wurden von dort Stücke mit fernmeldetechnischem Schwerpunkt geliefert. Die historischen Postfahrzeuge – darunter auch Postkutschen, die in den dreißiger Jahren originalgetreu nachgefertigt wurden – blieben aus Platzgründen in Heusenstamm. Insgesamt etwa 375 000 Objekte werden im dortigen Depot aufbewahrt.
Besucher darf selbst Hand anlegen
Die Fahrzeuge im Erdgeschoss machen davon nur einen Teil aus. In den Magazinen im Keller sind weitere Exponate zu finden, die technikbegeisterte Menschen faszinieren. In die Zeit, als Faxgeräte und Internet noch nicht erfunden waren, führen etwa Fernschreibgeräte in den unterschiedlichsten Variationen zurück, die in Reih und Glied aufgestellt darauf warten, für eine Ausstellung angefordert zu werden. Elf schwarze Tisch-Telefonapparate, mit altmodischen Wählscheiben ausgestattet, wurden funktionsbereit an ein Klein-Amt für den Selbstwähldienst angeschlossen. Hier darf der Besucher selbst Hand anlegen: Beim Wählen einer Nummer beginnt es zu rattern; gleichzeitig bewegen sich kleine Einzelteile des Vermittlungsmechanismus, ehe der angewählte Apparat klingelt. Kinder, die an einer Führung durch das Depot teilnähmen, drückten häufig durch die Löcher der Wählscheibe auf die Zahlen und könnten sich nicht vorstellen, dass man früher die Scheibe habe drehen müssen, so Nägele, die mit zwölf Mitarbeitern in der Sammlungsabteilung in Heusenstamm tätig ist.
Klappenschränke, mit denen Ferngespräche dereinst von Hand vermittelt wurden, hat das Depot natürlich auch zu bieten. Die Telefonsammlung gehört zu den größten in Europa. Originalapparate von Philipp Reis sind darunter. 2006 kaufte das Depot mehrere guterhaltene bayerische Tischstationen von 1892 aus einer Haushaltsauflösung auf. Die Stücke hatten zuvor etwa 70 Jahre auf einem Dachboden gelegen. Für Nägele, die Kulturhistorikerin ist, war der Fund sensationell“, denn bisher habe man von diesem Gerätetyp kein Original gekannt.
Wissen um Gebrauch zu dokumentieren ist Herausforderung
Alte Schwarzweißkameras, wie sie in den fünfziger und sechziger Jahren in Fernsehstudios zum Einsatz kamen, eine breite Auswahl an Schwarzweiß- und Farbfernsehgeräten, voluminöse Musiktruhen, die das Lebensgefühl früherer Jahrzehnte widerspiegeln, aber auch Edison-Walzen oder eine Vox-Diktiermaschine von Ende der zwanziger Jahre, die das gesprochene Wort auf Draht konservierte, sind beim Gang durch die Magazine zu entdecken.
Ein ziemlich mitgenommener sogenannter Linienverzweiger, der mit einem für Laien unübersichtlichen Kabelsalat den Übergang der Telefonleitungen von den Ämtern zu den Hausanschlüssen besorgte, dürfte aus den zwanziger oder dreißiger Jahren stammen. In der DDR blieb das Teil bis in die achtziger Jahre in Funktion, wie eingebaute Technik aus dieser Zeit dokumentiert. Nach Nägeles Worten gehört zu den Aufgaben des Depots nicht nur, alte Technik aufzubewahren, sondern auch, das Wissen zu dokumentieren, wie etwas funktioniert habe. Dies sei eine der Herausforderungen für uns“.
Führungen bietet das Depot des Museums für Kommunikation in Heusenstamm, Philipp-Reis-Straße 4–8, an jedem ersten Freitag im Monat um 14 Uhr an. Der Gang durch die Magazine dauert etwa 90 Minuten; der Eintritt kostet 2,50 Euro. Interessenten sollten sich vorher unter der Rufnummer 0 61 04/4 97 72 10 anmelden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt