Hochschulen

Gießener Medizin-Professoren für Privatisierung des Uni-Klinikums

Von Thorsten Winter

30. November 2004 In der Diskussion um die Zukunft des Gießener Uni-Klinikums zeigen die Kliniks- und Institutsdirektoren nun unmißverständlich Flagge. Die 53 Medizin-Professoren sprechen sich in einer am Montag abend veröffentlichten Resolution für eine Übernahme des Klinikums durch einen Kliniks-Konzern und mithin für eine vollständige Privatisierung aus. Folglich nehmen sie Abstand von der Möglichkeit, die Einrichtung als Staatsunternehmen weiterzuführen und für dringliche Bauvorhaben einen privaten Investor zu gewinnen. Gleichzeitig lehnen sie die von der Landesregierung ins Auge gefaßte Fusion mit dem Uni-Klinikum Marburg ab. Die „politisch Verantwortlichen in Hessen“ sollten das „hochschulpolitisch innovative Konzept“ der Privatisierung unterstützen. Bisher haben sich schon die Universität Gießen und der Kliniksvorstand für die Übernahme starkgemacht.

Derweil prüft das Wissenschaftsministerium die Vorstellungen der Konzerne Asklepios, Helios und Rhön-Klinikum für eine Übernahme des Klinikums. Die Konzepte sind bis 18. November von den Konzernen, wie vom Aufsichtsrat der Gießener Einrichtung verlangt, vorgelegt worden. Der Aufrichtsratsvorsitzende und Wissenschafts-Staatssekretär Joachim-Felix Leonhard hat zugesagt, die Konzepte ergebnisoffen zu sichten. Die Prüfung dient nach seinen Worten dazu, die nächste Sitzung des Aufsichtsrats am 15. Dezember vorzubereiten. Leonhard geht demnach davon aus, daß das Gremium an diesem Tag eine Entscheidung werde treffen können.

Gießener Klinikum fehlen 200 Millionen Euro

Außerdem beschäftigt sich das Ministerium auch mit dem Marburger Vorstoß, die mittelhessischen Uni-Kliniken in einer Stiftung zusammenzuführen. Die Idee ist indes von den Gießener Medizin-Professoren umgehend verworfen worden: Eine Stiftung wäre nicht in der Lage, den aufgelaufenen Investitionsstau in Gießen aufzulösen, heißt es.

Dem Klinikum fehlen rund 200 Millionen Euro. Dieses Geld wird benötigt, um den Anforderungen an ein modernes Hochschul-Klinikum gerecht zu werden. Das Land kann die Mittel nach eigenen Angaben nicht aufbringen. Der Investitionsstau ist aufgelaufen, weil das Gießener Klinikum in den vergangenen Jahren im Vergleich zu den Einrichtungen in Frankfurt und Marburg klar benachteiligt worden ist: „Seit 1975 wurden in den Medizinstandort Frankfurt 635 Millionen Euro investiert, in Marburg 454 Millionen Euro und in Gießen 187 Millionen Euro“, heißt es in der Resolution.

Besonders seit 1998 ist die Schere weiter ausgegangen: Während Bund und Land jeweils mehr als 30 Millionen in die Kliniken in Frankfurt und Marburg gesteckt haben, hat Gießen weniger als fünf Millionen Euro erhalten, wie das Bundesforschungsministerium (BMBF) mitgeteilt hat. Die schlechte bauliche Standard ist nach Angaben des Kliniksvorstands die Ursache des wachsenden Millionen-Defizits im laufenden Betrieb.

„Klinikum ohne Bauerneuerung nicht überlebensfähig“

„Ohne eine baldige entsprechende Investition in die Bauerneuerung ist das Universitätsklinikum und mit ihm der Fachbereich Medizin der Justus-Liebig-Universität nicht überlebensfähig“, warnen die Professoren. Da eine Fusion mit Marburg aus ihrer Sicht einer „schleichenden Auszehrung“ von Gießen und mithin einer „Fusionsschließung“ gleichkäme, ist für sie eine Übernahme durch einen Konzern die „einzige realistische Alternative“. Die Idee, eine Stiftung zu bilden, wird in Gießen als Störfeuer interpretiert: Marburg fürchte eine Übernahme des Klinikums, da dieses als Flaggschiff eines Konzerns ungleich mehr Kapital hinter sich hätte als die Marburger Einrichtung. Dessenungeachtet schreiben sich die Gießener eine führende Position in der hessischen Medizin zu. Dafür spreche die Zahl der begehrten Sonderforschungsbereiche, klinischen Forschergruppen, Graduiertenkollegs und BMBF-Förderschwerpunkten sowie die Steigerung der Patientenzahl um sieben Prozent im laufenden Jahr.

Angesichts dieser Gemengelage fordern die Kliniks- und Institutsdirektoren einmütig, das von ihnen befürwortete Betreibermodell durch den Wissenschaftsrat „regulär prüfen sowie im weiteren Verlauf seiner Umsetzung evaluieren zu lassen“. Das Wissenschaftsministerium in Wiesbaden äußerte sich nicht zu der Resolution. Die Vorschläge der Klinik-Konzerne seien eingegangen und würden geprüft. Am 15. Dezember tage der Aufsichtsrat des Gießener Klinikums. „Dann sehen wir weiter“, sagte Sprecherin Adrienne Lochte.

Text: @thwi

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