Familienfreundlichkeit in Unternehmen

Die Steueroase will auch Kinderparadies sein

Von Tim Kanning

15. Mai 2008 Eschborn kann in seinen Kindergärten bald die Türklinken vergolden lassen. So lautet eine der gängigsten Sticheleien, wenn Frankfurter gegen die Steueroase im Umland frotzeln. Schließlich kann sich die Stadt ihren günstigen Gewerbesteuersatz, der zuletzt die Deutsche Börse aus Frankfurt weglockte, vor allem deswegen leisten, weil sie außer Kindergärten vergleichsweise wenig öffentliche Infrastruktur zur Verfügung stellen muss.

Auf vergoldete Klinken wird dennoch vorerst verzichtet. Stattdessen sind die Kindergartenplätze für den Eschborner Nachwuchs aber kostenlos. Und auch sonst geht die Gemeinde bei der Kinderbetreuung durchaus ihre eigenen Wege. So kann jeder, der Kinderbetreuungsplätze einrichtet, egal ob Nachbarschaftsverein, kommunaler oder freier Träger, mit einer Anschubfinanzierung durch die Stadt rechnen. Nach Angaben von Sabine Dalianis von der Koordinierungsstelle Frauen, Familie und Beruf stehen bereits für 40 Prozent der Eschborner Kinder unter drei Jahren Krippenplätze zur Verfügung.

Kinder-Zuschüsse auch für Pendler?

Am 27. Mai will der Magistrat darüber entscheiden, ob Pendler für diese Art der Kinderbetreuung die gleichen Zuschüsse bekommen wie die Menschen, die hier wohnen. Laut Dalianis kommen täglich 30.000 Menschen nach Eschborn zum Arbeiten, 20.000 wohnen hier. Für die sei es ein enormer Vorteil, wenn sie ihre Kinder nah bei der Arbeit und zu flexiblen Zeiten in Betreuung geben könnten.

Unterstützt wird die Kinderliebe auch von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, die einer der großen Arbeitgeber in Eschborn ist und kräftig dafür mitwirbt, dass die Kinderbetreuung in der Stadt ausgebaut wird. „Es ist wichtig, dass die Unternehmen auch klar sagen, dass das Thema für sie von Bedeutung ist“, sagt Dalianis. Gunther Ruppel, Vorstandsmitglied bei Ernst & Young, sieht die Familienfreundlichkeit sowohl des Unternehmens als auch der Kommune als wichtigen Wettbewerbsvorteil, wenn es darum geht, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen oder zu halten: „Vor allem Frauen, aber auch immer mehr Männer erkundigen sich schon im Bewerbungsgespräch: Wie sieht es in fünf, sechs Jahren aus, wenn ich mal Familie gründen will?“

Die Wirtschaftsprüfer, die meist projektweise und fernab der Heimat arbeiten, seien auf flexible Kinderbetreuung angewiesen. Daher profitieren sie zum Beispiel von dem Tagesmutter-Netzwerk, das Eschborn anbietet. Unternehmen können sich an der Finanzierung beteiligen, deren Mitarbeiter dann auch spontan ihre Kinder in Betreuung geben, wenn sie auf Geschäftsreise müssen. Zudem hat Ernst & Young in der Kindertagesstätte vor Ort 30 Plätze für Kinder seiner Angestellten reserviert. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu gewährleisten sei für das Unternehmen auch deshalb wichtig, weil viele der Mitarbeiter von ihren Auslandseinsätzen hohe Standards gewohnt seien, sagt Ruppel weiter.

Eschborn will offenbar nicht mehr nur als Steueroase, sondern auch als Kinderparadies von sich reden machen. Dafür hat man ein „Lokales Bündnis für Familie“ gegründet, in dem die Stadt in enger Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Ernst & Young die Kinderbetreuung organisiert. Dalianis leitet das Bündnis. In Deutschland gibt es inzwischen 484 solcher Verbünde, sie werden vom Bundesfamilienministerium unterstützt. Heute informieren etwa die Hälfte von ihnen im Rahmen des „Aktionstages Familie“ über Möglichkeiten, Kinder und Karriere zu verbinden. In Eschborn können sich Unternehmer, Betriebsräte und andere Interessierte um 19 Uhr im großen Sitzungssaal des Rathauses darüber informieren, welche Zuschüsse für familienfreundliche Maßnahmen es gibt oder wie ein Unternehmen von mehr Familienförderung profitiert.

Kranken- und Fehlzeiten dank Fluggiland gesunken

Auch Herbert Mai, der im Vorstand der Fraport AG für das Personal zuständig ist, hebt gerne hervor, dass Kinderbetreuung nicht nur für die Mitarbeiter von Vorteil ist, sondern auch für das Unternehmen: „Die Motivation wird besser und die Leistungsfähigkeit steigt, wenn die Mitarbeiter ihre Kinder ordentlich unterbringen können.“ Auch die Kranken- und Fehlzeiten seien gesunken, seit Fraport das Fluggiland eröffnet habe. In die Einrichtung in Kelsterbach, die von 6.30 bis 22.30 Uhr geöffnet ist, können Mitarbeiter ihre Kinder bringen, wenn die übliche Tagesmutter mal ausfällt.

In Kooperation mit Infraserv, Sanofi Aventis und der Stadt Frankfurt betreibt Fraport zudem die Kindertagesstätte „Kinder-Arche“ in Sindlingen. Neu dazugekommen sei nun auch noch die Lufthansa, so Mai. Insgesamt haben die Unternehmen dort 30 Plätze. Wenig zwar, wenn man bedenkt, dass die vier Unternehmen zusammen einige zehntausend Menschen in der Region beschäftigen. Doch Mai hebt hervor, dass das Angebot schließlich nur als Ergänzung zu den kommunalen Einrichtungen gedacht sei. Außerdem befinde man sich noch in der Testphase. Dass bereits jetzt Wartelisten von drei Jahren bestünden, wertete er als positive Resonanz und Signal, die Kinderbetreuung weiter auszubauen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Cornelia Sick

 

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