Von Agnes Schönberger, Großostheim
01. Juli 2009 Navigationsgeräte sind für ortsunkundige Autofahrer eine feine Sache. Wenn das Kartenmaterial allerdings fehlerhaft ist, kann das für die Menschen in den betroffenen Wohngebieten zum Albtraum werden. Im Großostheimer Ortsteil Ringheim leiden die Anwohner rund um den Mittelweg nicht nur unter dem Schleichverkehr der Lastwagen, die den kürzesten Weg mitten durch das Wohngebiet ins benachbarte Schaafheim suchen. Ganz schlimm trifft es die Menschen an der Piusstraße. Weil die meisten Navigationsgeräte die Straße als durchgehende Verbindung vom Mittelweg ins nördlich gelegene Gewerbegebiet ausweisen, landen immer wieder Lastwagen und 40-Tonner in dem schmalen Sackgässchen. Dort hängen sie dann fest, denn es gibt keine Wendemöglichkeit.
Großostheim ist nicht die einzige Gemeinde, die unter einem Fehler in der Software von Navigationsgeräten leidet, wie eine Ende vergangenen Jahres veröffentlichte Untersuchung des ADAC beweist. Mehr als 1600 Gemeinden, 300 Kreise und 150 Polizeidirektionen waren angeschrieben worden. Das Ergebnis der Erhebung ist eindeutig: 61 Prozent der Kommunen haben Verkehrssorgen aufgrund von Navigationsgeräten, die überwiegend von Lastwagen benutzt wurden. Wie in Ringheim entstehen die meisten Schwierigkeiten mit Lastwagen, die nicht mehr wenden können, weil sie sich in Wohngebiete verirrt haben oder in Sackgassen geraten sind. Viele Lastwagenfahrer folgen zudem Routen, die aus Sicht der Gemeinden für sie ungeeignet sind. Schuld an den Irrfahrten sind allerdings nicht immer die elektronischen Helfer, sondern häufig ignorierten die Fahrer auch Hinweisschilder oder missachteten Beschränkungen vor Ort, heißt es in der Studie. Als Reaktion auf die Untersuchung wird sich heute ein Arbeitskreis des Deutschen Städtetags in Köln mit dem Thema befassen.
Könnte ich den finanziellen Verlust verschmerzen...
In Ringheim kennt man die Situation. Gestresste Lastwagenfahrer steuern ihren Lastzug rückwärts aus der Piusstraße heraus, gefährden dabei Fußgänger und beschädigen manches Mal beim Rangieren auch die Zäune. Weil sich das Ganze direkt unter den Schlafzimmerfenstern abspielt, sind die Anwohner mit ihren Nerven am Ende. In der Nacht zum Montag seien er und seine Frau gegen 3.30 Uhr durch einen 18-Tonner mit laufendem Kühlgerät geweckt worden, erzählt ein Anwohner der Piusstraße, der seit acht Jahren in Ringheim lebt. Könnte ich den finanziellen Verlust verschmerzen, so würde ich mein Haus lieber heute als morgen verkaufen und an einen ruhigeren Ort ziehen, sagt der Mann.
Berufsverkehr habe es auf dem Mittelweg schon immer gegeben, räumt er ein. Doch 2004 baute GLS im Gewerbegebiet in Schaafheim ein Paket-Sortierzentrum, und seitdem donnerten verstärkt Sprinter und Lastwagen durch die Straße. Aber auch viele Speditionen und Gewerbebetriebe nutzen die Ringheimer Ortsdurchfahrt als Abkürzung von und nach Schaafheim. Ganz schlimm wurde es vor drei Jahren. In den Navigationsgeräten wurde der Mittelweg nicht nur als kürzeste Verbindung ins Ringheimer sowie Schaafheimer Gewerbegebiet ausgewiesen, sondern die Lastwagen wurden auch noch in die kleine Piusstraße geleitet. Genervte Bürger und die Marktgemeinde wiesen die beiden Hersteller von Navigationskarten, Tele Atlas und Navteq, früh auf den Fehler hin. Doch bis heute wurde dieser nicht korrigiert. Wer sich ein Bild von der Situation machen möchte, kann sich im Internet auf Youtube zwei Videofilme anschauen.
Buchten verengen die Straße
Die Anwohner sprechen von untragbaren Zuständen. Sie fühlen sich auch von der Gemeinde im Stich gelassen, weil diese ihrer Meinung nach in den vergangenen drei Jahren nichts getan hat, um den Verkehr zu reduzieren. Zwar ist der Mittelweg als Tempo-30-Zone ausgewiesen, und Buchten verengen die Straße. Doch das reicht ihnen nicht. Nach anhaltenden Protesten will Bürgermeister Hans Klug (CSU) nun handeln. Im Herbst soll zunächst probeweise für sechs Monate ein Nachtfahrverbot für Lastwagen auf dem Mittelweg erlassen werden. Wenn sich der Verkehr in dieser Zeit nachweislich um 50 Prozent reduziert, soll das Verbot dauerhaft gelten.
Allerdings gibt es eine Ausnahme: Solange die marode Kreisstraße nach Schaafheim nicht ausgebaut ist, müssen Gefahrguttransporter weiter durch das Wohngebiet fahren, da die Kreisstraße durch ein Wasserschutzgebiet führt. Die Gemeinde will außerdem schon am Ortseingang von Ringheim mit einem Firmenwegweiser auf die wichtigsten Unternehmen in dem Gewerbegebiet Alte Häge aufmerksam machen. Nach Ansicht des ADAC können unkonventionelle Hinweisschilder kurzfristig helfen, das Problem zu lösen. Vorgeschlagen wird ein Plakat, das vor einer entscheidenden Kreuzung ein Foto von steckengebliebenen Lastwagen zeigt. Aber auch verschärfte polizeiliche Überwachung und konsequente Ahndung der Verstöße könnten so manchen Brennpunkt entschärfen, gibt sich der Automobilclub ungewohnt streng.
Text: F.A.Z.