Von Heike Lattka
15. Juli 2008 Die grün markierten Areale gruppieren sich wie ein Flickenteppich um Flörsheim, und die Mitglieder der Ortsgruppe vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wissen, welche Herkulesaufgabe sie sich für die nächsten Monate vorgenommen haben. Bernd Zürn, Wolfram Niebling und Heinz Hergenhahn machen als Vertreter der BUND-Ortsgruppe mit bei der Kartierung der hessischen Streuobstwiesen. Mit einem Fragebogen ausgestattet, sollen die Naturschützer alle Obstbäume, die auf mindestens 1.000 Quadratmeter großem Gelände stehen, einzeln begutachten und statistisch möglichst genau erfassen.
Allein zur Flörsheimer Gemarkung zählen 250 Flächen. Gefragt wird nach Obstsorte, Alter, Baumhöhen, Nistkästen und dem jeweiligen Pflegezustand. Diese erste Kartierung der Streuobstwiesen seit Jahrzehnten stößt vor allem im Main-Taunus-Kreis auf großes Interesse. Denn in dem Kreis zwischen Eschborn und Hochheim gibt es mehr Obstbäume als Einwohner: rund 244.000.
4.000 Obstbäume nachgepflanzt
Der Main-Taunus-Kreis ist damit statistisch gesehen der Obststandort Nummer eins in Hessen. Doch auch hier ist die Zukunft der Streuobstwiesen bedroht. Auf der Fläche im Main-Taunus-Kreis könnten normalerweise rund 400 Tonnen Obst im Jahr geerntet werden, berichtet Barbara Helling, Geschäftsführerin des Vereins Streuobstwiesen Main-Taunus. Doch der Ertrag der oft überalterten Bäume liege gerade einmal bei 40 Tonnen. Dieses alarmierende Indiz für einen möglichen Rückgang der Bestände deckt sich mit den Kenntnissen der Naturschützer: Seit den fünfziger Jahren seien in Hessen mehr als 80 Prozent der Streuobstwiesen verschwunden, erläutert Zürn. Mit der Kartierung wolle der BUND auf diese dramatische Entwicklung aufmerksam machen und aktuelle Erkenntnisse gewinnen. Neue Zahlen müssen her“, sagt Niebling. Die jüngste Kartierung stamme aus den achtziger Jahren.
Bei ihrem Kampf um das so prägende Landschaftsbild können die Umweltaktivisten mit reger Unterstützung aus dem Hofheimer Kreishaus rechnen: Mit Förderprogrammen setzt sich Umweltdezernent Hans-Jürgen Hielscher (FDP) schon seit langem für den Erhalt der Streuobstwiesen ein. Seit 1993 sind mehr als 300.000 Euro an Zuschüssen geflossen; rund 4.000 hochstämmige Obstbäume wurden nachgepflanzt.
Bäume kühlen und befeuchten die Luft
Dieser Einsatz ist wichtig: Nur im Main-Taunus-Kreis und in der Wetterau gebe es überhaupt noch größere zusammenhängende Baumbestände, sagt Hielscher. Viele Familien seien schon seit Generationen im Besitz ihrer Äcker. Genau so alt wie die Streuobstwiesen seien oft die angebauten Apfelsorten wie Goldparmäne“ oder Freiherr von Berlepsch“, die unter Kennern als besonders schmackhaft gälten, aber im Supermarkt kaum zu finden seien. Unschätzbar sei auch der Wert der Streuobstwiesen für heimische Tiere wie den Steinkauz, Gartenrotschwanz oder Kleinspecht, die allesamt auf der Liste der bedrohten Arten stünden.
Bis zu 5.000 Tier- und Pflanzenarten können in solchen Streuobstwiesen leben, schätzt Niebling. Die alte Kulturlandschaft wirke zudem ausgleichend auf das Klima, indem die Bäume die Luft kühlten und befeuchteten. Deshalb sei es so wichtig, diese Landschaft für spätere Generationen zu bewahren, ergänzt Hergenhahn. Mehr als einen ersten Fingerzeig“ erhofft sich Thomas Norgall, Naturschutzreferent des BUND Hessen, nicht von der landesweiten Aktion. Schließlich müssten ehrenamtliche Helfer diese Aufgabe alleine schultern. Bisher machten rund 30 BUND-Ortsgruppen mit.
Norgall: Es zählt allein der Erlebniswert
Bei aller Sorge um die alten Streuobstwiesen setzt Norgall auf Nachwuchs: Er sehe die Zukunft dieser Kulturlandschaft gar nicht so pessimistisch. Jüngere Menschen schätzten die Arbeit im Obstanbau wieder. Es sei sehr trendy“, Bäume zu bewirtschaften. Als Besitzer eines Obstanbaustücks sei man in“ und kein Sonderling mehr. Statt im Fitnessstudio die Muskeln zu stählen, genössen immer mehr Jugendliche die Arbeit in frischer Luft.
Hielscher bestätigt diese Einschätzung: Das Image des Obstanbaus sei besser geworden. Die Menschen schätzten das Landschaftstypische der Region. Und es sei endlich vorbei mit einer ideologisch überhöhten Debatte. Streuobstwiesen würden heute als Ausgleich zum anstrengenden Erwerbsleben gerne wieder genutzt. Hielscher berichtet vom Projekt Tatort Obstwiesenroute“ für Kinder, das auf immer größeren Zuspruch treffe.
Der klassische Nutzwert, den Besitzer von Streuobstwiesen in der Vergangenheit geschätzt hätten, sei heute weniger wichtig, sagt Norgall. Es zähle allein der Erlebniswert, und er orte sogar eine neue Form von Heimatgefühl“: Wer dem Wachsen seines Apfelbaumes zuschaue, entdecke im scharfen Gegensatz zu seinem schnellen Alltagsleben offenbar ganz neue Aspekte der Beschaulichkeit.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
Mainz stürmt mit 5:0 gegen Wehen Wiesbaden an die ![]()
US-Wahlkampf: Ohne Samthandschuhe in den Schlamm
Hochbauamt Frankfurt: Ausbau des FSV-Stadions teurer
Wie ist die harsche Fan-Kritik an Eintracht Trainer Funkel zu werten?