09. Juli 2007 Irgendwann möchte Lisa am liebsten knurren und bellen. Doch das tut sie nicht, denn Lisa ist keine Hündin, sondern eine dunkelblonde Frau Mitte vierzig, die in der Ecke eines Dachzimmers hockt. Vor einer Viertelstunde, zu Beginn der systemischen Aufstellung, hat sie sich auf den Boden gepresst. Dann richtete sie sich auf, und zwischendurch legte sie sich für einen Moment entspannt auf die Seite. Jetzt sitzt sie einfach nur da und funkelt Markus an, der eigentlich Stefan heißt und Markus’ Stellvertreter ist. Markus hat ein Problem. Es geht um seine Frau Felicitas – und die weint mittlerweile.
Ein paar Stunden zuvor hätten Felicitas und Markus Ungerer (Namen geändert) sicher nicht gedacht, wie schwer dieser Tag für sie werden würde. Die jungen Eheleute stammen aus Süddeutschland und sind nach Eppstein-Ehlhalten im Taunus gefahren, weil sie Schwierigkeiten mit ihrer Hündin haben. Bibi ist zwei Jahre alt und bellt ohne Unterlass.
Warten, was da kommen mag
Das Paar hat fast alles versucht, jetzt sitzen die beiden bei Shan Heinrich Temesváry, einem selbsternannten Hundeschamanen. Sie hoffen, dass er eine Lösung findet. Wir wollen, dass Bibi endlich entspannt ist“, sagt die zierliche Felicitas Ungerer. Mit ihrem Mann, einem schlanken Schwarzhaarigen mit buschigen Brauen, sitzt sie in einem kalten Dachzimmer im Haus Temesvárys und wartet, was da kommen mag.
Die Ungerers warten nicht alleine: Vier weitere Paare haben sich an diesem Samstag im Dreiviertel-Stuhlkreis eingefunden. Von elf bis 18 Uhr wird das dauern, was Temesváry nicht als Therapiesitzung bezeichnet, sondern als Lösen von systemischen Verstrickungen“. Der Schamane glaubt, Hunde seien oft das Ventil für verdrängte Gefühle in der Familie. Der Sechsundvierzigjährige spricht langsam; das und“ wird bei ihm zum Ooohhhnd“, wenn er seinen Ansatz erläutert. Was eine systemische Aufstellung ist, muss er den Teilnehmern nicht erklären. Fast alle haben das schon einmal mitgemacht. Hier kostet es 85 Euro.
Wer die Methode wählt, hat meistens ein Problem. Deshalb stellt er unter Anleitung eines Therapeuten eine Beziehung oder Situation zwischen Menschen nach. Damit der Aufsteller nicht zu stark involviert ist und einen Blick von außen auf das Ganze werfen kann, werden Stellvertreter in einem Raum verteilt. In welcher Reihenfolge das geschieht, bestimmt der Therapeut; wo sie stehen, entscheidet derjenige, der aufstellt. Durch Verschieben der Stellvertreter und bestimmte Dialoge sollen verborgene Abgründe offenbar werden. Eigentlich gibt es das nur für Menschen, Temesváry stellt auch Hunde auf.
Systemische Aufstellung bei Hunden
Felicitas Ungerer ist die Erste an diesem Tag. Sie erzählt kurz, welche Schwierigkeiten Bibi macht, und erwähnt, dass sie und ihr Mann zwei kleine Kinder haben. Temesváry macht sich Notizen. Dann schaut er Ungerer lange schweigend an und nickt. Schließlich beauftragt er sie, den ersten Stellvertreter zu postieren. Felicitas soll ihre Hündin Bibi stellen. Sie geht zum Platz von Teilnehmerin Lisa und fragt, ob die dunkelblonde Frau bereit sei, die Rolle zu übernehmen. Dann führt sie Lisa an den Schultern in die linke hintere Ecke des Raums. Temesváry wartet eine Weile, dann sagt er: Lisa lässt die Wahrnehmung von Bibi in sich aufsteigen.“ Wenig später lässt sich die Frau auf alle Viere sinken, kniet sich dann hin und drückt den Kopf zu Boden. Wie fühlt sich Bibi?“, fragt Temesváry. Die Hündin antwortet: Müde. Ich warte auf was, fühl’ mich alleine.“
Als Peter Schlötter hört, was Temesváry anbietet, ist er zuerst fassungslos. Schlötter hat vor zwei Jahren über die wissenschaftliche Verifizierung von Aufstellungen“ promoviert und arbeitet heute als Coach, vor allem in Unternehmen. Er sagt: So was würde ich nie machen.“ Die Methode des systemischen Aufstellens sei hilfreich, weil sie räumliche Metaphern aufnehme, mit denen Menschen soziale Beziehungen beschrieben, indem sie zum Beispiel sagten: Ich stehe dir nahe.“ (Siehe: „Systemisches Denken“ und Bert Hellinger.)
In seiner Doktorarbeit habe er auch nachweisen können, dass die Platzhalter beim Stellen diese Beziehungen signifikant überindividuell“ empfänden, sich tendenziell also tatsächlich in die ihnen zugedachten Rollen einfänden. Die Stellungen im Raum werden wie Zeichen verstanden, die einen Sinn vermitteln“, erklärt Schlötter. Dieses Raum- und Zeichenverständnis auf Hunde zu übertragen gehe aber viel zu weit. Das Aufstellen könne Beziehungen zwischen Menschen sichtbar machen – aber keine mystischen Zusammenhänge“. Am nächsten Tag meldet sich Schlötter wieder. Jetzt spricht er von den inneren Sinnzusammenhängen eines Menschen“, die er zuvor nicht erwähnt hatte. Eine Aufstellung könne sehr wohl helfen, etwa gegenüber dem Hund eine souveräne Alpha-Tier-Haltung zu entwickeln“.
Das Verhalten des Tieres ist ein Geschenk
Im Dachzimmer hat sich Felicitas Ungerer mittlerweile selbst aufgestellt – sie wird von Teilnehmerin Sarah vertreten. Sarah solle sich in Felicitas einfühlen, sagt Temesváry. Wenig später wippt die Frau hin und her und sagt: Ich bin unheimlich unruhig, habe ein schlechtes Gewissen und will Bibi helfen.“ Und Bibi sagt: Mir ist kalt. Ich will weg.“ Der Hundeschamane lässt Felicitas daraufhin eine dritte, namenlose Person stellen. Als die sich hinlegt, als wäre sie tot, und dadurch in Bibis Blick gerät, richtet sich die Hundevertreterin auf. Sarah wiederum, Felicitas’ Stellvertreterin, bettet den Kopf des Liegenden in ihren Schoß. Nun plaziert Felicitas Ungerer noch ihren Mann Markus (vertreten durch Stefan) und eine fünfte, ebenfalls unbekannte Person.
Mit systemischer Aufstellung bei Hunden arbeitet Shan Heinrich Temesváry nach eigenen Worten seit mehr als zwei Jahren. Seit diesem Jahr verdient er Geld damit. Der ehemalige Marketingkaufmann behauptet, seine Arbeit zeige zu 80 Prozent Erfolg in den ersten vier Wochen nach der Sitzung“.
Dann kommt er auf das Ventil zu sprechen. Viele Hunde tragen ein problematisches Verhalten, damit die Halter kein problematisches Verhalten zeigen müssen.“ Der Schamane geht sogar so weit, den Hund als Fluchtweg für Wut oder Trauer zu definieren. Das Verhalten des Tieres sei deshalb ein Geschenk“. Es spiele dabei keine Rolle, ob Menschen oder Tiere aufgestellt würden. Es sind alles Lebewesen.“ Kollegen arbeiteten mit Pferden, erzählt Temesváry, der das Aufstellen in Seminaren des höchst umstrittenen Gurus der Szene, Bert Hellinger, gelernt haben will.
Der Kern von Bibis Dauernbellen
Dem angeblichen Kern von Bibis Dauernbellen nähern sich derweil auch Felicitas und Markus Ungerer. Temesváry stellt die Repräsentanten im Dachzimmer so um, dass sie sich wohl fühlen und am richtigen Platz“ stehen. Markus’ Stellvertreter Stefan lässt er Sätze sagen wie diesen: Ich wollte es nicht tragen.“ Nach etwa 45 Minuten schließlich steht alles so gut, dass sich die Stellvertreter des Ehepaares in den Arm nehmen. Und Lisa als Bibi sagt: Ich kann jetzt spielen gehen.“ Felicitas Ungerer entlässt die Stellvertreter mit einer Berührung. Pause. Luft holen. Kaffee trinken. Tränen trocknen.
Von langen Analysen hält Temesváry nicht viel. Er glaubt, die Aufstellung gelinge nur, wenn jeder das annimmt, was da ist“. Aktionen im Anschluss seien überflüssig. Nur so viel verrät er: Felicitas habe sich vermutlich noch nicht von einem Verlust befreit (symbolisiert von der wie tot daliegenden namenlosen Person); diese Trauer spüre Hündin Bibi, die deshalb zu stark über Felicitas und deren Gefühle wache und dabei Ehemann Markus als Gegner empfinde.
Ob das stimmt und dem Paar hilft, ist nach Einschätzung von Wissenschaftler Peter Schlötter nicht nachweisbar. Eine Erfolgskontrolle des Hundeschamanen sei unmöglich, sagt er. Diese Kritik gelte für eine systemische Aufstellung wie für alle anderen weichen Methoden“ der Psychotherapie. Das fängt schon mit der Frage an: Was ist krank, was ist gesund?“ Es gebe bisher keinerlei gesicherte Aussagen“ darüber, ob die Methode wirklich erfolgreich sei, oder ob der Erfolg von einer der oft zuvor oder parallel angewandten Methoden herrühre. Felicitas und Markus Ungerer werden nun nach Süddeutschland zurückfahren und warten müssen. Nach einigen Wochen sollte sich etwas ändern bei Bibi, meint Temesváry. Gleich zu Beginn hatte er gesagt, der Erfolg hänge davon ab, wie sehr man sich auf die Arbeit einlassen könne. Am Misserfolg kann ein Schamane nie schuld sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Michael Kretzer