Hessenpark

Pilzbefall in unbeheizten Häusern

Von Bernhard Biener

22. Mai 2008 Es tut sich was in dem beschaulichen Dorf. Das Motordröhnen des Baggers, dessen Schaufel über den Schotter kratzt, kündet vom Einzug moderner Zeiten: In der Hauptstraße wird erstmals ein Kanal verlegt, und einen neuen Belag aus Kopfsteinpflaster gibt’s dazu. Auch das Gerüst am Schulhaus, das einst die Kinder im mittelhessischen Münchhausen besuchten, ist ein Hinweis auf Bauarbeiten. Das Haus aus Eisemroth hingegen ist schon fertig und kann bald wieder dazu genutzt werden, die mühsame Arbeit der Hausfrau zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu demonstrieren.

Faule Stücke im Fachwerk

Ein Stück entfernt sind Mike Brause und Oliver Seifert dabei, die Balken der Schmiede aus Selters auszubessern. Der Dachboden des 200 Jahre alten kleinen Fachwerkhäuschens schwebt an einer Stelle frei, weil der Eckpfeiler entfernt ist. Am typischen Würfelbruch hat Brause erkannt, dass das Holz von Braunfäule befallen war. Auch der Schwamm hat sich breitgemacht. „Wir versuchen, so viel wie möglich zu erhalten“, sagt der Zimmermann aus der Nähe von Dresden, der auf Restaurierungen spezialisiert ist. Seit sechs Wochen ist er mit seinem Kollegen dabei, die faulen Stücke aus dem Fachwerk herauszuschneiden und durch neue zu ersetzen. „Wir sind bestimmt noch zwei Wochen dran“, schätzt er. Dann können andere Experten kommen und die Gefache wieder mit Geflecht und Lehm ausfüllen.

Die Zeit hat Spuren hinterlassen

Dass im Hessenpark gebaut wird, ist nicht ungewöhnlich. Schließlich sind in dem Freilichtmuseum noch längst nicht alle Beispiele ländlicher Baukultur, die aus dem ganzen Hessenland stammen, wieder errichtet worden. Etwa 100 Häuser können die Besucher bewundern, doch noch einmal so viele warten zerlegt darauf, dass sie wieder aufgebaut werden. Im Moment aber müssen sich die Verantwortlichen um ihren Bestand kümmern. Vor 34 Jahren ist der Hessenpark eröffnet worden, und vor allem an den früh errichteten Häusern haben nicht nur die Jahrhunderte vor dem Umzug, sondern auch die drei Jahrzehnte seit dem Neuaufbau Spuren hinterlassen.
Originalgetreu sind Bauernhöfe, Scheunen und Amtshäuser in dem Freilichtmuseum wiedererstanden. Das heißt aber auch, dass sie nur über offene Feuerstellen oder einen gusseisernen Ofen verfügen. In denen aber hält im Museum niemand ein Feuer in Gang: Vor allem im Winter kriechen Feuchtigkeit und Kälte in die Wände. „Die unbeheizten Häuser zeigen Stockflecken und Pilzbefall“, sagt Hessenpark-Geschäftsführer Joachim Renz. Auch einige der vor dreißig Jahren verwendeten Materialien hätten sich als untauglich erwiesen. „Wie die Heimwerker griff man zu Silikon oder Bauschaum, die nicht atmungsaktiv sind“, erläutert Renz. Und schließlich würden auch die Statiker heute nicht mehr jede Dachkonstruktion akzeptieren, die das Original getragen habe.

Neues Wassermanagement für die Häuser

Daher werden die Häuser im Museum nach und nach saniert, beginnend bei der Baugruppe Mittelhessen hinter der Kasse. Denn sie ist in der Museumsgeschichte die älteste. Dabei werden auch die Spuren der Abnutzung beseitigt, mit der die ursprünglichen Bewohner nicht zu kämpfen hatten. Wurde früher die gute Stube eines Hofs nur zu hohen Feiertagen oder der Kerb aufgeschlossen, marschieren heute allein an einem Sonntagvormittag vielleicht 200 Besucher durch das bäuerliche Wohnzimmer. Heruntergetretene Dielen und abgegriffene Wände sind die Folge.
Bei den Ausbesserungsarbeiten bekommen die Häuser eine Heizschlange im Erdgeschoss, die in der Sockelleiste versteckt wird. Damit ist auch im Winter die nötige Grundwärme garantiert. Wo nötig, wird die Statik ertüchtigt. „Wir tragen aber kein ganzes Dach ab“, versichert Renz. Er hofft, dass vor allem das neue „Wassermanagement“ den Häusern zugutekommt. Dahinter verbergen sich die eingangs erwähnten Kanalarbeiten. „Wenn es regnet, schießt das Wasser bisher kreuz und quer durchs Gelände“, sagt der Geschäftsführer. Denn von der Saalburg her laufe das Regenwasser Richtung Freilichtmuseum. Am Eingang wird es jetzt durch ein neues Vorstaubecken gebremst. Aber auch von den Dächern der Häuser tropft der Regen nicht mehr einfach herab und schädigt die Fundamente. Die Niederschläge werden stattdessen in die neuen Kanalrohre geleitet und künftig in einem Rückhaltebecken, das im hangabwärts gelegenen hinteren Teil des Museumsgeländes entsteht, aufgefangen. Renz will mit dem Inhalt des Beckens später das mit Wasserkraft betriebene Hammerwerk in Aktion zeigen.

Sanierungskosten nicht abschätzbar

Wegen der Beeinträchtigungen durch die Kanalarbeiten gilt für den Hessenpark bis Ende Mai ein um die Hälfte ermäßigter Eintrittspreis. Ende Juni sollen die ersten fünfzehn Häuser fertig saniert sein. Dann folgt der zweite und im nächsten Jahr der dritte Bauabschnitt. Nach dessen Abschluss wären fünfzig Häuser und damit die Hälfte des aufgebauten Bestands auf Vordermann gebracht – wenn sich der Landeshaushalt 2009 wegen der schwierigen Mehrheitsverhältnisse nicht verzögert. Anders als beim Ab- und Wiederaufbau eines historischen Gebäudes, der wegen der vielen Handarbeit mit 500000 Euro zu Buche schlägt, kann der Geschäftsführer die Kosten der Sanierung noch nicht abschätzen. Zumal das Hessische Immobilienmanagement in Wiesbaden für die Abrechnung zuständig ist. Allein die neuen Regenwasseranlagen sind mit zwei Millionen Euro kalkuliert.

Neue Schwerpunkte erwünscht

Der Wiederaufbau alter Häuser muss angesichts dieser Aufgaben zurückstehen. „Der Hessenpark ist ohnehin eine Open-End-Veranstaltung“, sagt Renz. Repräsentative Bauten vergangener Jahrhunderte kommen zu den schon jetzt auf dem Gelände lagernden allerdings nicht mehr hinzu. Der Denkmalschutzgedanke ist heute meist stark genug, sie am ursprünglichen Standort zu sichern. Aber der Geschäftsführer könnte sich neue Schwerpunkte vorstellen: „Was ist mit den Flüchtlingssiedlungen der fünfziger Jahre oder den typischen Aussiedlerhöfen der Nachkriegszeit?“ Zumindest exemplarisch hielte er eine Würdigung dieser Zeit für angebracht. „Die Baugeschichte endet nicht 1928“, sagt Renz. Aus diesem Jahr stammt das jüngste Haus im Museum.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Dieter Rüchel

 
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