Bei Trebur-Astheim haben Archäologen die Reste einer spätantiken Festung freigelegt

24. September 2003 Ströme und Flüsse waren die Autobahnen der Antike: Menschen und Material ließen sich am besten auf dem Wasserweg zum Ziel bringen. Also finden sich entlang des Rheins auch reichlich Spuren - von Römern, Alemannen, Burgundern oder Franken. Auch beim Treburer Stadtteil Astheim zum Beispiel: Dort haben während einer zweimonatigen Grabung Archäologen der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität Relikte aus der spätrömischen Zeit und dem frühen Mittelalter gefunden. Denn die kleine Festung, die dort an einem Arm des Altrheins im Auftrag der Caesaren errichtet wurde, haben später die germanischen Eroberer übernommen. Unter den Astheimer Äckern fanden die Forscher Reste der römischen Militär-Architektur, aber auch das Grab eines fränkischen Edelmanns - den man vielleicht als den ersten "Herrn von Astheim" bezeichnen könnte.

Auf die Spur der Anlage waren die Archäologen zuerst durch Hinweise örtlicher Heimatforscher gebracht worden, die in dem Gebiet immer wieder Scherben von Tongefäßen fanden. Diese ließen sich nach Angaben der Archäologen Hans-Markus von Kaenel und Alexander Heising der spätrömischen Epoche zuordnen, Formgebung und Material ermöglichten die recht exakte Datierung. Aufschluß über den genauen Standort gaben dann moderne, bodenkundliche Techniken: Messungen zum Beispiel des Erdwiderstands und des Erdmagnetfelds führten die Forscher zu der Anlage. Sie entschlossen sich zu einer Grabung, Teil eines seit 1998 betriebenen Vorhabens, bei dem die Entwicklung des Siedlungsraums im nördlichen Ried von der Römerzeit bis ins Mittelalter untersucht wird.

Die Ausgrabungen bestätigten die Messungen, die neben den Resten der Festungsanlage auch Hinweise auf germanische Gräber gegeben hatten. Unter anderem fanden die Archäologen Reste der Burgmauern und darin auch eine Münze, geschlagen im Jahre364 in der Regierungszeit des römischen Kaisers Valentinian. Der Fund bestätigte die Einschätzung der Experten: Bei der Astheimer Anlage handelt es sich um eine der jüngsten römischen Fundstellen auf hessischem Boden, die um das Jahr 370 errichtet worden war.

Gut 100 Jahre zuvor hatte das römische Reich unter dem Druck der Germanen die Grenzlinie des Limes aufgegeben und sich an den Rhein zurückgezogen. Und zu den dort errichteten Verteidigungsanlagen zählte auch der "Schiffsländenburgus", der an der Mündung des Schwarzbachs in den Rhein errichtet worden war. Gesichert wurde die Anlage zur Landseite hin durch ein Grabengeviert von rund 50 auf 70 Metern und eine Festungsmauer. Deren Wälle wurden bis in den Fluß gezogen, so daß dort ein künstlicher, gut geschützter Hafen entstand. Dort landeten römische Kriegsschiffe, um etwa die Besatzung zur Festung zu bringen. Im Zentrum der Anlage errichteten die Römer einen massiven Wehrturm, ein vermutlich rechteckiger, mehrstöckiger Bau. Vier Meter maßen seine Mauern in der Breite, erhalten geblieben sind freilich nur die untersten Fundamente. Seine Mannschaft sollte germanische Angreifer zurückschlagen, die zum Beispiel über den Schwarzbach versuchten, mit Booten in Richtung Mainz vorzurücken. Wobei zum Ende der römischen Herrschaft um 430 nach Einschätzung der Archäologen vor allem Burgunder als Bundesgenossen der Römer die Truppen im Turm stellten, aber schließlich elbgermanischen Stämmen weichen mußten.

Die Elbgermanen gingen rasch im Stamm der Alemannen auf, doch die sollten sich nicht lange im Ried halten. Um 500 wurden sie von den Franken besiegt, die auch das Gebiet um Trebur und Astheim eroberten. Ein spektakulärer Fund belegt die Herrschaft der Franken: Unmittelbar an der alten Festung ließ sich ein fränkischer Grundherr bestatten. Er muß ein mächtiger Mann gewesen sein und dazu ein Hüne von Gestalt. Gut 1,85 Meter groß, "mit hervorragendem Gebiß", wie Heising erzählt. Seinen hohen Stand belegen auch die Beigaben seines Grabs. Bestattet wurde er mit seinen Waffen: Einem silberbeschlagenen Langschwert, einem Hiebschwert, Lanze und Schild. Zudem finden sich Reste von Sporen - der Franke war ein bewaffneter Reiter. Und ein wertkonservativer Mann: In seinem Todesjahr, also um 700, begannen die Franken, sich auf Kirchhöfen bestatten zu lassen. Doch der Herr von Astheim hielt wohl nichts von diesen neumodischen Sitten und ließ sich nach altem Brauch beerdigen. Er muß übrigens einen so hohen Status besessen haben, daß die ansonsten durchaus auf das Recycling von Grabbeigaben bedachten Franken seine Ruhestätte respektierten.

Die alte Festung aber hatte längst ihre Bedeutung verloren und verfiel, möglicherweise wurde sie als Steinbruch genutzt. Denn im Nachbarort Trebur entstand die Kaiserpfalz, die 1077 den Ausgangspunkt des Gangs nach Canossa von HeinrichIV. bildete. Ironie der Geschichte: Auch die Steine der Treburer Pfalz sind verschwunden, im Ort verdächtigt man die Ingelheimer, die Steine aufs linksrheinische Ufer geschleppt und dort verbaut zu haben. Doch auch so bedeuten die Funde bei Astheim einen Glücksfall für die Frankfurter Forscher: Man könne, erzählt Heising, jetzt die komplette Geschichte der Anlage von ihrem Bau bis zu ihrem Verfall nachvollziehen. HANNS MATTES

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