Aschaffenburg

Figur aus Holz und Knochen

Heilige oder Hure: Martin Höpfner (li.) inspiziert den Schrein

Heilige oder Hure: Martin Höpfner (li.) inspiziert den Schrein

08. November 2006 „Schaun mer mal“, meinte Dechant Jürgen Vorndran und bat das gespannte Publikum ins Obergeschoß des Aschaffenburger Stiftsmuseums. Dort steht seit dieser Woche der bedeutendste Sarg der von Albrecht Kardinal von Brandenburg im 16. Jahrhundert in Halle zusammengetragenen Reliquiensammlung. Die Gebeine seiner Huren seien darin, hatte Luther damals gehöhnt.

In dem „Margarethenschrein“ befänden sich die Überreste seiner Lieblingsheiligen, ließ der Kardinal wissen. Sein gesamtes „Hallesches Heiltum“ umfaßte mehr als 20.000 tatsächliche oder angebliche Partikel von Heiligenkörpern, die er mit viel Geld und großem Aufwand erwarb und in Monstranzen oder Schreinen aufbewahrte. Von der Nähe der Heiligen erhoffte der Geistliche auch für sich selbst Erlösung.

Überraschung bei der Öffnung

Als er Halle 1541 wegen der Reformation verließ und nach Aschaffenburg ins Exil ging, brachte er auch den Margarethenschrein mit an den Main. Dieser stand bislang auf dem Baldachin der Stiftsbasilika. Vom 23. Februar an soll er bei der Ausstellung „Cranach im Exil“ in der Kunsthalle Jesuitenkirche gezeigt werden. Nun haben Fachleute der Stadt und des Freistaats den Sarg zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert geöffnet.

Er sei, von außen besehen, in einem „äußerst desolaten Zustand“, meinte Martin Höpfner, Restaurator für archäologisches Kulturgut. So bestehe der Boden vermutlich seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus einer einfachen Spanplatte. Auch die beiden Giebelseiten seien arg beschädigt. Immerhin hatte das Stück den Transport von der Kirche ins Museum ohne für den Laien erkennbare Schäden überstanden.

Als Höpfner den Deckel gemeinsam mit seiner Kollegin Sabine Dennecke langsam öffnete, zeigten sich die anwesenden Experten überrascht: Es fand sich nämlich doch etwas mehr darin, als der Blick durch die seitlichen kleinen Fenster hatte vermuten lassen. Der wichtigste Inhalt ist ein aus Holz geschnitzter Leichnam. Er weist, wie im 16. Jahrhundert üblich, Einsparungen auf, die die menschlichen Knochen aufnehmen. Diese sind gut zu erkennen und anscheinend einigermaßen vollständig. Zur Verblüffung der Experten ist auch der Schädel vorhanden. Er befindet sich auf einem Holzstumpf am oberen Ende des Skeletts - allerdings in einer völlig unnatürlichen Seitenlage. Unter dem hölzernen Leichnam sind einzelne kurze Kanthölzer zu sehen, die das Skelett anscheinend stützen sollen.

Restaurieren und konservieren

Die Figur aus Holz und Knochen ist in einen primitiven Gardinenstoff eingehüllt, das anscheinend aus den fünfziger Jahren stammt. Der Dechant berichtete von Zeitzeugen, die noch Auskunft darüber geben könnten, was genau damals mit der Reliquie geschehen sei. Angesichts der Erzählungen, die er bislang gehört habe, sei er von dem Inhalt des Sarges jedenfalls auf den ersten Blick positiv überrascht, meinte Vorndran.

Neben dem Körper fanden sich Beigaben, kleine Pakete mit Applikationen aus Metall, die sich nicht ohne weiteres einordnen ließen. An den Innenwänden des Sarges entdeckten die Restauratoren unterschiedliche Farbtöne. Sie deuten auf Reparaturen hin. Die ersten Äußerungen der Experten zu dem Zustand der vorgefundenen Reliquien klangen eher kritisch. Höpfner glaubt, daß die Öffnung des Sarges in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts „ein großer Eingriff“ gewesen sei.

Er betonte allerdings, die von ihm beim ersten Hinsehen konstatierten Schäden sagten noch nichts aus über die Qualität, die das Exponat aufweisen werde, wenn es im nächsten Jahr in der Kunsthalle Jesuitenkirche ausgestellt sei. Bis dahin muß er es mit seinen Kollegen aufwendig restaurieren und konservieren. Weil der Pilzbefall so stark ist, wird dies zumindest in den nächsten Tagen nicht ohne Atemschutz gehen.

Text: htr., F.A.Z., 09.11.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

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