15. Februar 2008 Gerade noch vier Tiere zählt die Wisent-Herde im Wildpark Alte Fasanerie in Hanau Klein-Auheim. Im vergangenen Sommer, bevor die für Wiederkäuer oft tödlich ausgehende Blauzungenkrankheit in Deutschland um sich gegriffen hat, waren es noch 16 Wisentbullen und -kühe, die in dem rund 2,5 Hektar großen Gehege des Wildparks heimisch waren. Damit zählte die Alte Fasanerie zu den wenigen Tierparks in Europa, die mehr als zehn Wisente beherbergen. Meist werden wegen der aufwendigen Haltung nach den Worten von Marion Ebel, wildbiologische Leiterin des Wildparks, nur zwei bis drei der Wiederkäuer betreut. Die Alte Fasanerie war in den vergangenen Jahrzehnten besonders erfolgreich in der Aufzucht des in seiner Art bedrohten Wisents, dem deutschen Wildtier des Jahres 2008. Laut Forstamtsdirektor Dieter Müller von Hessen Forst konnten sogar immer wieder Tiere an andere Parks abgegeben worden.
Ein Teil der Herde war überdies bestimmt für ein Auswilderungsprojekt in Deutschland: Im Rothaargebirge sollten in diesem Sommer erstmals wieder Wisente in freier Wildbahn angesiedelt werden. Doch zumindest aus Klein-Auheim werden so bald keine Tiere das Vorhaben unterstützen können. Auch in vielen anderen hessischen und deutschen Tierparks sieht es nach den Informationen von Müller und Ebel nicht viel besser aus.
Der Stich der Gnitzen
In Klein-Auheim geht es jetzt vor allem darum, die verbliebenen Tiere zu bewahren, damit diese wieder für Nachwuchs sorgen können. Die Krankheit hat uns getroffen wie ein Keulenschlag“, sagt Marion Ebel. Allein an einem Wochenende seien drei Tiere verendet. Ihr Leiden und der Anblick der Kadaver hätten selbst die erfahrensten Tierpfleger geschockt. Der letzte Bulle sei erst vor wenigen Tagen gestorben, womit die Hoffnung, dass die Gnitzen, die kleinen Überträgermücken des Virus, im Winter inaktiv seien, nicht erfüllt wurde.
Die Gnitzen fliegen aus, sobald es mindestens acht Grad ist, vorher verkriechen sie sich in Heuballen oder in Gebäuden. Der Stich der Gnitzen, für Menschen völlig ungefährlich, überträgt unter den Wiederkäuern einen Virus, den es früher nur in Afrika gab, der sich aber seit einiger Zeit in mehreren Varianten auch in Europa ausbreitet. Für den afrikanischen Typus gibt es einen Impfstoff, für die in Deutschland auftretende Variante noch nicht. Die Entwicklung dauert laut Ebel in der Regel drei Jahre. Aber man werde nicht warten, bis der Impfstoff ausgetestet sei. Sobald er entwickelt sei, werde er angesichts der dramatischen Lage sofort eingesetzt, selbst wenn seine Wirkungskraft und -dauer noch nicht feststehe.
Abszesse im Maul
Vor allem die sonst so robusten Wisente haben – im Gegensatz zu den Hausrindern – nur geringe Chancen, die Krankheit zu überstehen. Schaum vor dem Maul, Abszesse im Maul und zwischen den Klauen sowie ein schwankender Gang sind die typischen Symptome. Das Fressen bereitet den Tieren große Schmerzen, und bald rühren sie kein Futter mehr an. Zusätzlich sind die geschwächten Tiere durch Würmer und Parasiten gefährdet. Selbst wenn einzelne Wisente – wie die vier in der geschrumpften Klein-Auheimer Herde – die Krankheit überstanden haben, sind sie nicht immun: Sie können immer wieder erkranken. Zusätzlich gesenkt werden die Überlebenschancen durch den Hang der Herdentiere, kranke Artgenossen anzugreifen und mitunter erheblich zu verletzen.
Hart trifft es die Betreuer, dass sie den Tieren nicht wirkungsvoll helfen können. Schmerzmittel und Langzeitantibiotika linderten den Verlauf bisher nur wenig. Eine neuartige Therapie, die regelmäßige Spritzen erforderlich macht, scheiterte bisher daran, dass sich die Tiere dafür nicht greifen lassen. Alle Versuche, auch mit Blasrohren oder Gewehren, sind gescheitert. Nun will der Wildpark neue Wege beschreiten: Geplant ist der Bau eines besonderen Stalls mit einzelnen Boxen, in denen die Tiere so eingeschlossen werden, dass sie mit Spritzen und Medikamenten behandelt werden können. Dort sollen auch kranke Tiere isoliert und geschützt betreut werden.
Bei der Tieren kurz vor zwölf
Diese Fanganlage, an die sich die Tiere durch eine regelmäßige Futtergabe dort gewöhnen sollen, muss sehr stabil sein. Außerdem sind Spezialtüren, die sich schnell und für die Pfleger gefahrlos schließen lassen, erforderlich. Die Kosten stehen noch nicht fest, sicher ist laut Müller aber, dass vor allem für den Einbau der Spezialtüren das von Hessen Forst, dem Betreiber der Anlage, zugestandene Budget nicht ausreichen wird. Wie so oft im Wildpark wird wieder der Verein der Förderer und Freunde des Wildparks einspringen müssen. Doch auch das wird nicht reichen, um die Kosten aufzubringen. Müller und Ebel hoffen deshalb auf Spenden aus der Bevölkerung und von Sponsoren aus der Wirtschaft.
Aber es muss schnell gehen, mahnt Ebel. Bei der Tieren sei es kurz vor zwölf“. Schon jetzt werde es schwierig, die Art zu erhalten. Im Jahr 2006 seien noch rund 3500 Wisente in Europa gezählt worden, die Hälfte davon in freier Wildbahn in Polen, Russland und Weißrussland, die andere Hälfte in Tierparks. Diese Zahl sei – vor dem Auftreten der Blauzungenkrankheit – seit vielen Jahren stabil geblieben.
Dabei seien die Wisente in den zwanziger Jahren in Europa fast ganz verschwunden gewesen. Der 1923 in Frankreich gegründeten Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents mit Sitz in Frankfurt sei es zu verdanken, dass die Art überlebt habe. Noch 54 Tiere seien damals gefunden worden, wovon nur noch ein Dutzend fortpflanzungsfähig gewesen sei. Dass es dennoch gelungen sei, mit diesem winzigen Bestand die Art zu erhalten, grenze an ein Wunder. Jetzt aber drohe dem Wisent wieder größte Gefahr.
Spenden an den Verein der Freunde und Förderer des Wildparks Alte Fasanerie unter dem Stichwort Hilfe für das Wisent entgegen, Konto 61 12 866 bei der Sparkasse Langen-Seligenstadt, BLZ 506 521 24. Informationen gibt Marion Ebel, 0 61 81/69 06 76.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp