Von Caren Langer
02. Mai 2008 Lauthals läuft eine Gruppe Kinder über ein Podest in der Mitte des Leihsaals; andere spielen Fangen rund um den Fuhrpark“ von Kinderwagen am Eingang der Zentralen Kinder- und Jugendbibliothek in Bornheim. Daneben steht eine lange Schlange von Müttern, die Bücher zurückgeben wollen. Über mangelnden Zustrom junger Leser kann die Stadtbücherei sich an diesem Nachmittag offensichtlich nicht beklagen. In den vergangenen fünf Jahren haben wir unsere Ausleihzahlen sogar um 60 Prozent gesteigert“, sagt Bibliothekarin Doris Rosenfeld. Das hängt eindeutig mit den Pisa-Testergebnissen zusammen.“
Besonders gefragt sind unter anderem Kindersachbücher und Wissensbücher schon für die Kleinsten. Eltern fragen auch oft nach Frühenglisch-Büchern für Kinder ab zwei Jahren“, sagt Rosenfeld. Solche habe die Bücherei allerdings nicht im Bestand. Auf den Eltern lastet ein unheimlicher Druck, die Kinder möglichst früh zu fördern“, meint die Bibliothekarin. Auch wenn es gut ist, Kinder früh mit Büchern in Kontakt zu bringen – altersgerecht muss es schon sein.“
Wachsendes Sortiment an Lern- und Sachbüchern
Darüber, welche Förderung für Kinder altersgerecht und sinnvoll ist, herrschen bei Eltern, Pädagogen, Entwicklungspsychologen und Verlagen unterschiedliche Meinungen. Doch ein Trend ist klar erkennbar: Für immer jüngere Kinder gibt es ein wachsendes Sortiment an Lern- und Sachbüchern; und diese werden von Familien gekauft.
Marktführer bei Sachbilderbüchern ist Ravensburger mit der Reihe Wieso? Weshalb? Warum?“, die nach Angaben des Verlags einen Anteil von mehr als 50 Prozent in diesem Segment einnimmt. Seit vier Jahren bringt Ravensburger auch eine Junior-Ausgabe für Kinder von zwei Jahren an heraus. Sie soll mit Themen wie Der Wald“ oder Die Feuerwehr“ schon den Kleinsten auf spielerische Art Wissen nahebringen“, so der Verlag.
Ein ähnliches Konzept verfolgt der Tessloff-Verlag, der seine Was ist was“- Buchreihe um eine Ausgabe für Fünf- bis Siebenjährige erweitert hat. Der Trend gehe eindeutig dahin, dass Sachbuchleser immer jünger würden, heißt es auch dort. Im Handel finden sich neben diesen beiden Reihen Meyers kleine Kinderbibliothek“, der Kinderbrockhaus, Duden-Kinderbücher und zahlreiche Bücher, deren Titel mit Mein erstes . . .“ beginnen. Zudem gibt es eine Flut weiterer bunt illustrierter, mit Klappen, Aktionselementen“, Folien und Pop-ups“ versehener Exemplare.
Pisa-Studie hat zu Hysterie bei Eltern geführt
Etliche Regalmeter füllen diese Bücher für Kinder im Kindergartenalter und davor zum Beispiel in der Hugendubel-Filiale an der Frankfurter Hauptwache. Hier stöbert Martina Szymborski gern nach Büchern für ihre Tochter. Sie ist zwar erst zweieinviertel, aber sie spricht gut und ist schon sehr interessiert, vor allem an Tieren“, sagt die Mutter. Wenn ich ihr vorlese, dann möchte ich, dass sie auf schöne Weise auch etwas dabei lernt.“ Eine andere Kundin kauft für ihre beiden Söhne vor allem Bücher über Technisches. Natürlich fängt die Förderung heute sehr früh an und ist ziemlich leistungsorientiert, aber alle machen es. Da muss man halt mitziehen“, sagt sie. Ihren Namen möchte die Mutter nicht verraten, aus Sorge, es könne die Aufnahme ihres Fünfjährigen in die nullte Klasse“ gefährden, wenn ihre Meinung über Bildung in der Zeitung zu lesen sei.
Andrea Schulz von der Kinder- und Jugendbuchhandlung Tatzelwurm“ im Frankfurter Stadtteil Nordend sieht diese Entwicklung kritisch. Eltern wollen sehr schnell sehr viel Wissen in sehr kleine Köpfe hineinbekommen“, sagt sie. Die Kunden fragten sie oft gezielt nach Büchern mit wenigen Bildern und viel Sachinformation. Aufgrund der Ergebnisse der Pisa-Studie seien viele Verlage auf den Bildungstrend aufgesprungen. Den Zweck, Kindern etwas beizubringen, erfüllten Bilderbücher, die eine Geschichte erzählten, oft genauso gut oder besser, findet die Buchändlerin. Und noch besser, als sie mit Büchern beschulen zu wollen, ist es natürlich, sich mit Kindern in der Natur zu bewegen.“
Diese Meinung teilt Horst Bartnitzky, Grundschulpädagoge und Vorsitzender des deutschen Grundschulverbandes. Gute Sachbücher können Kindern weiterhelfen und sie neugierig machen“, sagt er. Aber die Pisa-Studie hat bei bildungsorientierten Eltern zur Hysterie geführt.“ Durchdidaktisierte Übungs- und Frühenglisch-Bücher für Vorschulkinder hält er für abschreckend“. Besser sollten die Kinder im Alltag und in ihrer Umwelt lernen, die Bedeutung von Zahlen zum Beispiel beim Einkaufen. Die Welt der Kinder und ihre normalen Lebenssituationen bieten so viel, da muss man ihnen nicht auf Teufel komm raus und schon vor der Schule mit Sachbüchern Wissen vermitteln.“
Höherer Sprachstand in der Grundschule
Gerade Sachbücher hält hingegen Wassilios Fthenakis für einen wunderbaren Weg“, mit Kleinkindern die Umwelt zu erkunden. Fthenakis ist Professor für Entwicklungspsychologie und Familienforschung an der Freien Universität Bozen. Er leitete die Ausarbeitung des Bildungs- und Erziehungsplans des Landes Hessen für Kinder bis zu zehn Jahren. Mit der Sprachförderung sollten Eltern zehn Wochen nach der Geburt des Kindes beginnen und dabei früh Bilderbücher einsetzen“, sagt Fthenakis. Es sei erwiesen, dass Kinder, mit denen in dieser Form früh kommuniziert und interagiert“ worden sei, in der Grundschule einen höheren Sprachstand hätten als ihre Altersgenossen. Mit dem Erlernen einer Zweitsprache sollten Kinder seiner Meinung nach spätestens Ende des zweiten Lebensjahres beginnen. Hierfür seien Lern- und Wörterbücher zur Frühförderung allerdings ungeeignet. Kinder, die eine Fremdsprache lernen sollten, müssten dies in einer diese Sprache sprechenden Umgebung tun, zum Beispiel also in einem fremdsprachigen Kindergarten.
In der Kinder- und Jugendbibliothek in Bornheim hat sich zwischen den Sach- und Fremdsprachen-Kinderbüchern eine Mutter mit ihrer vielleicht dreijährigen Tochter auf den Stühlchen an einem kleinen Tisch niedergelassen. Aus einem Bilderbuch liest sie dem Kind vor. Stachelbär, bist du das?“ Gebannt schaut das Mädchen in das Buch, folgt aufmerksam der Geschichte, trotz des Trubels um sie herum. Das Buch Bärenfreunde“ gibt allerdings keine Informationen über Tiere. Es ist eine Geschichte über Besitz, Egoismus und Freundschaft.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann
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