Von Verena Töpper
20. Januar 2007 Drei- bis viermal in der Woche geht Saul Len auf Motivsuche. Dabei klettert er über Bahngleise, läuft durch Unterführungen und Tunnels, und manchmal beugt er sich auch weit aus dem Zugfenster heraus. Der kleine unauffällige Mann sammelt Graffiti, mit seiner Kamera. Rund 11.000 gesprühte Bilder, Sprüche und Kürzel hat er in den letzten 20 Jahren fotografiert, und das nur im Rhein-Main-Gebiet.
Als Ende der achtziger Jahre die ersten Hieroglyphen“ an den Wänden aufgetaucht seien, habe er dies einfach dokumentieren wollen, sagt der gebürtige Frankfurter und dreht sich eine Zigarette. Nach und nach sei das Fotografieren der Pieces“, wie die großflächigen Graffiti in der Szene heißen, zu seinem Hobby geworden. Dabei habe er auch schon mal den einen oder anderen Sprayer kennengelernt, aber um die Bekanntschaften gehe es ihm gar nicht. Allein den Kunstwerken gelte seine Aufmerksamkeit. Dass Graffiti Kunst sind, steht für Len außer Frage.
Institut für Graffiti-Forschung in Wien
Mit seiner Einstellung ist der 49 Jahre alte Hobby-Fotograf nicht allein. In Wien gibt es seit 1996 ein Institut für Graffiti-Forschung“, einen eingetragenen wissenschaftlichen Verein, der mit der Universität Wien zusammenarbeitet. Im vorigen Jahr veranstaltete das Institut mit finanzieller Unterstützung der österreichischen Regierung einen internationalen Graffiti-Kongress, bei dem Len einen Vortrag über Graffiti in der linkspolitischen Bewegung“ hielt. Im Programmheft wird er als Kulturforscher und Leiter des Frankfurter Graffiti-Archivs“ aufgeführt.
Für den Gründer des Wiener Instituts, Norbert Siegl, sind Graffiti ein normales Phänomen“ der Jugendkultur. Graffiti gab es schon in der Antike, sie sind eine uralte Kommunikationsform“, sagt der studierte Psychologe und fügt sogleich hinzu, es sei eine Schande, dass es in deutschen Städten so wenig legale Flächen gebe, auf denen Jugendlichen ihre Kreativität ausleben könnten. Etwas Schönes“ wollten sie schließlich machen, doch statt ihr Engagement zu honorieren, verteufelten die meisten deutschen Politikern die Werke der Sprayer. Den Einwand, dass die gekritzelten Namenskürzel, die sogenannten Tags“, die über die ganze Stadt verteilt an Hauswänden zu finden sind, doch keine schönen Bilder“ seien, weist Siegl von sich. Ein ,Tag‘ ist die einfachste lineare Form eines Graffito.“
Sein Frankfurter Kollege Len sieht dies etwas kritischer: Den Taggern“ gehe es vor allem darum, ihr Kürzel möglichst oft und an möglichst schwer zu erreichenden Stellen zu plazieren. Solche Schriftzüge fotografiere er nur selten. ,Tags‘ sind Sachbeschädigung, das steht außer Frage“, sagt der Grünen-Politiker Omid Nouripour, der sich zusammen mit Len in dem Verein Einwandfrei“ für die Schaffung legaler Graffiti-Flächen in Frankfurt einsetzt. Den Taggern“ würden diese Wände zwar keinen Einhalt gebieten, aber die Farbe jeder Dose, die auf einer legalen Fläche versprüht wird, kann nicht auf einer Hauswand landen“, sind sich die beiden einig. Auf den Halls of Fame“, den legal besprühbaren Wänden, könne man wunderschöne Kunstwerke“ sehen, sagt Nouripour.
Legale Flächen in Wiesbaden
In Frankfurt sucht man solche Flächen vergeblich. Wer sich im Rhein-Main-Gebiet mit der Sprühdose verewigen will, ohne dabei Gefahr zu laufen, von der Polizei erwischt zu werden, muss nach Wiesbaden fahren. Dort gibt es vier Wände, auf denen Graffiti erlaubt sind. Eine davon wird von Manuel Gerullis, einem in der Szene bekannten Graffiti-Künstler, verwaltet. Seit er vor 16 Jahren beim Sprühen von der Polizei erwischt wurde, setzt sich Gerullis für die Legalisierung des Graffito ein. Zu dem von ihm organisierten International Meeting of Styles“ in Mainz-Kastel kamen im vorigen Jahr 40 Graffiti-Künstler aus neun Ländern.
Auch Florian und Max (Namen von der Redaktion geändert) haben ihren Arbeitsplatz auf legale Flächen verlegt, seit sie gebustet“, auf frischer Tat ertappt, worden sind. Einen richtige Kick gebe ihm das Sprühen mit Erlaubnis nicht, sagt Florian. Es sei schon etwas anderes, bei Nacht und Nebel neben den Bahngleisen unterwegs zu sein, ständig auf der Hut vor der Polizei. Mit glänzenden Augen berichtet er von dem wahnsinnigen“ Gefühl, am nächsten Tag aus dem Zugfenster heraus das Werk der Nacht zu bestaunen. Sein Traum: ein Bombing“, ein Graffito auf einem S-Bahn-Wagen. Leider habe er bisher für dieses Unterfangen keine Mitstreiter finden können, fügt er bedauernd hinzu. Jugendliche, die mit der Sprühdose nur deshalb loszögen, weil es illegal sei, finde er aber behindert“.
Sein 16 Jahre alter Freund Max nickt zustimmend. Die weite Jacke, die tief sitzende Hose und die Baseballkappe wollen nicht so recht zu seinem Kindergesicht mit Zahnspange passen. Eigentlich seien die Pieces“ auf den legalen Wänden schöner, man könne sich ja auch mehr Zeit dafür nehmen, sagt er nachdenklich. Auf die Frage, ob sie denn bei jedem Kürzel wüssten, welcher Sprayer sich dahinter verberge, schütteln die beiden die Köpfe. Die Szene ist dafür viel zu anarchisch“, sagt auch Gerullis. Von den Graffiti auf der Galerie“ des Fünfunddreißigjährigen, der Wand am Brückenkopf in Mainz-Kastel, ist Hildegunde Rech begeistert. Die Leiterin der Abteilung Jugendarbeit des Amtes für Soziale Arbeit in Wiesbaden meint, es sei wichtig, der Jugendkultur den öffentlichen Ausdruck zu ermöglichen. Die gekritzelten Tags“ zählten für sie allerdings nicht als Graffito. Es gibt immer welche, die stören wollen, die meisten Sprayer sehen sich aber als Künstler.“
Illegales Sprühen ist strafbar
Peter Postleb, Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt“, sieht dies genau umgekehrt. Das sind alles vorgeschobene Argumente.“ Den Sprayern gehe es darum, ihre Aggressivität auszuleben, beseelte Künstler“ wie Gerullis seien eine Seltenheit. Legale Wände lehnt Postleb ab, die fordern nur zum Nachahmen auf“. 250.000 Euro gebe die Stadt Frankfurt jedes Jahr für die Beseitigung von Graffiti an öffentlichen Gebäuden aus, und das sind bei weitem nicht alle Schäden“, sagt Postleb. Gute Erfahrungen habe die Stadt mit dem Auftragen einer speziellen Schutzschicht gemacht, die es ermögliche, Graffiti mit heißem Wasser abzuwaschen. Die professionellen Sprayer verlieren den Spaß an diesen Flächen.“
Seit einer Gesetzesänderung im September 2005 ist das Sprühen von Graffiti auch strafbar, wenn die besprühte Fläche durch die Farbe nicht beschädigt worden ist. Davor wurden die Sprayer vor Gericht meist nur verurteilt, wenn die Wände Schaden genommen hatten. Dass Graffiti das Stadtbild nicht nur verschandeln, sondern auch verschönern können, beweisen die Künstler der Agentur Artmos4“, die ihr illegales Hobby zum Beruf gemacht haben. Lagerhallen, Supermärkte, U-Bahn-Stationen und Sparkassen: 250 Wände im Rhein-Main-Gebiet haben die Sprayer in den vergangenen zehn Jahren im Auftrag von Unternehmen gestaltet, darunter auch Flächen am Rebstockbad, an der Galluswarte und am Umspannwerk des Frankfurter Energieversorgers Mainova. Rund 98 Prozent der von ihnen bemalten Flächen würden nicht mehr beschmiert, sagt Artmos4“-Gründer und Profi-Sprayer Markus Dörr.
Problemwände“ von hauptberuflichen Sprayern gestalten zu lassen, sei eine Möglichkeit, um Schmierereien zu vermeiden, bestätigt auch Postleb. Während die Frankfurter für ein professionelles Graffito mitunter tief in die Tasche greifen müssen – die Mainova hat 70.000 Euro gezahlt –, können die Wiesbadener bei der Aktion Farbenfroh“, einem Zusammenschluss jugendlicher Sprayer, ein unentgeltliches Graffito in Auftrag geben. Von der Unterwasserwelt bis zur Nibelungensage ist alles möglich. Nur die Farbdosen wollen die Sprayer bezahlt haben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Pilar
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