Von Stefan Toepfer
05. September 2006 Die aufmunternden Worte des Frauenarztes klangen wie Hohn: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind im sechsten Monat. Glück? Die Nachricht hatte die damals 16 Jahre alte Ada Puhovac umgehauen. Es war ein Schock, sagt sie heute, ein Jahr später. Ihr Sohn Asmir sitzt auf ihrem Schoß, quengelt, weil er müde ist. Wer sieht, mit welcher Zuwendung sich die junge Mutter um ihr Kind kümmert, mag nicht glauben, was sie sagt:
Hätte ich früher gewußt, daß ich schwanger bin, hätte ich abgetrieben. Doch die Dreimonatsfrist, innerhalb deren Abtreibungen straffrei sind, war abgelaufen. Viele hier wünschen, sie wären nicht schwanger geworden und könnten ein Leben führen wie andere Jugendliche auch, sagt Wilhelm Borger. Hier - das ist das Jugendhilfezentrum Johannesstift in Wiesbaden, und Borger ist einer Betreuer im Mutter-Kind-Heim.
Schwangerschaft nicht bemerkt
Mit der Schwangerschaft hat es Ada Puhovac schon schwer genug gehabt. Hinzu kommt, daß sie wegen der familiären Verhältnisse zu Hause nicht wohnen kann, und so lebt sie gemeinsam mit anderen minderjährigen Müttern in dem Heim. Dort lernen die Mädchen, wie sie ihre Kinder versorgen und erziehen müssen. Sie kommen aus mehreren Städten, Jugendämter haben sie dorthin vermittelt - weil ihnen anders nicht zu helfen gewesen sei, sagt Doris Schulz, Erziehungsleiterin in der vom Sozialdienst katholischer Frauen getragenen Einrichtung. Die Städte tragen auch die Kosten; der Tagessatz für eine Mutter und ihr Kind liegt Borger zufolge bei 200 Euro.
Sie habe nicht gemerkt, daß sie schwanger sei, berichtet Ada. Mir war nie übel, ich habe nicht erbrochen, alles war ganz normal. Eine Freundin ihres Vaters hat sie eines Tages mit zum Frauenarzt genommen. Kurz nachdem er ihr eröffnet hatte, daß sie ein Kind bekommt, zog sie in das Wiesbadener Mutter-Kind-Heim. Noch etwa ein Jahr will sie bleiben, bis sie achtzehn ist und vielleicht eine eigene Wohnung beziehen kann. Verselbständigen nennt Borger diesen Schritt.
Auf Hilfe in ihren Familien oder in Mutter-Kind-Häusern sind etliche jugendliche Mütter angewiesen. Im Jahr 2004 haben in Hessen nach Angaben des Statistischen Landesamtes 392 minderjährige Frauen Kinder zur Welt gebracht. 595 haben sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden. Gemessen am Jahr 2000, ist die Zahl der Schwangerschaften leicht gestiegen (von 944 auf 987), wobei die Zahl der Geburten ab- und die der Abbrüche zugenommen hat. Das gilt auch bundesweit: Vor sechs Jahren trugen dem Statistischen Bundesamt zufolge von den 13.463 minderjährigen Müttern 7126 ihre Kinder aus, 6337 ließen Abtreibungen vornehmen; im vorvergangenen Jahr waren es 6969 beziehungsweise 7854. Die Zahl der Abtreibungen ist im vergangenen Jahr leicht gesunken, die Zahl der Geburten liegt für 2005 noch nicht vor.
Verleugnen der Situation
Ich hatte Angst davor, mit dem Kind überfordert zu sein, sagt Ada. Die psychische Belastung war größer als die physische. Ihre frühere Bezugsbetreuerin aus dem Heim hatte sie zur Entbindung begleitet. Borger weiß, daß Minderjährige ihre Schwangerschaft mitunter stark verdrängen. Diese Beobachtung macht auch Brigitte Schlenther aus einer der Pro-Familia-Beratungsstellen in Frankfurt. Besonders die sehr Jungen realisieren das nicht richtig und verleugnen ihre Situation. Oft seien bei den Beratungsgesprächen Eltern dabei, deren Töchter wie unbeteiligt wirkten.
Ada erzählt, daß sie erst dann an ihre Schwangerschaft richtig geglaubt habe, als ihr Kind begonnen habe, sich im Mutterleib zu bewegen. Selbst den Ultraschallbildern beim Frauenarzt hatte sie nicht getraut oder trauen wollen. Daß sie überhaupt schwanger geworden ist, führt sie darauf zurück, daß sie eine Zeitlang Antibiotika nehmen mußte, die die Wirkung der Pille beeinträchtigt hätten.
Schlenther zufolge haben junge Frauen mitunter recht wenig Ahnung von Zusammenhängen wie diesem und werden deswegen schwanger. Oder ein Paar hat zum ersten Mal Geschlechtsverkehr, der eigentlich nicht geplant war, und deswegen nicht verhütet. Junge Leute wüßten zwar etwas über Zeugung und Schwangerschaft, aber nicht sehr genau. Deswegen müsse die Sexualpädagogik verstärkt werden. Nach einer Untersuchung von Pro Familia sind 92 Prozent aller jungen Frauen ungeplant schwanger geworden.
Keinen Kontakt zum Vater
Schlenther verweist auch auf zwei andere Ergebnisse der Studie: Demnach werden eher junge Frauen aus sozial benachteiligten Familien schwanger. Auch entschieden sie sich anders als Gymnasiastinnen mangels Berufsperspektiven öfter zum Austragen des Kindes. Hingegen wählten Jugendliche mit höherer Schulbildung eher eine Abtreibung, weil ein Kind ihrer Karriereplanung entgegenstehe, so die Beraterin. Die Quote der Frauen, die wie Ada Puhovac erst nach der zwölften Woche erfahren, daß sie schwanger sind und keinen straffreien Abbruch mehr vornehmen lassen können, liegt Pro Familia zufolge bei zehn Prozent.
Sollte Ada ihr Ziel erreichen und eine Ausbildung zur Visagistin beginnen können, wird ihr Sohn in dem Heim versorgt. Für ihn und die anderen Kinder steht ein großes Zimmer zur Verfügung. Entweder kümmern sich Betreuer wie Borger um die Kinder, oder die jungen Mütter vertreten sich gegenseitig. Zum Vater von Asmir, einem Neunzehnjährigen, hat sie keinen Kontakt mehr - was sie auch nicht will. Sie hat einen neuen Freund, der sie und ihren Sohn in dem Heim besuchen kann. Auf die Frage, ob Asmir Geschwister bekommen soll, lacht die ansonsten recht ernst wirkende Ada kurz auf: Ja, aber erst in zehn bis zwölf Jahren.
Text: F.A.Z., 06.09.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Cornelia Sick
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