Justiz

Zweifel am Selbstmord

Von Heidi Müller-Gerbes

07. November 2006 Erica und Hugo Duggan machen die international aktive LaRouche-Bewegung dafür verantwortlich, daß sie ihr Kind verloren haben. Die Wiesbadener Staatsanwaltschaft indes ist davon überzeugt: Der 22 Jahre alte Student lief am frühen Morgen des 27. März 2003 in Suizidabsicht auf die Schnellstraße zur Autobahn-Auffahrt Erbenheim. Zwei Anläufe soll Jeremiah gebraucht haben, bis er auf der Berliner Straße den Tod fand. Ein Autofahrer, heißt es, konnte dem jungen Engländer noch im letzten Moment ausweichen, der zweite streifte ihn und warf ihn zu Boden, ein dritte überfuhr ihn.

Die Eltern „Jerrys“, wie sie ihren Jungen nennen, haben die Selbstmordversion von Polizei und Staatsanwaltschaft von Anfang an in Frage gestellt und auf weitere Ermittlungen gedrungen. Und seit dreieinhalb Jahren versucht die Mutter des jungen Mannes, „die Wahrheit aufzudecken“. Denn daß „Jerry“ freiwillig in den Tod gegangen sein soll, können oder wollen seine Eltern nicht glauben. Verliebt sei er gewesen, ein fröhlicher junger Mann voller Hoffnungen auf eine gute Zukunft.

Klage vor dem Bundesverfassungsgericht

Den deutschen Behörden werfen die Duggans vor, kein Interesse an der Aufklärung der Todesumstände zu haben, weil sie ihre Meinung aufrechterhalten wollten. Doch auch ihr Klageerzwingungsverfahren blieb erfolglos: Das Oberlandesgericht Frankfurt schloß sich am 19. Juli der Einschätzung der Staatsanwaltschaft an, daß weitere Ermittlungen zu keinem anderen Ergebnis führen würden; es gebe keine Anhaltspunkte dafür, daß der junge Mann nicht aus freiem Entschluß vor ein Auto gelaufen sei.

Jetzt setzt das Ehepaar auf das Bundesverfassungsgericht. Und seine deutschen Anwälte, die Berliner Sozietät Phillip Stucke & Nicolas Becker sowie deren Bremer Kollege Eberhard Schultz, kündigen an, notfalls den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg mit dem Fall befassen zu wollen. In der Verfassungsgerichtsbeschwerde rügen sie, der Beschluß des Oberlandesgerichts habe Grundrechte ihrer Mandantin wie den Anspruch auf rechtliches Gehör verletzt, „weil er die tragenden Argumente der Beschwerdeführerin nicht berücksichtigt und den Antrag mit sachfremden Erwägungen zurückweist“.

„Jerry“ hatte in Paris studiert und war dort nach Angaben seiner Mutter einem Vertreter der LaRouche-Bewegung begegnet. Ihr politisch unerfahrener Sohn habe sich von dem Mann beeindruckt gezeigt: Er wisse die Antwort „auf viele große Probleme der Welt“, habe ihr Jerry gesagt. Und weil er sich gegen den Irak-Krieg habe engagieren wollen, habe er eine Einladung des Manns nach Wiesbaden zu einer „Friedenskonferenz“ des Schiller-Instituts angenommen. Bei dem Seminar, so will die Mutter erfahren haben, sei ihr Junge massivem psychischen Druck ausgesetzt gewesen. Der Grund: Er habe „zugegeben“, Jude zu sein, und daß er als Kind in der Tavistock-Klinik therapiert worden sei - ein Institut, das Lyndon LaRouche zufolge der „psychologischen Kriegführung des britischen Empire“ dient.

„Methoden psychischer Indoktrination“

Leiterin des Schiller-Instituts ist Helga Zepp-La-Rouche, Vorsitzende und im vorigen Jahr auch Kanzlerkandidatin der Bürgerrechtsbewegung Solidarität (Büso) und Frau von Lyndon LaRouche, der sich in Amerika als Heilsbringer wider die „Weltkrise“ geriert und einen Wirtschaftsaufschwung mittels sofortiger Kolonialisierung des Mars propagiert. In Veröffentlichungen der Büso wird LaRouche gegen angebliche Verunglimpfungen etwa der „New York Post“ in Schutz genommen, die behauptet hatte, er sei ein „Verschwörer“, gegen den „wohldokumentierte Vorwürfe des Antisemitismus und des Neonazismus erhoben“ würden. Das Schiller-Institut hat auch jegliche Verdächtigung im Fall Duggan zurückgewiesen und den jungen Mann als psychisch labil hingestellt.

Nach Darstellung der Duggan-Anwälte dagegen ist auch die „Aktion für Geistige und Psychische Freiheit“ von der Gefährlichkeit der „LaRouche-Sekte“ und ihren „Methoden psychischer Indoktrination“ überzeugt und hat deshalb Strafanzeige erstattet. Über LaRouche und das Schiller-Institut gibt es auch ein autobiographisches Buch einer Aussteigerin: Die Wiesbadenerin Aglaja Beyes-Corleis, die sich nach ihrer Darstellung 20 Jahre lang nicht von der „radikalen Politorganisation“ hat trennen können, gab ihm den Titel „Verirrt“.

Erica Duggan hatte schon vor längerer Zeit Zeugen aufgeboten, die der „antisemitisch und rechtsgerichteten LaRouche-Sekte“ angeblich den Rücken gekehrt und ihr von „brutalen und gefährlichen Psycho-Methoden“ berichtet hätten. Und von Teilnehmern jener „Friedenskonferenz“ wisse sie, daß sich Leute aus dem engeren Führungszentrum des Schiller-Zentrums ihren Sohn „richtig vorgenommen“ hätten.

„I'm in deep trouble“

Sechs Tage nach Beginn des Seminars hatte ihr Sohn sie um 4.30 Uhr in der Nacht aus Wiesbaden angerufen. Die Verbindung sei schlecht gewesen. „I'm in deep trouble“, soll Jerry gesagt haben, dann sei die Leitung tot gewesen. Wenig später ein zweiter kurzer Anruf: Er habe große Angst. 35 Minuten nach seinem letzten Anruf, so die Mutter, sei „Jerry“ in Wiesbaden getötet worden.

Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden hat die Vorwürfe unzulänglicher Ermittlungen wiederholt zurückgewiesen. Er kenne überhaupt keinen Todesfall, bei dem es augenscheinlich keine Anhaltspunkte für Fremdverschulden gegeben habe, „in dem so viel ermittelt“ worden sei, hatte Oberstaatsanwalt Klaus Schulte schon vor anderthalb Jahren versichert. Und Behördensprecher Hartmut Ferse verwies gestern darauf, daß die Familie ja auch beim Oberlandesgericht keine Beweise für ihre Theorie vorgelegt habe. Für Ermittlungen im Schiller-Institut habe seine Behörde keine Veranlassung gesehen, sagte Ferse: „Die haben ihn ja nicht auf die Straße geschubst.“

Text: F.A.Z., 08.11.2006

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Die perfekte Wohnung oder das ideale Haus zum Kaufen oder Mieten: Jetzt über 960.000 Angebote bei Immowelt.de und FAZ.NET!

In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche