Grenzgebiet Bayern/Hessen

So viele Maikäfer wie seit fünfzig Jahren nicht mehr

Von Ewald Hetrodt

14. Mai 2008 An der Autobahn 45 sind Warnschilder aufgestellt worden, doch das spektakuläre Szenario trat bisher nicht ein. Anstatt in großen Schwärmen die Autofahrer auf der Strecke zwischen Alzenau und Hanau zu erschrecken, sind die von den Experten erwarteten Maikäfer in den Wäldern an der hessisch-bayerischen Landesgrenze zwar in Massen aus dem Boden gekrabbelt, doch derzeit brummen sie nur vor sich hin und tun sich an ihrer Lieblingsspeise gütlich: an Eichenblättern.

Seit einem halben Jahrhundert sind die Waldmaikäfer im Freistaat nicht mehr in solchen Massen aufgetreten wie in diesen Tagen. Die Experten der Bayerischen Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft in Freising sprechen von 20 bis 30 Millionen Exemplaren. Auch die Kollegen, die regelmäßig an Ort und Stelle ihren Dienst tun, sehen sich einer Ausnahmesituation gegenüber. „Ich habe so etwas noch nie gesehen“, sagt Bernd Handlbichler vom Forstamt Alzenau im Landkreis Aschaffenburg.

Die Weibchen haben großen Hunger

Der Direktor des Forstamtes Hanau-Wolfgang, Dieter Müller, berichtet, dass der Käfer sich in seinem Beritt zuletzt in den sechziger Jahren so zahlreich vermehrt habe. Ein Weibchen legt rund 100 Eier, aus denen sich im Waldboden die als Engerling bezeichnete Larve entwickelt. Sie ernährt sich von den jungen Wurzeln der Bäume und schädigt die Bäume mehr als später als ausgewachsener Maikäfer. Anschließend bleiben den Waldmaikäfern noch ein paar Wochen, in denen vor allem die Weibchen weiterhin großen Hunger haben. Denn um Eier zu legen, brauchen sie Energie. So fallen sie nun über die oberirdischen Teile des Waldes her. Weil Waldmaikäfer neben Eichen hohe Lufttemperaturen und warme, sandige Böden bevorzugen, trifft man sie in Südhessen, aber auch im äußersten Nordwesten des Freistaates und in Hanau-Wolfgang besonders häufig an.

Handlbichler hat beobachtet, dass der Alzenauer Stadtwald gegenwärtig nur in seinem nordwestlichen Teil befallen ist. Hier stößt man seit ein paar Tagen immer wieder auf Eichenkronen, die in Mitleidenschaft gezogen wurden. Im Privatwald Emmerichshofen gibt es Schäden in größerem Ausmaß. Von „mehr oder weniger heftigem Befall“ bis hin zum Kahlfraß berichtet Forstdirektor Müller aus Wolfgang. Nach seinen Worten machen die Käfer sich in Hessen gegenwärtig über einen etwa einen Kilometer breiten Streifen an der Landesgrenze her, der sich von der Bundesstraße 8 im Westen bis nach Rodenbach im Osten erstreckt.

Die Eichen erlitten einen Vitalitätsverlust, stellt Müller nüchtern fest. Von einer Katastrophe will er allerdings im Moment ebenso wenig reden wie Handlbichler. Trotzdem: Die Behörden sind alarmiert. Während die Experten aus Freising den Raum Alzenau beobachten, sind jenseits der Landesgrenze die dort zuständigen Kollegen von der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt aus Göttingen eingeschaltet worden.

In vier Jahren wird es wieder spannend

Nachdem der letzte größere Schwärmflug zu beiden Seiten der Landesgrenze im Jahr 2004 gesichtet wurde, haben die Biologen sich im vergangenen Jahr den Waldboden genauer angeschaut und bei Stichproben die beim Maikäfer als Engerlinge bezeichneten Larven in einer „kritischen Dichte“ angetroffen. Dass sie in diesen Tagen in größeren Mengen auftreten würden, war ihnen also schon seit langem klar. Das Forstamt Wolfgang hat Anfang Mai Luftaufnahmen erstellen lassen. In etwa drei Wochen ist ein zweiter Flug angesetzt. Ein Vergleich der Bilder soll dann zeigen, wie groß die angerichteten Schäden sind.

Sowohl in Hanau als auch in Alzenau haben sich die Forstämter entschlossen, die Waldmaikäfer in diesem Jahr gewähren zu lassen. Würde man „Perfecthion“ anwenden, das einzige chemische Bekämpfungsmittel, das sie zuverlässig vernichten könnte, träfe dies alle anderen Insekten ebenfalls tödlich. Noch müsse man nicht zu dieser Methode greifen, heißt es unisono auf beiden Seiten der Grenze. Wenn die Experten recht behalten, ist der ganze Spuk Ende Mai vorüber. Erst in vier Jahren wird es wieder spannend.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

Die Forderung der Hessen-SPD, Versorger sollten eine gewisse Strommenge verschenken, ist...

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche