04. Dezember 2006 Der Spessart ist das größte zusammenhängende Waldgebiet Deutschlands, und die ihn durchquerende Autobahn 3 zählt zu den am meisten befahrenen Strecken der Republik. Trotzdem prallen Zivilisation und Waldbewohner hier nur relativ selten unmittelbar aufeinander. Entlang der rund 55 Kilometer langen Strecke zwischen der hessisch-bayerischen Grenze und der Anschlußstelle Marktheidenfeld hat die Polizeiinspektion Hösbach in den ersten elf Monaten dieses Jahres insgesamt 1016 Unfälle registriert. Nur an 31 davon waren Wildtiere beteiligt, in einem dieser Fälle wurde nach Angaben von Sprecher Robert Staab ein Autofahrer leicht verletzt.
Zu den Wildunfällen verrät die Statistik, daß Rehe und Füchse besonders häufig beim Überqueren der Fahrbahn mit Autos kollidieren. Die berüchtigten, im Spessart sehr zahlreichen Wildschweine seien hingegen vergleichsweise selten an Unfällen beteiligt. Nur drei Unfälle mit Sauen wurden verzeichnet.
Die Rehe erwischt es ständig
Die Stellen, die das Wild bevorzugt zum Seitenwechsel nutzt, fallen der Polizei aufgrund der Unfallberichte rasch auf. Hohe Maschendrahtzäune sind eine einfache und wirksame Methode, um weitere Zusammenstöße zu verhindern. Im übrigen, so Staab, stelle die Autobahn fast so etwas wie eine natürliche Grenze dar. Der Lärm ist gewaltig. Er beeindruckt allerdings nicht alle Tiere gleichermaßen. An der stark befahrenen Staatsstraße 2305 oberhalb der Stadt Alzenau beispielsweise versammelt sich in der Dämmerung nahezu jeden Tag ein kleines Hirschrudel.
Die Polizei weiß von einem prachtvollen Zehnender zu berichten, der auf dem Seitenstreifen die Gesellschaft von fünf Hirschkühen und mehreren Kälbern anscheinend sehr genieße und sich auch durch starken Autoverkehr und Lärm nicht beim Äsen stören lasse. Die Hirsche kommen und gehen, und es passiert nichts, berichtet Alfred Hauck von der Polizei in Alzenau. Dafür erwischt es die Rehe ständig. In seinem Revier werde die Polizei im Durchschnitt täglich zu einem Wildunfall gerufen. Einen deutlichen Anstieg der Zahl im Herbst aber mag er nicht erkennen.
Angefahrene Tiere werden erschossen
Auch Hajo Feldmann, der Vorsitzende der Jägervereinigung Aschaffenburg-Spessart, widerspricht der landläufigen Meinung, die seit Anfang Oktober üblichen Gesellschaftsjagden versetzten das Wild in eine solche Panik, daß man es vermehrt auf den Straßen antreffe. Er weist statt dessen darauf hin, daß in den zurücklegenden Jahren immer mehr Strecken begradigt worden seien. Dies veranlasse die Autofahrer, schneller zu fahren. Die Chance, dem Wild noch rechtzeitig auszuweichen, sinke darum zwangsläufig.
Während Fasanen, Hasen und Rebhühner in den Revieren des Landkreises Aschaffenburg so selten sind, daß die Jäger sie schonen, sind Hirsche, Rehe und vor allem Wildschweine stark vertreten. Das Schwarzwild ist bei den Autofahrern besonders gefürchtet. Eine ausgewachsene Sau bringt mehr als 100 Kilogramm auf die Waage. Das Lebendgewicht eines Rehs hingegen beträgt lediglich zwischen 15 und 25 Kilo.
Wenn die Polizei zu einem Wildunfall gerufen wird, verständigt sie in der Regel den Eigentümer oder Pächter des Jagdreviers. Dieser ist gehalten, sich auf dem schnellsten Weg zur Unglücksstelle zu begeben. Denn wenn das Tier noch lebt, muß es mit einem Fangschuß erlegt werden. In den Fällen, in denen der Inhaber des Reviers allzu lange auf sich warten läßt, greift unter Umständen auch ein Polizist zur Waffe. Nach Feldmanns Worten muß das Tier nicht in jedem Fall vollständig entsorgt werden. Ob das Fleisch noch genießbar sei, hänge von Ausmaß und Art der Verletzungen ab.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa