Imagemängel

„Das Rhein-Main-Gebiet hat keinen Glamour“

Von Mechthild Harting

14. Mai 2008 Frankfurts Wirtschaftsdezernent fordert eine neue Image-Kampagne für seine Stadt. Unterdessen arbeiten Banken und die Deutsche Börse mit dem Land Hessen daran, ein spezielles Marketing für den Finanzplatz Frankfurt aufzubauen. Gleichzeitig bereisen Mitarbeiter der Frankfurt/Rhein-Main GmbH die Welt, um die Vorzüge des Ballungsraums zu preisen, die Hessen-Agentur betreibt Wirtschaftsförderung für das Land, und Tourismus-Fachleute von Region und Kommunen leisten ihre Werbeeinsätze.

Nicht nur beim Marketing mutet das Auftreten der Region unkoordiniert an. Zahllose Initiativen zeigen die „Vielfalt der Region“, wie das chaotische Nebeneinander von Arbeitskreisen, Vereinen und GmbHs im Politikjargon gerne verbrämt wird: Ministerpräsident Roland Koch (CDU) etwa will mittels des neuen Kulturfonds der Region zu international beachtetem kulturellem Glanz verhelfen, der Regionalpark soll die Schönheit der Landschaft zeigen, die Route der Industriekultur auf das industrielle Erbe hinweisen, die „Wissensregion“ auf die Potentiale aufmerksam machen, die Hochschulen und andere Bildungseinrichtungen bieten.

„Themenwelt Frankfurt/Rhein-Main“

Die Wirtschaftsinitiative Rhein-Main, ein Zusammenschluss von rund 160 Unternehmen in der Region, hat angesichts dieser Ausgangslage im vergangenen Jahr einen neuen Versuch gestartet, eine Strategie zu entwickeln, um die regionale Kakophonie zu beenden. Das Ergebnis ist die „Themenwelt Frankfurt/Rhein-Main“, die im Januar von Flughafenchef Wilhelm Bender als Vorsitzender der Wirtschaftsinitiative und von Deutsche-Bank-Vorstand Hermann-Josef Lamberti präsentiert wurde. Die Schweizer Agentur Arthesia will dabei die Region unter drei Aspekten betrachten: „Ewiger Drehpunkt“, „Offene Denkmaschine“ und „Wachsende Schönheit“.

Von heute an werden sich in den nächsten drei Tagen Kommunalpolitiker, Unternehmer sowie Vertreter aus Kultur, Bildung und von Verbänden zusammensetzen. Sie sollen die vorhandenen Initiativen den drei Aspekten zuordnen und Anstöße für neue zu geben, die in einem nächsten Schritt mit Interessierten in der Region weiterentwickelt werden sollen. „Ende des Jahres“, kündigte Arthesia-Geschäftsführerin Annette Schömmel an, „sollte aus dem Vorhaben etwas entstanden, etwas sichtbar sein.“

Die Agentur hat der Erarbeitung eine Analyse der Region vorangestellt, die sie selbst unter dem Stichwort „Das Frankfurt/Rhein-Main Dilemma“ zusammenfasst: Die Region sei bei internationalen Rankings immer im vorderen Drittel dabei, „doch leider nirgends wirklich ganz vorne“ – ausgenommen, wenn es um die Rolle der Region als internationaler Infrastrukturknotenpunkt gehe und um die, so Arthesia, „gefährdete“ Bedeutung als internationaler Finanzplatz.

„Boring Frankfurt/Rhein-Main“

Die Bemühungen der Region, sich als Wissenschaftsstandort zu präsentieren, wird von den Beratern anerkannt, doch alle Regionen wollten Wissenschaftsstandorte werden, und viele hätten dabei einen deutlichen Vorsprung. Wenig charmant klingt das Urteil der Schweizer Agentur, das sie unter dem Motto „Boring Frankfurt/Rhein-Main“ zusammengefasst haben: Es gebe keinen Zeitpunkt im Jahr, an dem es eine gesellschaftliche Verpflichtung sei, in Frankfurt Station zu machen – das kulturelle Angebot mache dies nicht erforderlich. „Die Region hat keinen Glamour“, resümieren sie. Selbst die vielbeschworene Lebensqualität, das viele Grün, die kurzen Wege lässt Arthesia nicht uneingeschränkt als Pluspunkte gelten: Alle mitteleuropäischen Regionen böten Ähnliches.

Die erkannten Defizite zu beseitigen ist nach Ansicht der Wirtschaftsinitiativen schon deshalb erforderlich, um im Wettbewerb um kreative Arbeitskräfte und finanzkräftige Investoren nicht ins Hintertreffen zu geraten. Dass das Nebeneinander der zahllosen Initiativen darüber hinaus viel Geld verschlingt, auch das der Steuerzahler, wäre ein weiteres Argument.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Claus Setzer

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